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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-03-27 · 13 (27.3.1891) · p. Seite 225

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
13 (27.3.1891)
Date
1891-03-27
Page
Seite 225 (sequence 3)
Language
German
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Hefterreichlfche Mochmfchrift Sette 228. beileibe nicht. Die sind ohnedies brav, bei diesen wirthschaftet das Capital nach den Grundsätzen der christlichen N ä ch st e n l i e b e. Hinsichtlich der Presse ist selbstverständlich, weil sie angeblich die fast ausschließliche Domäne des auserwählten Volkes ist, mit einem direkten Racengesetze sofort einzugreifen. Kein Jude darf Eigenthümer oder Aktionär einer Zeitung sein, noch auch verantwortlicher oder thatsi.chlicher Redakteur, ja er „darf" nicht einmal zum Redactionspersonale gehören. Artikel ohne Namen oder mit angenommenen Namen (Pseudonymen) sind bekanntlich nicht zu dulden, für Nachrichten ist Ursprungsbürgschaft zu fordern, ein verschärftes Berichtigungsverfahren ist einzuführen, Inseraten- und Reclamwesen ist natürlich mit einem Schlage zu vernichten (so weit es jüdisch ist) und es werden dann erst Blätter, wie z. B. das Wiener „Vaterland" oder „Deutsche Volksblatt" ordentlich gedeihen, dick und fett werden können Daß Unterricht und Erziehung von den Juden gründlich zu säubern sind, versteht sich von selbst, und es ist nur possierlich, im Grunde aber betrüblich, anzusehen, wie ein Mann, der anderwärts für die Aufhebung des dogmatischen Unterrichts eintritt, „augenblicklich" die konfessionelle Schule als das Mittel hinstellt den Judeneinfluß (?) vom Volksunterrichte ferne zu halten. Was aber dieser augenblicklichen und vorläufigen konfessionellen Schule, welche die Priesterschaft und ihre Trabanten mit glühendem Eifer anstreben und wenn erlangt, wohl in Jahrhunderten nicht mehr aufgeben würden, alsdann folgen soll, das verschweigt uns der Meister des Styls. Dührings „Judenfrage", die übrigens nur aus Rache gegen bestimmte jüdische Universitätscollegen geschrieben scheint, ist ein lehrreiches Beispiel, wie weit sich um einer verbohrten Schrulle willen ein Gelehrter von seiner sonst auf dem Boden der freiesten Forschung stehenden Wissenschaftlichkeit entfernen, und die Verdienste, die er etwa hat, selbst in Frage stellen kann. Und um dieses Zornausbruchs eines sich verkannt wähnenden Professors willen, dessen realistischer Pessimismus wohl auch sonst zum reinen philosophischen Bankerott hinführt, hätten wir unseren von Lessing, Schiller und Goethe empfangenen Humanismus über Bord geworfen, hätten im Ernste geglaubt, daß die Schaffung eines Ausnahmszustandes für eine einzelne Race denkbar wäre, ohne daß an die errungenen allgemeinen Freiheiten s e l b st die Axt angelegt werden würde? Diese grundsätzliche Forderung des Antisemitismus ist ein heilloser Jrrthum; ich habe schon oben bemerkt, daß ich nie daran ernsthaft zu glauben vermochte. Spricht doch selbst Dühring die Warnung aus: „Man sehe überall zu, daß man nur das Judenwalten treffe; aber nicht auch noch sich um der Juden willen das zweite Uebel schaffe, durch eine Verallgemeinerung der Maßregeln die allgemeine Freiheit in Mitleidenschaft zu ziehen." Ihm selber schwant es also, und er ist noch ehrlich genug es anzudeuten, daß sein Antisemitismus in die Praxis übersetzt, dem allgemeinen Freiheitszustande gefährlich werden könnte. Und in der That bedarf es keiner ungewöhnlichen Ahnungsgabe, dies einzusehen: was würde nicht der siegreich gewordene Judenhaß für Bollwerke errichten zu müssen glauben, um die Wiederkehr der vermeintlichen Judenherrschaft zu verhindern? Woran würde das vereinte Heer der „Christen" nicht mit roher Faust sich vergreifen, um der „Verjudung" des öffentlichen Lebens und des Privatlebens hiefür wirksam vorzubauen? Die Freiheit der Wissenschaft und des Gewissens, gerade das Kostbarste, was wir Culturmenschen besitzen, würde schwere Einbußen erleiden, nein, würde hinweggefegt werdenmüssen, vollständig, bis auf den letzten Rest; denn wenn man die Juden vollends überwinden will, muß man auch m i t den „Judengenossen" au fr Lumen, und das sind offenbar alle, welche sich nicht zumseligmachenden Glauben desAntisemitismus bekennen. Die bekannte Parteilosung lautet ja: „Wer nicht für mich ist, der ist wider mich." Alles also, was wir unter dem Begriffe der geistigen Freiheit zusammenfassen, würde und müßte zugleich mit demJudenthume geknebelt und geknechtet werden, und diese Gefahr ahnend, betont der sonst aufgeklärte Mann immer wieder den Grundsatz, daß die allgemeinen Freiheiten aufrecht zu erhalten und nur die Juden von dem Genüsse derselben auszuschließen seien. Wir aber glaubten die „Nation" zu kräftigen, und haben nichts gekräftigt, als den Klerikalismus, den natürlichen Widersacher der geistigen Freiheit. So ist es mein lieber Hermann, sträube dich, wie du willst! Nun also, um bei der Systematik zu bleiben; Der Antrsemitismus gibt vor, und du schwörst Stein und Bein darauf, vor allem s o c i a l zu wirken. Und gerade das ist der Punkt, wo ich ihn als verlogen und durchaus uns ittl i ch zu erkennen die Ehre hatte. Ich habe zwar immer geglaubt, es ließe sich gegen die vermeintliche Schädlichkeit des Judenthums am besten dadurch ankämpfen, daß man Gesetze schafft, welche die Corruption überhaupt beim Schopfe packen, unreelle Concurrenz und was sonst in der Kette socialer Uebelstände mitvergliedert ist^ gemeinsam angreifen und im Allgemeinen auch das Besondere, nämlich die Judenheil, mitbetreffen. Weck gefehlt! Der echte Antisemit ist gar nicht „social" in diesem S inne; denn er dünkelt sich in den Hochmuth hinein, daß er selbst ein Wesen höherer Ordnung ist und von der „Corruption", diesem in der Phantasie gigantisch vergrößerten, sonst aber alten Erbübel der Menschheit, durchaus unberührt sei. Er ist der wahre Unschuldsengel, ob er auch in geschäftlichen Pfiffen undKniffen, in Wahrn ehmung seines eigenen Bortheiles, in Ausbeutung der Arbeitskräfte, kurzum in derFörd erung seines heiligen Ichs gar niemanden nach steht. Er will aber nur Specialgesetze gegen die Juden, ein Juden- Capitalgesetz, ein Juden-Fabriksgesetz, ein Juden-Concursgesetz u. s. w., indem er sich sagen läßt: „Die Judenftage s e l b st ist eine sociale Frage und zwar eine von erster Ordnung; ja vorläufig rangirt sie noch v o r der allgemeinen socialen Frage, denn sie ist nicht bloß eine Lebensftage des aufstrebenden Arbeiterthums, sondern eine Existenzftage der modernen Völker." (Dühring.) Der Jude ist also „antisocial", und darum müsse man ihn bekämpfen, ehe inan an die Lösung der socialen Frage selbst Herangehen könne. Oder mit anderen Worten: Man muß die Blicke der Mitwelt von den allgemeinen Ursachen des socialen Unbehagens ablenken, muß ihr den Glauben beibringen, daß es nur eine besondere und einzige Ursache desselben gebe, nämlich den Juden und nichts als den Juden; man muß ihr: wie es in „christlich-socialen", „deutschnationalen" und anderen antisemitischen Versammlungen, Blättern und Kundgebungen geschieht, weiß machen, daß das Judencapital, die Judenconcurrenz, die Judenmoral, der Judenliberalismus es seien, welche die sociale Frage erst in so erschreckender Deutlichkeit aufgerollt haben, muß ihr verschweigen, daß es große sociale Calamitäten schon zuZeitengegeben habe, wo die Juden noch, weiß Gott wo, mindestens in den Pferchen ihrer Ghettos steckten, mußihr verschwei gen, daß der einzige und allgemeine Feind einer „socialen" Orh-

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