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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-03-20 · 12 (20.3.1891) · p. Seite 220

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
12 (20.3.1891)
Date
1891-03-20
Page
Seite 220 (sequence 14)
Language
German
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Sette 220 Hesterreichifche Wochenschrift Nr. lä. Als sich der Sturm endlich gelegt hatte, erhoben sich wie gewöhnlich, die Sperrsitzabonnenten von ihren Plätzen, kehrten der Bühne den Rücken zu und hielten Umschau im Saale. In den Logen des ersten und zweiten Ranges sah man mit Juwelen und Blumen geschmückte Frauen, welche durch das im Zwischenacte hellauflodernde Licht des großen Lusters mit ihren entblößten Schultern und prächtigen Büsten in vollem Glanze erschienen. Nächst dem Orchester hatte sich eine kleine Gruppe von Habitues gebildet und einer derselben sagte aus eine Parterreloge zeigend: „Das Judenpaar hat nun auch die schönste Loge." In dieser Loge saßen ein Herr und eine Dame, er nahe dem Greisenalter, sie um vieles jünger; beide von unverkennbar jüdischem Typus. Die Frau schien inmitten dieser festlichen Umgebung einer Melancholie hingegeben zu sein. Noch vor Ende des Zwischenactes waren schon Aller Augen auf die Loge gerichtet und den Jnsaßen derselben begegneten von allen Seiten hämische Blicke. Zum Schlüsse der Vorstellung als das Paar die Treppe hinabstieg und während sie im Vestibüle auf ihren Wagen warteten, waren sie der Zielpunkt der gehässigsten Bemerkungen aller vor ihnen Vorübergehenden. Am nächsten Tage erhielten Herr und Frau Kahn — so hieß das Paar — den Besuch des Theaterdirectors. Er zeigte mehrere Briefe vor, die er heute schon in aller Frühe von den Abonnenten der Logen und Sperrsitze erhalten, worin ihm ein Theaterstrike angekündigt wird, wenn das Judenpaar noch einmal in einer Loge oder in den ersten Sitzreihen gesehen werden sollte. Er bat Herrn Kahn flehentlich, das Abonnementsgeld zurückzunehmen, da er sonst am längsten Director dieses Theaters gewesen sei und seine ganze Gesellschaft brotlos wäre. „Aber, was haben wir denn den Leuten getyan?" - „Nichts, es ist der reine Judenhaß." „Judenhaß? während sie dein Stücke eines Juden und den jüdischen Darstellern wie wahnsinnig applaudirten?" „Ja, die jüdischen Leistungen nehmen sie herablassend und wohlgefällig an, nur eine sociale Stellung gönnen sie den Juden nicht." Herr Kahn nahm zwar das Abonnementsgeld nicht zurück folgte aber dem Theaterdirector den Abonnementsschein aus und gab ihm die Versicherung, nie mehr das Haus zu besuchen. Herr Kahn war in . . . geboren. Nach einem Judenkrawalle in der Stadt während der „Morgenröthe" der Freiheit im Jahre 48 ging der zwanzigjährige elternlose junge Mann, verzweifelnd an dem Schicksale der Juden in Europa, nach Auierika. Er hatte das Gymnasium seiner Heimatsstadt absolvirt und während er in der neuen Welt tagsüber bei einem Advocaten als Schreiber sein Brot verdiente, betrüb er in den Abendstunden technische Studien und brachte es darin so weit, daß er nach einigen Jahren einer der anerkanntesten Ingenieure wurde. Er besaß Energie und Phantasie, übernahm den Bau mehrerer Eisenbahnen und erwarb sich durch diese Arbeiten ein großes Vermögen. Schon im vorgerückten Mannesalter lernte er auf einer feiner Geschäftsreisen ein Fräulein seines Glaubens kennen, das als Gesellschafterin bei einer reichen Dame diente und heiratete bald darauf. Der glücklichen Ehe entsproß ein Mädchen, das mit aller Sorgfalt erzogen wurde und geistig und körperlich gedieh, aber als blühende Jungfrau von 18 Jahren plötzlich vom Tode hinweggerafft wurde. Die Mutter verfiel über diesen Verlust in tiefe Schwermuth und die Aerzte riethen zur Rettung der Frau vor Umnachtung ihres Geistes: Reisen. Herr Kahn realisirte seinen Grundbesitz und ging mit seiner Frau nach Europa,wo sie alleGroßstädte besuchten, ohne daß der Trübsinn der Kranken sich gemildert. Endlich kam ihm der Gedanke reine Geburtsstadt auszusuchen und sich da niederzulaffen. Er hatte zwar daselbst weder Verwandle noch Freunde, war es ja schon gar lange her, daß er die Stadt veilaffen. Allein es ging ihm, wie einem verwundeten Thiere. das, durch denJnstinct geleitet,jene Stelle des Waldes oderder Steppe aufsucht, wo essein erstes Lager hielt, um daselbst zu sterben. Vielleicht nrochte auch der Gedanke auf ihn eine mächtige Anziehungskraft üben, als Nabob in seiner Vaterstadt zu leben, welche er so arm verlaffen hatte und ivo cher Jude so verachtet war — war? daß er's jetzt noch ist, konnte er, der sich in di- Verhältnisse eines freien Landes so hineingelebt,. gar nicht fassen. Aber gleich am ersten Tage seiner Aickunft itt.... wo er im ersten Hotel abstieg, bemerkte er, wie hier fast alles noch beim Alten geblieben. Die Juden bewohnten zumeist noch das Ghetto, die Wenigen, die von dem Rechte der Freizügigkeit Gebrauch machten, wagten es nicht in dem eleganten Viertel der Stadt eine Realität zu erwerben oder Wohnung zu nehmen, und im Hotelcafö sah er die sociale Kluft zwischen Christen und Juden, die hier von Tisch zu Tisch geschieden waren. Als amerikanischer Bürger, unter dem Schutze des Sternenbanners in der Fremde, glaubte er der Judenfeindlichkett in ... . trotzen zu können. Er kaufte ein Haus am Hauptplatze, setzte sämmtliche Möbelhändler, Tischler und Tapezierer der Stadt in Bewegung, um sein neues Heim mit Pracht und Eleganz ausstatten zu lassen, und nach acht Tagen hatte der Jude die schönste Wohnung der Stadt inne. Unerhört in ....! Und nun begännen die Chicanen gegen diesen „kecken Juden", der es wagte, sich hier über die Demüthigungen hinwegzusetzen, mit denen man die Juden der Stadt behandelte. Herr Kahn achtete nicht darauf. Er spendete den Armen mit vollen Händen; aber er erkaufte sich nicht, wie die reichen heimischen Juden, die Gunst der Feinde mit guten Diners, feinen Cigrenar und Geldborgen. Man sprengte aus, daß Herr Kahn in Mexico Wegelagerer und Frau Kahn in New-Iork eine Dirne gewesen sei, daß sie einen reichen Engländer ausgeraubt, einen Pflanzer vergiftet, ganze Schiffsladungen trichinösen Schweinfleisches verkauft und einige Fahrzeuge mit Mann und Maus in die Luft gesprengt hätten, um die Affecuranzprämie zu beheben und dergleichen mehr. Und nun begann eine allgemeine Verfolgung gegen sie. Es wurde guter Ton, diesem Judenpaar die größten Insulten zuzufügen, wie z. B. ihnen auf ihrem Wege mit sichtbarer Absichtlichkeit auszuweichen oder mit einer Geberde des Abscheus den Kops abzuwenden. Man gab ihnen Spitznamen, welche die Kinder auf den Promenaden einander zuriefen, wenn sie den amerikanischen Juden und seine Frau vorübergehen sahen. In dem sonst so friedfertigen Geiste dcs Juden ging dadurch eine gewaltige Veränderung vor. Das Gefühl der ungeheuerlichen Ungerechtigkeit, welche täglich gegen ihn verübt wurde, versetzte ihn in eine furchtbare Aufregung. Und er hätte all das noch ertragen, wenn sich diese Verfolgung nur gegen ihn gerichtet hätte. Aber man insultirte auch seine Frau, das arme, theure Wesen, das Niemandem ein Leid zugefügt und von der Welt blos die Erlaubniß beanspruchte, ihr Kind zu beweinen. Warum verfolgte man sie? Das Paar wohnte jetzt bereits drei Monate in .... als ihm die Eingangs erwähnte Kränkung im Theyter zugefügt wurde und seine Aufregung auf's Höchste steigerte. Tags darauf ging er in seinem Unmuthe allein in eine der entlegensten Partien des städtischen Gebirgsparkes spazieren . und sah eine Gruppe junger Männer unter geräuschvollem Lachen auf sich zukommen. Es waren Söhne der ersten Patricier der Stadt, die von einem Dejeuner in einem der Restaurants des Parkes kamen. „Ah, sieh da," sagte einer derselben, „der kecke Jude weicht uns nicht einmal aus!" Herr Kahn erhob die Hand, versetzte dem Jungen einen furchtbaren Backenstreich und ging seines Weges weiter. Einen Augenblick herrschte unter den jungen Leute'. Verblüffung. Aber sie erholten sich bald, rannten dem Kahn nach und hieben mit ihren eisenbeschlagenen Stöcken so lange auf ihn ein, bis er blutüberströmt am Platze liegen blieb, worauf sie sich eiligst entfernten. Bald darauf wurde Herr Kahn in bewutztloßem Zustande von einem Spaziergänger aufgefunden. Die ganze Stadt war allarmirt. Nach Hause gebracht, constatirten die Aerzte Lebensgefahr. In der letzten Stunde schien dem Schwerverwundeten das Bewußtsein zurückzukehren, aber der Blutverlust hatte ihn so geschwächt, daß er nicht zu sprechen vermochte. Man vernahm nur ein Lispeln: „Sodom, Sodom" und dann ein Röcheln, das wie „ - reckt," ausklang, womit er den Geist aufgab. Noch während der Vorbereitungen zum Leichenbegängniffe, welche der Leichenbestattungsverein der jüdischen Gemeinde traf, brach bei der unglücklichen Frau der Wahnsinn aus, und wurde behördlicherseits zur Überwachung derselben Vorsorge getroffen.

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