Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 12 (20.3.1891)
- Date
- 1891-03-20
- Page
- Seite 212 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3020847-3020860--00227-3024205- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 212 Hesterreichifche Wochenschrift Nr 12 eine besondere Quittung und schriftliche Anweisung des Gläubigers an das Amt zur Herausgabe des Schuldscheins nachgewieftn wurde. In diesen Quittungen und Anweisungen bedienten sich die jüdischen Gläubiger der hebräischen Sprache; aber auch für ihre sonstigen geschäftlichen Urkunden war den Juden neben der lateinischen auch der Gebrauch der hebräischen Sprache amtlich gestattet, wofür die jüdischen Gerichtsschreiber jedenfalls als Dolmetscher dienten. So stehen nur hier einer historischen Thatsache gegenüber, welche sonst in der Geschichte der christlichen Welt ohne Beispiel ist, daß die hebräische Sprache für die Juden als eine Rechtssprache für ihre geschäftlichen Urkunden officiell anerkannt wurde. Die centrale Behörde für alle jüdischen Angelegenheiten befand sich aber im Westminster zu London. Dort war das Hauptamt, das eigentliche Schatzamt für die Juden. Dort wurden alle ihre Besitzverhältnisse genau controlirt und dort befand sich auch das Triebwerk für die Steuerschraube ohne Ende, welches von dem König so oft in Bewegung gesetzt wurde. Was war nun der Zweck 'dieser großartigen Organisation? Es läßt sich nicht leugnen, daß sie den Juden zu Zeiten einen wirksamen Schutz gegen die Habsucht der Großen und die Raubgier der Menge gewährte. Denn Kraft dieser Organisation standen die Inden und ihr Besitz unter dem besonderen Schutz des Königs, als dessen persönliches Eigenthum sie erklärt wurden. Es war aber doch ein verhängnißvolles Danaergeschenk, das ihnen mit diesem Privilegium ertheilt wurde und das den Haß des christlichen Volkes gegen sie nur immer mehr vertiefte. Und während es sie einerseits gegen den räuberischen Angriff des Volkes schützte, gab es sie andererseits vollständig schutzlos der willkürlichen Ausbeutung und Ausplünderung des königlichen Hofes preis. Und dies Letztere scheint doch der Hauptzweck dieser Einrichtung gewesen zu sein. Das zeigte sich gleich bei Entstehung der Organisation, welche von Richard Löwenherz in's Leben gerufen wurde. Es waren furchtbare und blutige Vorgänge, welche die Veranlassung dazu gegeben haben. Lange vor Einwanderung der erobernden Normannen waren bereits Juden in England ansäßig. Das erste historische Document, welches sich mit den Juden beschäftigt und ihre Anwesenheit voraussetzt, stammt von Egbright, Erzbischof von Dort aus dem Jahre 940; doch war ihre Anzahl damals jedenfalls noch sehr gering. Erst mit Wilhelm I., dem normannischen Eroberer (1066 bis 1087) begann ihre größere Einwanderung aus Frankreich. Eine Reihe jüdischftcanzösischer Namen in unseren Urkunden weist noch aus den französischen Ursprung hin, so z. B. der häufig vorkommende Name Deulecresse Di?u-le cresse d. h. Gott lasse ihn wachsen, groß sein, was dem hebräischen vrVlJI entspricht, und v*k*h entstanden aus Dieu-aide Gott helfe, welches dem hebräischen entspricht u. dgl. Von dieser Zeit wuchs der Reichthum und die Bedeutung der Juden immer mehr. Die erste Quelle des großen Reichthums der Juden dürfte die Beute der normannischen Eroberer gewesen sein, welche bei den Juden ihre Verwerthung fand und später kamen dazu die Leichtlebigkeit und die großen Ausgaben der Ritter bei ihrer Rüstung und Vorbereitung für die Kreuzzüge, welche sie zur Aufnahme von Darlehen bei den Juden zwangen, und wobei die reichen Juden jedenfalls ihre Rechnung fanden. War es nun Neid und Mißgunst über die Reichthümer der Juden, oder war es jener religiöse Fanatismus, welcher die christliche Welt wie eine Raserei erfaßte und in den Kampf für das Kreuz gegen die Andersgläubigen führte, was auch in England wie im übrigen Europa die beutegierigen und fanatisirten Volksmaffen zunächst zu Mord und Plünderung gegen die Juden reizte? Wahrscheinlich war es Beides. Die erste Judenplünderung und das erste Judengemetzel brach in England bei der Königskrönung von Richard Löwenherz am 3. September 1189 aiis. Die brüske Abweisung einer jüdischen Deputation von Seiten des Königs, welche mit Geschenken sich zur Huldigung des Königs eingefunden. soll für den Pöbel in London das Signal für die Mißhandlung und den Ueberfall der Juden gewesen sein. Unter den bei diesem Aufstand Erschlagenen befand sich auch der in der talmndischen Literatur bekannte Rabbi Jakob aus Orleans, welcher höchst wahrscheinlich der Rabbiner der Londoner Gemeinde gewesen. Die Berurtheilung einiger Plünderer und Brandstifter zum Tode, weil, wie es in der Begründung hieß, auch Christen bei diesem Aufstande zu Schaden gekommen waren, sowie ein Edict des Königs, welcher die Juden unter den besonderen königlichen Schutz nahm und allen denjenigen mit schweren Strafen drohte, die sich an seinen Schützlingen vergreifen würden, verhinderte einstweilen das weitere Umsichgreifen der entfesselten Vvlksleidenschaft. Diese brach aber alsdann um so wilder und furchtbarer hervor, als der König kurz darauf am I I. December 1 i 89 das Land verließ und sich für einige Zeit nach der Normandie begab, um die nöthigen Vorbereitungen für den nächsten Kreuzzug zu treffen, lieber blühende Gemeinden, wie Lynn, Norwich und Stamford wälzte sich nun die Verfolgung wie ein verzehrendes Feuer hin. Am schrecklichsten war aber das Geschick der hochangesehenrn Judengemeinde zu Z)ork. Bald bei Beginn der Verfolgung floh von den Juden alle?, was sich noch rechtzeitig bergen konnte, mit dem Besitz, der in der Eite mitgenommen werden konnte, in die Burg. Nachdem alles, was' an jüdischen Menschen und Gütern zurückblieb, der entmenschten Horde zum Opfer fiel, drang dieselbe aber auch gegen die Burg vor. Hier vrganisirten die Juden einen tapferen Widerstand. Als aber jede Aussicht ans Rettung von den von Geistlichen angeführten und aufgehetzten Belagerern schwand, beschlossen die Juden in der Burg auf Zuspruch ihres Rabbiners Rabbi Jomtvw ans Joigny, sich gegenseitig das Leben zu nehmen. An 500 Personen, darunter auch der greise Rabbi, starben auf diese Weise eines freiwilligen Märtyrertodes; aber auch die Uebrigen, welche die eindringenden Feinde um Gnade und Taufe baten, wurden von diesen grausam niedergemacht. Der von der Normandie zurückkehrende König war wohl auch über diese Greuelthaten, aber jedenfalls am meisten über die Vernichtung und Verschleppung des reichen jüdischen Besitzes sehr erbittert, da er sich als den berechtigten Erben des Vermögens der Inden nach deren Tode angesehen hatte und da er auch des Geldes für seine Kriegsrüstungen sehr bedürftig war. Eine strenge Untersuchung, namentlich wegen der entwendeten Güter und zerstückten Schuldscheine, auf welche der König Anspruch erhob, wurde eingeleitet, und die Stadt Jork wurde zu einer Geldstrafe und zur Stellung von Geiseln vernrtheilt. welche für die Ruhe und den Frieden der sich von Neuem dort ansiedelnden Inden bürgen sollten. Das hatte seine gute Wirkung für die ganze Zeit der Abwesenheit des Königs wegen des Kreuzzuges und bis zu seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft im Jahre 1194. Jetzt wurde aber die Untersuchung wegen der entwendeten Güter und Außenstände der Juden von dem geldbedürftigen König von Neuem mit aller Strenge ausgenommen, und um sich eine dauernde Einnahmequelle zu sichern, wurde jene Organisation für die die Angelegenheiten der Juden, der LxelieHuer ot the Yews mit dem Hauptsitze in Westminster geschaffen, wie er bis zur Vertreibung der Juden im Jahre 1290 im Wesentlichen unverändert verblieb. Für die Könige war diese Organisation von Nutzen, für die Juden aber ein großes Unglück, eine Stabilisirung ihrer königlichen Leibeigenschaft und ihrer verhaßten Absonderung in Sprache und Sitte von dem englischen Volke. Mit der sinkenden Wacht des Königs und mit der steigenden Macht des Volkes war daher auch das Ende der Juden in-England besiegelt.