Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 12 (20.3.1891)
- Date
- 1891-03-20
- Page
- Seite 213 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 Gesterreichifche Wochenschrift Seite 213 Aber auch aus der Vertreibung der Juden zog der König noch seinen Nutzen, da ihre zurückgebliebenen Güter und Außenstände als Eigenthum des Königs galten. So blieb die sedtar-Kammer der Juden in England noch weiter, indem sie von den Königen zur Verbesserung ihrer Verhältnisse noch häufig durchforscht wurde. Mag nun die. Vermuthnng, daß der Gerichtshof, welchen Heinrich VlI. errichtete, seinen Namen 8tar-ekamdei' von der älteren 8ebtg,r-Kammer der Juden erhalten haben, richtig oder unrichtig sein, so steht doch so viel fest, daß dieser auf der Stätte des früheren Judenamtes wirkende Gerichtshof nur ein späterer Repräsentant desselben despotischen Geistes war, welchem das frühere Jndenamt diente und in gleicher Weise ein Werkzeug der königlichen Willkür und Gewaltthätigkeit. Mit dem Untergänge der Sternkammer ist aber für England jede Erinnerung an die frühere finstere Zeit der Willkür geschwunden. Sie schwand mit dem aufsteigenden Stern C r o m w e l l's, mit welchem auch für die Juden in England ein neues und Helles Licht der Menschlichkeit und Gerechtigkeit aufging. Oesterreichisch-israelitische Union. Unter massenhafter Betheiligung seitens der jüdischen Wählerschaft aller Bezirke hielt die Oesterreichisch-israelitische Union Samstag den 14. März eine Vereinsversammlung ab, welche der Besprechung der bevorstehenden Gemeinderathswahlen gewidmet war. Diestürmischen Scenen dieser Versammlung, die Erregtheit, die in den meisten Reden dieses Abends zum Ansdrucke kam. gaben beredtes Zeugniß, mit welch' bangen Erwartungen speciell die jüdische Wählerschaft dem Ergebnisse der diesmaligen Gemeinderathswahlen entgegensieht. Bemerkenswerl h ist die Mittheilung des Präsidenten dieses Vereines, daß die Oesterreichisch-israelitische Union bei den stattgefundenen Reichsrathswahlen nicht activ eingreifen konnte, weil es zumeist fortschrittliche Candidaten waren, die sich gegenseitig bekämpften, und daß der Verein aus diesem Grunde bezüglich der bevorstehenden Gemeinderathswahlen vorläufig eine zuwartende Stellung einnehmen will. Nachstehend der Bericht über die Versammlung, welcher u. a. die Herren Gemeinderäthe Dr. Alfred Stern und Wilhelm S t i a ß n y, sowie die Cultusvorsteher Max Fleischer und Generalsecretär Leinkauf beiwohnten. Der Präsident Dr. Grünfeld begrüßte die Versammlung und gab seiner Freude über die Wiederwahl des Abgeordneten. Dr. Bloch beredten Ausdruck. Ar. Wtoch von der Versammlung mit minutenlangem Beifalle, Hüteschwänken und Händeklatschen begrüßt, widmet vc.r Beginn seines Vortrages dem verstorbenen deutschen Abgeordneten W i n d t h o r st, welcher wiederholt für die Gleichberechtigung der Juden eintrat, einen ehrenden Nachruf, und ehrt die Versammlung das Andenken an den Dahingeschiedenen durch Erheben von den Sitzen. Ueber Antrag des Herrn Dr. Bloch wird der Vorstand des Vereines diese Kundgebung an die Witwe, sowie an die Partei des Verstorbenen gelangen lassen. Dr. Bloch schildert hierauf die erbitterten Kämpfe, welche anläßlich seiner Wiederwahl in seinen drei Wahlbezirken stattgefunden haben, die unlauteren Mittel, deren sich seine Gegner bedienten, sowie den Heldenmuth. welchen die Juden seines Wahlbezirkes, trotz der vielfachen Bestechungsversuche und Angriffe seitens seiner Gegner bewahrten. Selbst die allerärmsten Juden waren für vieles Geld nicht zu bewegen, sich der Corruption in die Arme zu; werfen und stimmten, dem Zuge ihres Herzens folgend, für Dr. Bloch. Herr E. R e u st a d t l besprach das traurige Ergebniß der jüngsten Reichsrathswahlen und trat der Candidatnr des Herrn Ludwig Lang, welcher sich um ein Gemeinderathsmandat bewirbt, entschieden entgegen. Die persönlichen Ausfälle dieses Redners wurden vom Vorsitzenden, sowie von der Versammlung energisch zurückgewiesen. Herr Markus bespricht die Verdienste, welche sich Herr Ludwig Lang um die liberale Partei erworben habe; Redner plaidirt für die Unterstützung dieses Caudidaten, welcher aus einer alten Patricierfamilie stamme. Herr Fleischer kennzeichnet die Kampfesmittel der Antiliberalen anläßlich der Wahlen uud verurtheilt es, daß das liberale Wahlcomit^ schon vor den Reichsrathswahlen den größten Theil der Mandate für den Gemeinderath vergeben habe. Redner begrüßt die Candidatur des Herrn Dr. Heinrich Fried jung als eine ftische, intelligente Kraft und ist bereit, für dieselbe einzutreten, wenn die Voraussetzung sich bestätigt, daß Dr. F r i e d j u n g nicht mehr auf dem Standpunkte jenes extremen Nationalismus steht, welcher als der Vorläufer und die Urquelle des Antisemitismus anzusehen sei. Man möge sich vor Augen halten, daß je mehr die fortschrittlichen Parteien an Zahl einbüßen, umsomehr sie an Qualität gewinnen müssen. (Lebhafter Beifall). Herr B r o d richtet einen Appell an die jüdischen Gewerbetreibenden, sich behufs Agitation bei den kommenden Gemeinderathswahlen der Union zur Verfügung zu stellen. Herr Ludwig Lang findet einen Kampf gegen die Reactionäre fiir begreiflich, nicht aber einen solchen untereinander. Herr Lang verspricht, im Gemeinderäthe n i e stiller Zuhörer der antisemitischen Beschimpfungen zu sein, sowie bei jeder sich darbietenden Gelegenheit dem Antisemitismus auf das Entschiedenste entgegenzutreten. Herr Lang begrüßt mit Freuden die Einigung zwischen Liberalen und Demokraten, welche es zuwege brachte, daß das liberale Centralwahlcomitö die Herren Silbe rer und Gfrorn er als Candidaten nominire Herr L. Fried schlägt der Versammlung die Candidaturen der Herren Dr. Alfted Mittler und Dr. Heinrich S t e g e r vor. Dr. Bloch erwartet von jedem Candidaten, welcher in der „Union" candidirt, daß derselbe frei und offen erkläre, ob er bereit sei, gegebenen Falles für die vieltausendjährige Geschichte der Juden einzutreten. Dr. Bloch wendet sich direct an Herrn Dr. F r i e d j u n g, dessen deutschnatiouale Gesinnung ihm von früherher bekannt sei, und fragt diesen Candidaten. ob er unter diesen Bedingungen feine Candidatnr aufrecht erhalte, falls er nicht mehr auf dem extremen Standpunkte der Deutschnationalen stehe, sage er ihm seine vollste Unterstützung zu. Dr. Heinrich F r i e d j u n g dankt den Herren Dr. Bloch und F l e i s ch e r für deren Bereitwilligkeit, ihn unterstützen zu wollen. Dr. Friedjung verspricht mit Stolz für die ruhmreiche Geschichte des Judenthums eintreteu zu wollen, wenn auch nicht für alles, was dieselbe überliefert habe. Was seine politische Gesinnung betrifft, bekennt sich Dr. Fried jung als Anhänger des äußersten linken Flügels der deutschliberalen Partei, jener Partei, welcher Abgeordnete wie Menger. Pickert und W e i t l o f angehörten, und die es in Deutschböhmen dahin brachten, daß Schönerers Name nur mit Spott und Hohn genannt wird. Mit jener deutschnationalen Partei, welche wie Steinwender mit den Antisemiten kokettirt, mag Redner nichts zu thun haben. Der nächste Redner, Herr Dr. Glaser, geißelt in scharfen Worten die sogenannten Pseudo-Demokraten, als deren Führer Redner Herrn Victor S i l b e r e r bezeichnet, welcher schon einmal ans antiliberalem Programme candidirte. Herr W a l d st e i n unterbricht bei diesen Worten den Redner in so vehementer Weise, daß der Präsident Herrn W a l d st e i n den Ordnungsruf ertheilt.