Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 11 (13.3.1891)
- Date
- 1891-03-13
- Page
- Seite 202 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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©eite 202 Hesterretchtsche Wolyeuschrtfr VLr. 11. heit gewählt wurde. Möge es dem nun wiedergewählten Borstande gegönnt sein, sich neue Verdienste zu den bisher errungenen zu erwerben. Möge aber auch der musterhafte einmüthige Geist, der die hiesige, wie die kroatisch-jüdischen Gemeinden im Allgemeinen auszeichnet, Verbreitung finden in allen jüdischen Gemeinden Oesterreich-Ungarns. Aertm, 4. März. Daß die so übertrieben zur Schau getragene Königstreue und Vaterlandsliebe der Antisemiten nicht weit reichen wurde — schreibt die „Allg. Ztg. f. Jud." — haben wir stets vorhergesagt. Es war eine Maske, welche die Herren vorgebunden hatten, so lange sie aus die Gunst der Behörden rechnen zu dürfen glaubten. Nunmehr, da nach einem neuen Curs gesteuert wird, zeigen die ehemals „Deutschnationalen" sich in ihrem wahren Lichte. An Liebäugeleien mehr oder weniger offener Natur mit der Socialdemokratie hat es ja während der ganzen Dauer der Bewegung nie gefehlt. Jetzt erklärt Dr. Böckel, der antisemitische Reichstagsabgeordnete, in der Tivoliversammlung vom 19. Februar unter stürmischem Beifall seiner Parteigenossen: „Wenn das so weiter geht, dann gehen wir in die Opposition!" Wie um zu beweisen, daß die Partei es sehr schnell gelernt hat, die Worte ihres Führers in Thaten umzusetzen, wird hewe gemeldet: Das letzte Heft der antisemitische Monatsschrift „Das 20. Jahrhundert" wurde in Jena wegen einer darin enthaltenen Majestätsbeleidigung beschlagnahmt; dasselbe war der Fall mit dem Manuscript des betreffenden Artikels bei dem Herausgeber der Schrift. Die Beschlagnahme erfolgte angeblich auf Requisition der Berliner Staatsanwaltschaft. Leipzig, 2 März. Es mehren sich die Fälle, daß ehemalige Führ r der Antisemiten sich von ihrer früheren Meinung lossagen. So gab jüngst die Gattin des vor Kurzem in Paraguay verstorbenen Berliner Gymnasiallehrers Dr. Bernhard Förster die Erklärung ab, daß Förster, der früher ein heftiger Antisemit war, später durch allerhand persönliche Erfahrungen und fern von Parteikämpfen seine antisemitische Meinung als eine vollständig irrthümliche erkannte. Nürnberg, 6. März. Zu den vielen reichen Stiftungen, welche unsere Stadt bereits besitzt, ist neuerdings eine überaus namhafte hinzugekommen. Es haben nämlich die Herren Fabriksbesitzer Michael und Max K o h n, Mittheilhaber der Firma Elias K o h n (Leder- und Treibriemenfabrik dahier), welche sich von der technischen Leitung der Fabrik zurückziehen, mit je 100.000 Mark, also mit zusammen 200.000 Mark zunächst für Wohlthätigkeitsdann für Bildungszwecke eine Stiftung errichtet. Diese großartige Stiftung soll zunächst den Zweck haben, den gegenwärtigen Arbeiteni der Firma Elias Kohn für den Fall ihrer Erwerbsunfähigkeit dauernd oder vorübergehend eine zur Bestreitung des nothwendigen Lebensunterhaltes für sich und ihre Familien ausreichende Unterstützung zu gewähren, welch' letztere jedoch nicht den Charakter einer Armenunterstützung tragen und die politischen Rechte der Bedachten beeinträchtigen soll. Ferner ist damit eine reiche Stipendienvergebüng für Studirende aller Berufsarten verbunden. Das einzelne Stipendium soll nicht unter 600 Mark betragen. Das Stiftungsvermögen wird bei dem hiesigen Stadtmagistrat hinterlegt. Worms, 2. März. In voriger Woche hielt ein jün- | gerer katholischer Lehrer im hiesigen sehr stark besuchten , Bezirkslehrerverein einen Vortrag über das Thema: „Unsere Nationalliteratur als Ausdruck deutscher Sitte und Gesinnung." Der mit sehr großem Beifall aufgenommene Vortrag enthielt folgenden Passus: „Als sich aber auch bei uns in Deutschland diese Verstandesausklärung Bahn brach, gab man, bezeichnend genug für unser Volk, unter den dichterischen Erzeugnissen Lessings „Nathan der Weise" den Vorzug, weil durch ihn eine religiöse Idee zum Ausdruck kam. Scheint Lessing in seinem „Nathan" dem Christenthum auch nicht vollends gerecht geworden zu sein, so predigt doch gerade er die in unseren Tagen so dringend ge vordene Toleranz. Wenn der Dichter den einzelnen Confefsionen gleichsam zurust: „Halte jeder seinen Ring für den echten!" so meint er damit sicherlich nicht, daß man sich darob gegenseitig zerfleischen und im bittern Kampfe befehden soll; denn solches widerspricht dem Geiste des Christenthums. Das aber sind die Worte, welche aus seinem liebesstarken Herzen kommen: „Erstickt die Flamme der Zwietracht und setzt Werke selbstaufopfernder Nächstenliebe an deren Stelle!" Und ich betone, wenn er heute lebte und Zeuge wäre, wie man die Glaubensgenossen dieses seines edlen Nathan in wahnsinniger Wuth und mit giftigem Haffe verfolgt, er würde seine Stimme lauter erheben und seinen Mahnruf zur Eintracht, zum herzinnigen Verein eindringlicher ergehen laffen." London. Von der in Aussicht genommenen englischen Ausgabe der „Geschichte der Juden" von Gr a etz sind vergangene Woche die beiden ersten Bände erschienen. Das Werk wird in fünf Bänden vollendet sein und ist eine abgekürzte Ausgabe des vollständigen deutschen Werkes, von welchem die Anmerkungen und Citate weggelassen wurden. Die Geschichte des jüdischen Volkes soll bis zum Jahre 1870 fortgeführt werden. Die sorgfältige Uebersetzung ist das Werk von Miss Bella Löwy. Professor Gr aetz, welcher eine Vorrede geschrieben hat, stattet in derselben Herrn F. D. M ocatta. „dessen Lebensaufgabe darin besteht, alle humanen und intellectuellen Interessen zu fördern, und welcher diese Uebersetzung und deren Veröffentlichung angeregt", seinen Dank ab. London Durch das plötzliche Ableben des Sir William Kirby Green, ihrer Majestät bevollmächtigten Ministers in Marocco, haben die unglücklichen Juden in diesem Lande einen aufrichtigen Freund verloren. Wo immer Sir W K. Green, während seiner diplomatischen Carriöre wirkte, in Marocco, Tunis, Damaskus und Beyrut, hat derselbe sich als Beschützer der Juden bewiesen. Während der kurzen Zeit seiner Wirksamkeit in Marocco, hat sich derselbe mehrmals der Juden angenommen und unter Anderem jüngst erst bei dem Sultan zu Gunsten der Juden in Mogador intervenirt, welche eine Erweiterung des Ghetto, in welchem sie in elenden Behausungen eingepfercht sind, erbaten und auch zugesichert erhielten. Wanchelter. Das Protest-Meeting, welches vergangene Woche im Stadtthause hätte abgehalten werden sollen, wurde mit Rücksicht auf die unvermeidliche Abwesenheit des Bischofs von Manchester verschoben. Naris. Das Leichenbegängniß unseres hervorragenden Glaubensgenossen Eugene Lisbonne, Senators für Herault, gestaltete sich zu einer hervorragenden Trauerkundgebung für den Verblichenen. Aus Montpellier und Umgebung strömten die Leute zusammen und es dürften sich etwa 4000 Personen an dem Leichenbegängnisse betheiligt haben. Delegattonen aller Behörden und Vereine, jede mit einem Kranze und einer Trauerfahne, bildeten das Geleite des populären Senators, welcher mehr als 30 Jahre dem Generalrathe und der Akademie von Montpellier präsidirte. Am Grabe wurden sechs Leichenreden von verschiedenen No- Labilitäten gehalten. Die religiösen Gebete wurden vom Rabbiner von Nimes, M. Salomon Kahn, in hebräischer und französischer Sprache vorgetragen. Naris. Demnächst wird die Vermählung des M. Dreyfus, des reichen Industriellen von Valenciennes, mit Mlle See, Tochter des Generals See, Mitglied desConsistoire Central, stattfinden. Meyrnl. Aziz Pascha, Gouverneur von Beyrut, hat sein Wohlwollen für die hiesigen Alliance-Schulen neuerdings dadurch zu erkennen gegeben, daß er Herrn Fezzi