Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 12 (20.3.1891)
- Date
- 1891-03-20
- Page
- Seite 207 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Kr IS. Centralorgan f«7r die grsammte» Interessen des Indrnthnm». IW - —- - — -- K. k. Postsparcaffenamt Clearingverkehr Nr.8ttt.87« Redactie» und Administration: Wien, l , Rothenthurmstraße 30. Eigenthümer: Reichsraths-Abgeordneter vr. Bloch. Erscheint jeden Freitag. —- W Man abounirt bei allen Poftanftalte» des In- und Auslandes. Bezugspreis: Halbjährig 4 fl Einzelexemplare 25 kr. Anzeigen: Die 4mal spaltene Petitzeile 12 kr Inhalt: Leitartikel: Hamans und Israels Münzen. Die antisemitischen Wahlsiege. Star-Chamber. Oesterreichisch-israelitische Union. A semiten unter sich. Lesefrüchte. — Correspondenzen: Wien. Prag. Neu-Raußnitz. Magdeburg. London. — Vermischtes: Wien. Ottakring. Brünn. Proßnitz. Misko^z. Kolomea. Budapest.'Pest. Trencsen-Baän. Rütorkeßi. Berlin. Würzburg. Hildesheim. Paris. Amsterdam. Jerusalem. — Familienblatt: Das Judengeld. Briefkasten. Inserate. Hamans und Israels Münze«. Eine Betrachtung zum Purimfeste. Von Rabbiner W. Reich in Baden. Als einst das Prototyp aller Judenfeinde, Haman, mit dem Plane umging, das jüdische Volk zu vernichten, trat er vor den König hiil und versprach ihm zehntausend Talente Silber hiefür in den Staatsschatz abzuliesern, und es geht die Sage, daß ihm dieser Anschlag deshalb nicht gelungen sei, weil nach der weisen Voraussicht des göttlichen Gesetzes mit der Abgabe der jüdischen Münzen zum Baue des Heiligthumes den Hamansmünzen schon von früherer Zeit her ein Gegengewicht geschaffen war. Diese Hamansmünzen wurden in der letzten Zeit gar reichlich ausgestreut, sie sind i» der Hetzpreffe, in den Wahlprogrammen und Candidatenrederl dem Volke als Lockmittel zur Vertilgung Israels gezeigt worden, nur mit dem Unterschiede, daß Haman die dem Juden abzunehmenden Münzen dem Könige zusagte, die Judenfeinde der Gegenwart aber dieselben dem Arbeiter, dem Handwerker, dem Gewerbsmanne und schließlich dem Proletarier, versprechen. Das Volk läßt sich auch bethören und glaubt, mit dem Verhängen von Ausnahmsgesetzen gegen die Juden werde es plötzlich überall Gold und Geld in Hülle und Fülle herabregnen. Welches sind nun die jüdischen Münzen, die in der Gegenwart wieder das Gegengewicht zu bilden berufen wären? Sind es die klingenden des Capitals, die angeblich den großen Reichthum ausmachen, von dem heutzutage so viel fabulirt wird? Sind es diese, die uns helfen könnten die Anschläge der Verfolger zunichte zu machen? Es hat schon oft eine Zeit gegeben, in welcher der Jude sich mit diesen seinen Münzen den Weg bahnen mußte, um in der Nähe seines christlichen Mitmenschen dieselbe Scholle betreten, die gleiche Luft einathmen zu dürfen; eine Zeit, in der dem Juden seine schwer erworbenen Münzen haufenweise in christlicher Liebe abgenommen wurden, nachdem in weiser Voraussicht, immer wenn eine Ebbe in den fürstlichen Cassen eintrat, eine „Bilbul", eine lebengefährdende Verdächtigung aufgeflackert war. Diese jüdischen Münzen sind es jedoch heute nicht, die uns helfen können, schon darum nicht, weil sie nur in der Einbildung existiren; wir wissen es am besten, daß der Jude unter der Schwere der Verhältnisse mehr leidet, als der. christliche Gewerbsmann; daß es in den Ländern mit einer dichteren jüdischen Bevölkerung die größte Armuth jsh die sie niederdrückt; daß es nur die außerordentliche Mäßigkeit und Einschränkungsfähigkeit ist, die sie nicht verhungern läßt. Und die wenigen jüdischen Großen, die sich an den Fingern herzählen lassen, die in den Residenzstädten durch ihre Stellung in der finanziellen Welt hervorragen, die jedoch den feudalen Großgrundbesitzern und den ausgebreiteten Gütern der todten Hand gegenüber verschwindend sind, diese jüdischen Münzen haben uns erst recht den Haß und Neid heraufbeschworen und bilden den rothen Lappen, der dem Mob bei jeder Gelegenheit als Aufreizungsmittel hingehalten wird. Es gibt jedoch noch andere jüdische Münzen, die chre Schutzkrast noch nie verloren haben; es sind uralte, eben jene, die nach der Darstellung der jüdischen Sage schon dem Moses von Gott als Muster für die Zukunft gezeigt wurden, „feurige Münzen, herabgeholt vom Himmelsthrone des Allmächtigen", jene, die Israel zuerst geschaut und zur Ausstreuung unter der Menschheit übernommen, es find feurige, göttliche, die der höchsten Ideale der Welt, die dieses Volk zuerst ausgeprägt hatte. In den finsteren Zeiten der Reaction sind sie scheinbar außer Cours gesetzt, verlieren sie an Glanz und Geltung; jedoch nur scheinbar, in Wirklichkeit leuchten sie unbemerkt fort, und die Menschheit in ihrem Ringen nach Besserung und Forffchritt muß immer wieder auf diese feurigen Münzen vom Himmelsthrone zurückgreifen, die Israel von dort geholt, und jeder Schritt nach vorwärts, den die Gesellschaft macht, muß auch dem Träger dieser Münze Erleichterung und Befteiung bringen. Wir dürfen nur nie und nimmer vergessen, den Glanz dieser Himmelsmünzen in unserer Mitte nicht erbleichen zu lassen und müssen immer auf der hohen Warte stehen, daß sie uns nicht gefälscht werden, daß wir sie nicht verkennen, daß sie uns selbst nicht in Verlust gerathen Ost schon waren wir nahe daran; es wurden uns gar liebliche Fallen gestellt, Lockmittel vor die Augen gehalten, die uns verblendend täuschen sollten. Da glaubten wir, es werde uns besser ergehen, wenn wir diese feurigen Münzen vom Himmelsthrone überhaupt wegwersen, aber immer wieder wurden wir noch rechtzeitig zur heilsamen Erkenntniß gebracht, daß wir uns nicht voreilig von diesem Himmelsschatze trennen, daß wir uns sonst selbst aufgeben und unfern Untergang besiegeln. Schon Jakob machte diese Erfahrung mit seinem Bruder Esau, der ihn verfolgte. Nach der Erzählung der Bibel wurde dieser eines Tages Plötzlich anderen Sinnes. „Esau lief ihm entgegen, umarmte ihn, fiel ihm um den Hals und küßte ihn unh beide weinten."