Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 12 (20.3.1891)
- Date
- 1891-03-20
- Page
- Seite 216 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 216 Hefterreichtfche Wochenschrift M. 12, der Bethmann (Inhaber eines alten Frankfurter Bankhauses) neulich im Casino gesagt: „Ach, diese schmutzigen Juden!" Karlchen, wenn du mit ihm zusammenkommst (brauchst ihn gar nicht aufzusuchen), sag' ihm von mir, diese schmutzigen Juden haben sich gewaschen, haben einen neuen Rock angezogen, sind fleißig und stets bei der Hand gewesen und haben die faulen Leute, die sich was einbilden auf die paar Batzen, die sie haben, und auf die Bälle, die bei ihnen gehalten worden sind, weit hinter sich gelassen. (Auf einem Ball im Bethmann'schen Hause trafen sich näml'ch zuerst (1792) der nachmalige König Friedrich Wilhelm III., damals noch Kronprinz, und die schöne Luise von Mecklenburg.) Karlchen, was du auch wirst im Leben, hüte dich vor Hochmuth, das taugt nicht!" — Und das „Karlchen" ist wirklich im Leben nie hochmüthig geworden, obwohl Könige und Fürsten gern mit ihm zu thun hatten und sich an seinem klaren Verstand, seinem ausgebreiteten Wissen mib seiner großen Kunstkennerschaft erfreuten. „Karlchen" wurde auch einst, es war zu Anfang der achtziger Jahre, von dem König Oskar von Schweden, der damals seine kranke Gemahlin in Heidelberg besuchte, um eine Unterredung gebeten, wegen der schwedischen Finanzen.. Obwohl der König zu diesem Zweck nach Frankfurt kommen wollte, fuhr Baron Rothschild doch zuvorkommend nach Heidelberg, wo er den König im Kreise seiner Familie traf. „Bester Baron," sagte der König-Dichter, „Sie müssen mir bei einem großen Finanzplan helfen, den ich meinen Ministern vorlegen will,- wir zahlen jetzt an die *** viel zu viel." — ..Ja, Majestät, rathen will ich Ihnen gern, wo Sie es wünschen, aber Niemanden aus der Kundschaft drängen, das geht nicht kür das Haus Rothschild." — „Wenn wir aber zu Ihnen kommen utib Sie dringend bitten, unser Bankier zu sein, dann werden Sie uns doch wohl nicht abweisen?" Und der König ergriff die Hand des Finanzmannes und sah ihm so treu in die Augen, daß dieser herzlich lachend erwiderte, ein solcher Wunsch müsse ihm Befehl sein. Und die große schwedische Conversion, eine der ersten bedeutenden der achtziger Jahre, kam nicht bei dem Haus * * *, in dessen Gefolgschaft jetzt „Gebrüder Bethmann" fast bei jedem nutzbringenden größeren Geschäft stehen, sondern bei dem Haus Rothschild zu Stande. Baron Karl aber sagte bei einer Gelegenheit dem Verfasser dieser Zeilen: „Was mich für den Verlust meiner einst prächtigen Haare und für meinen Glatzkopf tröstet, ist das. daß ich keine Butler auf dem Kopfe habe, welche schmilzt und trieft, wenn man in die Sonne gestellt wird." 4- * * * (Wann ist Heinrich Heine geboren?) Heinrich Heine hat bekanntlich selbst angeaebcn, daß er in der Neujahrsnacht von 1799 auf 1800 geboren und also einer der „ersten Männer des Jahrhunderts" sei Dies ist aber nnrichtia, wie eine Notiz in dein neuen fünften Jahrbuch des Düsseldorfer Geschichtsvercins darthut, da aus den vorhandenen Auszeichnungen des Rabbiners Scheuer über die von 1797 bis 1808 in Düsseldorf geborenen Judenkinder hcrvorgeht. daß Harry Heine im Februar 1798 geboren ist. Als das Geburtsjahr seiner Schwester Sarah ist 1802, als dasjenige von Gottschalk Heine 1803 und von Meyer Heine 1804 genannt. (Lorrespondenzen. Wie«. In Nr. 9 dieser Blätter haben lvir den allgemeines und berechtigtes Aufsehen erregenden Erlaß des Grazer Oberlandesgcrichtspi äsidenten R. v. Maser mitgetheilt. Die osficiöse «Polit. Corr." brachte nun dieser Tage folgendes Communiquö: „Die Auffassung, welche der Erlaß des Oberlandesgerichtspräsidenten v. Waser an die Gericht? in Steiermark, Kärnten und Krain, betreffend die antisenlitische Bewegung, in einigen Zeitschriften und in anderen Kundgebungen gefunden hat, bestimmte das Justizministerium, Bericht über jene Wahrnehmungen einzuheben, welche dem Präsidenten als nothwendig erscheinen ließen, die Gerichte in dieser Beziehung an ihre Pflicht zu mahnen. Das Justizministerium hat nun die beruhigende Ueberzeugung gewonnen, daß keine Fälle vorliegen, aus welchen ein Zweifel an der vollen Unbefangenheit der Rechtsprechung abgeleitet werden könne. Es muß also vorausgesetzt werden, daß der Präsident nur verhindern wollte, daß eine bei der letzten Wahlbewegung zum Vorschein gekommene Strömung auch in richterlichen Kreisen Verbreitung finde." Ob dieser Verlautbarung herrscht nun Heller Jubel in der antisemitischen Presse, die in diesem halbamtlichen Commuoiqne eine Desavouirung des Oberlandesgerichtspräsidenten v. Waser erblickt. Das vornehme „Vaterland" begleitet das Communiquo mit der hämischen Bemerkung: „Hiemit ist dem manchmal allzu schreib- und redseligen Grazer Oberlandesgerichtspräsidenten ziemlich deutlich gesagt, daß er seinen Antisemitenerlaß in der beliebten Form besser ganz unterlassen hätte." Ehren-V e r g a n i ist aber vor Freude so aus dem Häuschen gerathen, daß er schon den blauen Bogen sieht, der dem Präsidenten v. Waser zugestellt werden wird. Mittlerweile feierte R. v. Waser am 12. d. M. seinen achtzigsten Geburtstag und erhielt Glückwunschadreffen von den Justizbeamten des Grazer Oberlandesgerichtssprengels, der Grazer Advocatenkammer und dem Juristenvereine. und unter den eingelanfenen Glückwunschdepeschen war auch eine — vom Justizminister Grafen Schönborn. Srag, 16. März. Einer der Programmpunkte, welchen die jungczechische Partei bei der Gründung aufstellte, war der Satz: „Gleich in ihren Rechten und Pflichten, mögen die Bewohner dieses Landes, sei ihr Glaubensbekenntniß welches immer, sich vereinen zum Wohle des gemeinsamen Vaterlandes." — Diesen Grundsatz bethätigte die Partei auch bei den letzten Wahlen. In ihrem Wahlaufrufe heißt es: „Ueberzeugt, daß die Sorgfalt um die Sicherheit und Rechtsgarantie aller Bewohner, ohne Unterschied der Nationalität, des Glaubens und Standes, Zweck des Staates und Bedingung seines Bestandes, seines Gedeihens und seiner Stärke sind, werden die Abgeordneten unserer Partei es als eine ihrer hervorragenden Pflichten betrachten, einzutreten für eine feste Rechtsordnung, um sichern, gleichen Schutz für alle Bewohner und alle Nationen dieses Reiches kin ihren wirthschaftlichen, nationalen und culturellen Bestrebungen." Diesen Programmpunkt haben auch mehrere Candidaten dieser Partei in den Wählerversammlungen ausführlich erläutert. So hat Herr Ingenieur Kaftan in allen von ihm besuchten Wählerversammlungen, auch in dem klerikalen Stadttheile Wyschehrad, besonderes Gewicht darauf gelegt, daß die jungczechische Partei die religiöse Gleichberechtigung aller Staatsbürger hochhält. „Ich würde", sagte er in der Josefstädter Wählerversammlung, „auch nicht einen Moment Mitglied einer Partei sein, die einen Unterschied zwischen einem Bürger und dem andern machen sollte, insbesondere wenn die Glaubensverschiedenheit die Ursache dessen sein sollte." In einer anderen im Sofiensaale von mehreren tausend Wählern aus allen Stadttheilen Prags besuchten Versammlung erklärte er unter dem Beisalle aller Anwesenden: „Unserer Partei ist ein jüdischer Mitbürger gleichwerthig wie ein christlicher, wenn er nur seine staatsbürgerlichen Pflichten wie dieser erfüllt." In der Karolinenthaler Wählerversammlung erklärte der Abgeordnete dieses Wahlbezirkes. Herr Dr. Kaizl. auf eine von Herrn Schulz gestellte Anftage: „Ich betrachte die antisemitischen Parteien für ein Ergebniß einer politischen Verirrung. Der große wirthschaftliche Niedergang der Kleingewerbe — ich habe hier vor Augen die Verhältnisse in Wien, dem Hauptsitze des Antisemitismus —