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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-03-13 · 11 (13.3.1891) · p. Seite 200

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
11 (13.3.1891)
Date
1891-03-13
Page
Seite 200 (sequence 10)
Language
German
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Sette 200 Hesterreichifche Wochenschrift Nr. 11. ganze Judenschast Galiziens, denn sowohl die Polen wie die Geistlichkeit haben die Hand dabei im Spiele. In erster Linie müßte die Regierung ein Exempel an Allen, — wer es auch immer sei — statuiren, an Allen, die offen die Banden auf die Juden hetzten, dann aber hätte sie eine strenge Untersuchung gegen die versteckten Fnd moralischen Anstifter dieser Krawalle einzuleiten und alle Schuldigen zum Ersatz des angerichteten Schadens zu verhalten. Vor Allem jedoch ist es nothwendig. daß das Elend gemildert werde, welches durch die Plünderungen und Mißhandlungen augenblicklich herrscht. Unzählige Familien sind auf den Bettelstab gebracht und Kranke und V e rw u n d e t e birgt f a st jedesHaus. Die Localbehörden suchen zu vertuschen und abzuschwächen. Es muß eine unparteiische Commission voll Wien hieher geschickt werden, um zur vollen Kenntuiß der Thatsachen in ihrer ganzen Gräßlichkeit zu kommen. Und auf deren Ankunft hoffen wir, in Angst und Bangen vor jeder Stunde, die sie säilmt. Als Illustration sei Ihnen schließlich noch ein interessantes Factum angefiihrt: Ein Arzt Namens Dr. W o y d a, angestellt in der Naphtafabrik vom M. L. Biedermann L Comp. iit Peczemzyn constatirte bei dem in Todeszuckungen gelegenen Pinkas Klugmann eine blos „leichte V erletzung" und 3 Stunden später ist der Unglückliche verschieden. Wudapest Die königliche Tafel hat jüngst einen intercssiutten und wichtigen Beschluß gebracht, welcher darin bcstcht, daß jüdische Kinder — weggetauft werden dürfen, da der G. A. 53:1868 in dieser Beziehung keine Verfügungen trifft und so der wegtanfende Pfarrer nicht strafbar ist. Dcr zu Grunde liegende Fall ist folgender: Die Wiener Insassin Eleonore Wanderer erstattete im Sommer v. I. bei der Budapester königlichen Staatsanwaltschaft die Anzeige, daß ihr im Wiener Findelhaus geborenes Kind, ohne ih.e Einwilligung durch den Szeniczeer Pfarrer im Alter voll 10 Jahren katholisch getauft wurde. Im Laufe der Untersuchung stellte sich heraus, daß die Direction des Wiener Findelhauses das Kind im Jahre i8.:0 zu einen; Szeniczeer Ehepaar in Verpflegung gab, wie dies bei Findlingen gewöhnlich der Fall ist. Im verflossenen Jahre wurde das Kind znrückoerlangt. Weil aber weder die Mutter, noch sonst Jemand zur Uebernahme desselben sich meldete, wurde das Kind dem Ehepaar abermals mit der Weisung zurückgegeben, das; es den Glauben seiner Adoptiveltern annehmen dürfe. Kurz nachdem das Kind getauft war, meldete sich die Mutter und als sie erfuhr, was geschehen, erstattete sie beim Bezirksgerichte die Anzeige, dieses legte die Klage, als zum Strafverfahren unzureichend, ad acta. Die königliche Tafel bestätigte dies, wie bereits erwähnt, mit der Motivirnng, daß das Gesetz bezüglich der Wegtaufung jüdischer Kinder keine Verfügung gettoffen habe. Wertin, 9. März. Der Verein der Hörer der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums" feierte am 3. März d. I. in; Hotel zum König von Portugal inmitten einer zahlreichen und erlesenen Schaar von Gästen sein diesjähriges Stiftungsfest. Es hatten sich außer dem gesammten Lehrercollegium die Herren: Professor Steinthal, Dr. D. Cassel, Dr. I. Müller und Rabbiner Dr. M a y b a u m. noch eingefunden die Herren: Professor Lazarus, Geheimrath K r i st e l l e r, Justizrath M a k o w e r, Geheimrath K i rst e i n, Rabbiner Tr. R o s e n z w e i g, Dr. G. K a rp e l e s, Dr. A. Kohut; ferner Hörer des Hildesheimer'schen Seminars u. a. m. Es war gewissermaßen eine verttauliche Zwiesprache, welche die Hörer der Lehranstalt mit ihren hochgeschätzten Docenten und Gästen führten. Auf herzliche Begrüßmrgen und Ansprachen von seiten der Vorstandsmitglieder erfolgten ebenso herzliche und begeisternde Antworten seitens der Lehrer oder Ehrengäste, und manches Wort der Letzteren fand lebhaften Widerhall in den Herzen der Hörer. Und so befestigte sich in den Einen die Ueberzeugung, daß in dem Verein reges geistiges Leben herrsche, geleitet von der Liebe zum Judenthum und der Begeisterung für den Beruf, in den Anderen die frohe Zuversicht, daß ihre Bestrebungen sich der wärmsten Sympathien weiter Kreise erstellten. Hervorgehoben verdient noch zu werden, daß Herr Geheimrath K r i st e l l e r zu Beginn der Fidulitas die Versammlung mit einem von ihm gedichteten und in gedruckten Exemplaren verbreiteten, hochfidelen Liede überraschte, das die corona in freudig gehobener Stimmung singt, worauf sie dem Verfasser ihren Dank in einem donnernden Salamander darbringt. Das Fest, welches bis lange nach Mitternacht dauerte, nahm einen überaus glänzenden Verlauf und hinterließ in allen Theilnehmern den Eindruck eines erhebenden und genußreich verbrachten Abends, während es die Mitglieder selbst mit den besten Hoffnungen für die Zukunft des Vereines erfüllte. Hlom Es dürfte weitere Kreise interessiren, daß unser Glaubensgenosse, der neue Finanzminister Luigi Luzatti, dem die neueste Nummer der „Jllustrazione" einen höchst ehrenvollen Artikel widmet, außer mehreren angesehenen nationalökonomischen Arbeiten auch über jüdische Märtyrer im Mittelalter und St. Bernhard di Chiaravalle (II martiri ebrei medio del evo e San Bernardo di Chiaravalle) geschrieben hat. Von seiner Bedeutung zeugt auch folgender interessante Vorfall. Im Jahre 1870 wählten ihn die Collegien von Oderro und Pieve zum ersten Mal zum Deputirten; da er jedoch noch nicht 30 Jahre zählte (L. ist 1841 in Venedig geboren), wurde die Wahl für ungiltig erklärt. Aber das Collegium von Oderro wiederholte die Wahl ein zweites und drittes Mal, bis er endlich das vorgcschriebene Alter erreichte. Von der Zeit an blieb er stets auf dem Posten; seine Wähler sind ihm treu geblieben, indem sie ihn jedes Mal wieder wählten. Cavaliere Migkietta, Richter am Appellgerichte zu Livorno, äußerte sich vor Kurzem in einem öffentlichen Schreiben in der lobendsten Weise über die Rechtschaffenheit der Juden. Derselbe bemerkt: Durch zehn Jahre war ich Untersuchungsrichter zu Livorno, welches eine jüdische Bevölkerung von ca. 40.000 Personen hat, und während dieser Zeit wurde nur einmal ein Jude eines Verbrechens beschuldigt, und zwar des Diebstahls. Niemals hörte ich davon, daß ''in Jude sich an der Person oder dem Eigenthum eines Christen vergriffen habe. Im Geschäftsleben finde ich dieselben ehrlicher, als meine eigenen Glaubensgenossen. Was den Wucher anbelongt, so wird derselbe weit mehr von jenen betrieben, welche die Taufe empfangen haben. Diese Erfahrung habe ich speciell in Neapel gemacht. Petersburg. 2. März. Gestern hielt die im Justizministerium tagende Specialcommission zur Aufstellung einer neuen Verordnung über die Advocatur ihre letzte Sitzuyg. Der neue Gesetzentwurf wird dieser Tage dem Reichsrath zur Sanction vorgelegt werden. In diesem Entwurf heißt es unter Anderem: „Da sich die Zahl der jüdischen Advocaten stets vermehrt und dieses einen zersetzenden Einfluß auf die Corporation der Rechtsanwälte haben muß (?!) so ist beschlossen worden, zur Ausübung der Advocatur die Juden blos in einer solchen Zahl zuznlassen, welche deren schädlichen Einfluß neutralisiren könnte. Als eine solche Norm ist 10 Procent anerkannt worden. Auf je 100 christliche Rechtsanwälte dürfen von nun an nur 10 jüdische kommen." Die Zahl der jüdischen Advocaten hat sich aus dem ganz einfachen Grunde vermehrt, weil für jüdische Juristen der Staatsdienst und andere Laufbahnen verschlossen sind, so daß ihnen nur die Advocatur übrig blieb. Diese wird ihnen nun auch fast ganz verschlossen. Abgesehen von der erwähnten drakonischen Maßregel enthält der neue Gesetzentwurf noch andere Paragraphen, die einen völligen

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