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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-03-20 · 12 (20.3.1891) · p. Seite 209

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
12 (20.3.1891)
Date
1891-03-20
Page
Seite 209 (sequence 3)
Language
German
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Pr. 12 pathischer und widerwärtiger geworden ist, als die neue Partei. Wenn man genauer zusieht, so ist es ganz unmöglich. sich darüber zu täuschen, daß die Wiener Wähler aui dem Mittelstände gleichsam eine That der Verzweiflung begingen; sie haben sich dem Teufel Antisemitismus verschrieben, blos um dem Beelzebub „Vereinigte Linke" zu entgehen. Man wird uns nun fragen, was denn die „Liberalen" so Schlimmes gethan. um derartige Fahnenflucht ihrer bisherigen Getreuen plausibel erscheinen zu lassen? Nicht viel. Sie haben sich nur beharrlich geweigert, den todtkranken wirthschaftlichen Organismus als krank anzuerkennen. Der kleine Mann ringt mit dem wirthschaftlichen Untergange, er sieht sich mehr und mehr vor der Unmöglichkeit, trotz härtester Arbeit sich und den Seinen die Existenz zu fristen. Fleiß, Energie und Sparsamkeit haben ausgehört, auch nur die nothdürstigsten Garantien für die Beschaffung der allerdringendsten Lebensnothdnrft zu bieten. Doch die bisherigen politischen Aerzte dieses Patienten, der den Tod schon in allen Gliedern spurt, schütteln vornehm lächelnd die Köpfe und beweisen ihm „durch die Macht der Argumente, durch der Logik Kettenschlüsse und Citate von Autoren, die man anerkennen müsse" — daß ihm gar nichts fehle, daß er kerngesund sei. daß die Uebel, durch welche er sich beschwert fühlen mag, entweder blos eingebildete seien oder doch durch Fleiß und Sparsamkeit verscheucht werden könnten. Bestenfalls ordiniren sie eine kleine politische Veränderung. „Lasse nur erst einmal wieder uns in den Minister-Fauteuils sitzen" — so sagen sie dem Patienten — „und du wirst keinen Grund fürderhin zu klagen haben." Sie vergessen vollständig 'daran, daß der Patient sie in den besagten Minister-Fauteuils vor nicht gar zu langer Vergangenheit schon gesehen hat, daß sie dort genau das Nämliche thaten, was die gegenwärtigen Machthaber auch thun, ja daß sie nicht im Stande sind, auch nur zu verspreche n, sie würden, neuerdings zur Macht gelangt, anders handeln als zuvor. Kann man es den von materiellen Sorgen gequälten Handwerkern und kleinen Geschäftsleuten verargen, daß sie sich unwillig von denen abwenden, die ihnen, wenn sie nach Brot schreien, blos von den Rechten des Deutschthums und von der Sprachenfrage in Böhmen zu erzählen wissen? Wir meinen, so wenig als man es dem Kranken verargen kann, der, die absolute Rathlosigkeit seiner und sei es im klebrigen noch so gelehrten unb achtungswerthen Aerzte erkennend, sich dem ersten besten Quacksalber in die Arme wirft. Es ist wahr, die Arznei, welche der Quacksalber verschreibt, ist so absurd und abscheulich als nur irgend möglich; die gebratenen Juden, welche die Antisemitenführer den Kleingewerbetreibendetl vorzusetzen versprechen, werden diese sicherlich nicht satt machen; aber wir behaupten, daß es in solchen Fällen auf die Beschaffenheit des Heilmittels erst in zweiter, in erster Reihe dagegen auf die Constatirung der Krankheit an sich ankommt — und gerade dazu wollen sich unsere Liberalen nicht herbeilassen. Das heißt, auch die liberale Partei leugnet nicht das Vorhandensein wirthschaftlicher Uebel, sie gibt zu, daß nicht überall Alles zum Besten bestellt sei; aber sie bestreitet, daß das Uebel eine tiefer liegende, im Wesen der bestehenden wirthschaftlichen Ordnung gegründete Ursache habe und sie glaubt, durch kleinliche Palliativmittelchen helfen zu können, wo thatsächlich blos eine Radicalcur Wandel schaffen kann; — allerdings nicht jene, von welcher die Antisemiten faseln, aber doch eine Radicalcur, welche sich mit den Institutionen, mit den die Erzeugung und Vertheilung des Reichsthums bedingenden Grundeinrichtungen und nicht blos mit den Personen beschäftigt. Das große Uebel der Heit liegt darin, daß mehr erzeugt als consumirt wird, was zur Folge hat, daß arbeitslustige und arbeitsfähige Menschen sich zur Beschäftigungslosigkeit verurtheilt sehen; und "UN beachte mau wohl, daß Seite 209 der Antisemitismus trotz all' seiner Verbohrtheit gerade in diesem entscheidenden Punkte die Wahrheit erkannt hat, während der orthodoxe Liberalismus sie übersieht. Als vor einem Decennium die Wiener Kleingewerbetreibenden zum ersten Male ungeberdiger und drohender als bis dahin über ihre Roth zu klagen begannen, da wurde unter liberaler Patronanz eine Ausstellung arrangirt, in welcher man den kleinen Leuten jene Maschinen und technischen Verbesserungen zeigte, durch deren möglichst ausgedehnten Gebrauch sie ihrer Roth angeblich sollten abhelfen können. In der That waren da Wunderwerke technischen Fortschrittes zu sehen. Wenn beispielsweise die Wiener Schuhmacher sich entschlossen Hütten, öi. ausgestellten Schuherzeugungsmaschinen zu kaufen, so Hütten sie ihre Production verzehnfachen und verzwanzigfachen können. Daß sie zumeist das geringe Capital nicht besitzen, das zu solchem Ankäufe erforderlich ist. wäre noch das Wenigste; aber begriffen denn die Veranstalter dieser Ausstellung nicht, daß damit das Unheil erst recht gewachsen wäre? Hatten sie denn gar keine Ahnung davon, daß die Schuhmacher sich nicht über mangelnde Fähigkeit genügend zahlreiches und gutes Schuhwerk zu erzeugen, beklagen, sondern umgekehrt^ darüber, daß sie selbst für jenes verhältnismäßig wenige Schuhwerk, welches sie nach althergebrachter Methode mit Nadel und Pfriemen Herstellen, keine Abnehmer haben? Und ist es nicht sonnenklar, daß, wenn schon für die geringe Menge nach alter Methode erzengten Schuhwerkes die Abnehmer mangeln, für die zehn- und zwanzigfache Menge des mit Hilfe der neuen Werkmaschinen herstellbaren erst recht aller und jeder Absatz gefehlt hatte? Und wenn sie das schon nicht aus eigenem Verstände begriffen, hat ihnen die Thatsache nicht die Augen geöffnet, daß von den diese Ausstellung besuchenden Kleingewerbetreibenden auch nicht einer so albern war, die ihm so liberal gespendete Belehrung praktisch zu verwerthen? Offenbar war dies nicht der Fall, denn statt durch den Mißerfolg dieser Ausstellung zum Nachdenken angeregt zu werden, begnügten sich die orthodoxen Liberalen mit den althergebrachten Redensarten über mangelndes Verständniß und verrotteten Conservativismus der kleinen Leute; der Glaube an ihre eigene Unfehlbarkeit und Weisheit wurde nicht im geringsten erschüttert. Wie stellt sich der Antisemitismus zu dieser — wir wiederholen es — in den Äugen der kleinen Leute entscheidenden Frage? Davon, daß die beste Abhilfe die wäre, durch Verbesserung der Lage der großen Massen Absatz für vermehrte Producte menschlichen Gewerbefleißes zu schaffen, hat allerdings auch er keine Ahnung; aber er anerkennt, daß ein Mißverhältniß zwischen Consumttons- und Productionskraft besteht; er begreift, daß dieses Mißverhältniß nicht dadurch aus der Welt geschafft werden kann, daß man es noch vergrößert, und so ist er denn entschlossen, ihm durch Verringerung der productiven Fähigkeit entgegenzuwirken. Das ist verkehrt aus mancherlei Gründen, die wir wiederholt schon dargelegt haben; aber, man entschuldige das harte Wort, so albern wie das altliberale Auskunftsmittel ist es nicht, und wir zumindest finden es vollauf erklärlich, daß der Schuherzeuger, der heute schon zwei Paar Schuhe täglich verfertigen und blos eines verkaufen kann, sich von demjenigen abwendet, der ihm dadurch helfen will, daß er ihn in den Stand fetzt, zwanzig Schuhe im Tage zu erzeugen, vielmehr auf Jeneu hört, der dadurch Absatz für das bisher unverkäufliche zweite Paar Schuhe in Aussicht stellt, daß er den jüdischen Schuherzeugern verbieten will, den „arischen" Schuhmachern die Kunden wegzunehmen. Und wenn die liberale Partei nicht bald Einkehr hält, wenn sie es nicht über sich bringen kann, die wirthschastlichen Ereignisse unbefangenen Sinnes zu prüfen, so befürchten wir, daß die bisherigen Erfolge des Antisemitismus blos die Einleitung zu weit größeren und bedeutsameren Hesterreichische Wochenschrift

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