Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 12 (20.3.1891)
- Date
- 1891-03-20
- Page
- Seite 208 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3020847-3020860--00223-3024201- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 208 Hesterreilhische Mochmschrist Nr. 12 Diese unvorhergesehene Aufwallung brüderlicher Zärtlichkeit, die nach jahrelanger Verfolgung umso auffallender erscheinen mußte, veranlaßte die jüdischen Gelehrten zu folgendem jüdischen Commentar. „Der Ausdruck „er küßte ihn", ist im hebräischen Urtexte durch eine außerordentliche Punctation besonders bemerkbar gemacht, weil dieser Bruderkuß nicht aufrichtig gemeint war. Esau hatte eigentlich die Absicht den Jakob in den Nacken zu beißen; er war dies jedoch nicht im Stande, da dieser Nacken plötzlich hart wie Marmor wurde." „Es wird jedoch auch erzählt, daß Beide weinten; ein Umstand der auf eine aufrichtige Empfindung brüderlicher Liebe hinzudeuten scheint, dieser wird nun durch folgendes Gleichniß verständlich gemacht. Ein wildes Thier wollte sich einen Widder aus der Heerde rauben und stieß sich beim Angriffe seine Zähne an den harten Hörnern desselben ab und beide stöhnen vor Schmerz." „So stöhnten auch die Brüder schmerzlich auf; Jakob vor Furcht nicht wieder gebissen zu werden, Esau, weil er sich die Zähne an Jakobs Marmornacken abgestoßen hatte." Dies eigenthümliche Verhältuiß wiederholt sich immerfort. Freundlichkeit und brüderliche Zuneigung ist uns schon mehr als einmal gezeigt worden; wir selbst, die gegenwärtig Lebenden, haben schon eine solche Zeit der Toleranz, des Liberalismus miterlebt; es schien, als wollten uns unsere Mitbürger aus purer Liebe schier um den Hals fallen und wir gaben uns ihnen hin, glaubten die Zeit der Erlösung sei gekommen, waren als Dank hiefür allsogleich bereit, alles speciell jüdische von uns abzustreifen, begannen mit der Entfremdung von unseren religiösen Anschauungen, mit der Verleugnung des jüdischen Wesens, in Schule, Haus und Familie, mtt der Umgestaltung im Gotteshause und Gemeindeleben, mit der Vernachlässigung der nationalen Feste, Sprache und Geschichte, aber ach! Kurz war der Wahn. Bald erkannten wir, daß diese Küsse der Brüderlichkeit nicht aufrichttg gemeint seien, die Küsse wurden Bisse. Man wollte uns nur loslösen von unserm Stammesbewußtsein, damit wir dann umso leichter im Strome der großen Majorität verschwinden. „Sollen die Juden Christen werden?" Diese Frage wurde bereits ernstlich ventilirt und uns nahegelegt, daß wir den Bruderkuß nur um den Preis des Aufgebens des Judenthums erhalten, und auf diese Anschauung pfropfte sich dann leicht die Giftpflanze des Antisemitismus, welcher den Juden überhaupt vernichten will. Nun raffte sich der Israelit auf, sein Nacken wurde hart wie Marmor, er setzte solchen Bestrebungen Widerstand entgegen, und gewiß, wir zweifeln nicht daran, hat und wird sich noch jeder Feind die Zähne abstoßen. Wohl wahr! Beide stöhnen sie dann auf vor Schmerz, der Angreifer und der Angegriffene, denn der Schaden ist ein gegenseittger. Jakob stöhnt aus Furcht vor neuen Angriffen, er sieht sich in seiner Jsolirung einer immerwährenden Gefahr ausgesetzt; jedoch auch sein Bruder der ihn verfolgt, mag stöhnen, er macht sich nicht nur seine Zähne stumpf, sondern erhält durch den Stoß eine Erschütterung seines Gehirnes, die ihm wahnbethört den Geist verfinstert. Eine Verfolgung gegen Israel trifft die Verfolger selbst, denn die Intoleranz rächt sich an dem eigenen Volk, von dem sie ausgeht; es bringt sich um die eigene Freiheit, die Intelligenz verkümmert, die Sitten verrohen, das Volk verarmt, Handel, Verkehr und Industrie nehmen Schaden, bis die Peitsche des Absolutismus wieder saust, und die Knechtenden der Geknechteten zur Besinnung bringt. Dann langt die Welt wieder nach der feurigen Münze vom Himmelsthrone, dann erlangt sie wieder Glanz, Werth und Geltung und bildet ein Gegengewicht gegen die Hamansmünzen, die in den Zeiten der Finsterniß so gleißend feuchtend in hohem Cours waren; die Gebote der Nächstenliebe, die Ideale der Freiheit und Gleichheit, die in den Lehren der heiligen Schrift, in den Sprüchen der Weisheit, in den Glutworten der Propheten, iit den Reihen Israels ihre Urheber und ihre ersten Verkünder hatten, leuchten wieder auf in neuem Strahlenglanze. Bis dahin jedoch, heißt es vorsichtig sein in der Wahrung unserer Kräfte; daß wir das Sectenwesen ferne von uns halten, das Uns im Innern zersplittert; die Liebe und die Brüderlichkeit, die uns von Außen versagt wird, in unserer Mitte suchen und uns fester, inniger und herzlicher einander anschließen; die Schwäche, Vernachlässigung und Unachtsamkeit in der religiösen Erziehung beseitigen; unsere Anstrengungen in der Ausbildung unserer Tugenden, die wir gewiß haben, verdoppeln und verdreifachen und jeden Fehler und jedes Laster, die uns von unseren Widersachern in tausendfacher Vergrößerung vorgehalten werden, meiden und hintanhalten. Die Hamansmünzen, die gegenwärtig wieder als Lockmittel dienen, haben wir dann nicht zu fürchten, so nur wir die echte feurige Münze vom Himmelsthrone nicht in ihrem überirdischen Glanze ermatten lassen, in der unsere Leistungen für die Menschheit eingeprägt sind auf dem Gebiete der Humanität und der höheren Erkenntniß, mit den uralten hebräischen Lettern des religiösen Gefühles, der Wohlthätigkeit, der Liebe zur Wissenschaft, der Arbeitsamkeit, der Mäßigkeit, des bescheidenen häuslichen Lebens und der Familientreue. Diese Zeichen, wenn sie wieder aufleuchten, werden die Hamansniünzen überstrahlen und uns und der ganzen Menschheit Erlösung bringen Die antisemitischen Wahlsiege.*) Begreiflicherweise herrscht in den Kreisen der liberalen Partei über die Wahlsiege der Antisemiten hochgradige Verstimmung, ja Bestürzung, und eifrig wird nach den Ursachen geforscht, welche die Wähler, insbesondere in Wien, veranlaßt haben mögen, sich einer so verderblichen Richtung anzuschließen. Man verfällt dabei aus die seltsamsten und weitest hergeholten Erklärungen, nur das Nächstliegende wird mit einer Hartnäckigkeit übersehen, die an's Wunderbare grenzen würde, wäre es nicht eine allgemeine menschliche Eigenschaft, Selbstanklagen sorgfältig aus dem Wege zu gehen, eine Eigenschaft, die, wenn sie von Parteien geübt wird, ziemlich regelmäßig statt mit ihrem wahren Namen „Verblendung", mit dem weit wohlkliügenderen „Gesiunungslüchtigkeit" belegt wird. Und doch sollte die Selbsterlenntniß gerade angesichts der Wiener Parteiverhältnisse nicht gar so schwer fallen, denn daß der Antisemitismus hier seine Triumphe ausschließlich den Fehlern der liberalen Partei verdankt, ist eine Wahrheit so handgreiflich als nur immer möglich. Die Wiener Bevölkerung ist Alles eher als klerikal und trotzdem hat sie sich der klerikal-zünftlerischen Coterie in die Arme geworfen; sie ist Alles eher als bösartig und gewaltthätig' trotzdem hat sie sich von einer Bande der bösartigsten, brutalsten Scandalmacher in's Garn locken lassen; sie empfindet Alles eher als Sympathie und Achtung vor den Persönlichkeiten, die an der Spitze und im Trosse des Antisemitismus einhermarschiren und trotzdem leistet sie diesen Männern Heeresfolge — all' das ersichtlich aus keinem anderen Grunde, als weil ihr der erbgesessene „verfassungstreue" Liberalismus noch um Vieles unsym- *) Wir entnehmen diesen Artikel der „Zeitschrift für Staats¬ und Volkswirthschaft', welche von dem hervorragenden national-ökonomischen Schriftsteller Dr. Theodor H er tz k a redigirt wird, obzwar wir uns mit den Ausführungen des Artikels nicht vollständig identificiren, scheint uns derselbe doch wichtig genug, um ihn in seinem vollen Wortlaute zum Abdruck zu bringen. Die Red,