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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-03-13 · 11 (13.3.1891) · p. Seite 198

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
11 (13.3.1891)
Date
1891-03-13
Page
Seite 198 (sequence 8)
Language
German
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Ente 198 HeKamiMs«« «r II Antrag. Mit Begeisterung hat die vierte ordentliche Generalversammlnng des israelitischen Bethausvereines Landstraße vom 2. Februar die Grundsätze zur Kenntn'ß genommen, nach welchen der neuaewählte Präses der Wiener israelitischen Cultusgemeinde, Herr Wilhelm Ritter von G u t m a n n, die Pflichten seines verantwortungsvollen und einflußreichen Amtes versehen will. Daß er die Einigkeit unter all-n Mitgliedern der Gemeinde zu erhalten sich bestreben wird, daß :r darauf bedacht sein will, für die Befriedigung der religiösen Bedürfniffe auch der gesetzestreuen Glaubensgenoffen in unserem großen Gemeinwesen in entsprechender Weise zu sorgen, sichert ihm der Dank d»r gesammten Judenheit. Ein ganz unvergleichliches Verdienst aber ist es, wenn der Präses der Wiener Cultusgemeinde die Fürsorge für eine ausgiebige Pflege des Thorastudiums sich zur Aufgabe macht, in der richtigen Erkentniß, daß die Thora das wirksamste Schutz- und Kampfmittel für das Judenthum in allen schweren Zeiten war und sein wird. Die Generalverianimlung hat das feste Vertrauen, daß Herr von G u t m a n n stets einen offenen Sinn und ein warmes Herz für alle Jntereffen des echten und wahren Judenthums, wie wir es von den Vätern überkom: en baden, bethätigen wird, und daß er mtt Ausdauer und Festigkeit au den von ihm in feiner Amtanttittsrede ausgesprochenen Grundsätzen festhalten wird. In diesem Sinne ruft die Generalversammlung ihm ein herzliches nD zu. Herr von G u t m a n n empfing die Delegirten auf's fieuudlichste und versicherte sie zum Schluß, daß er unentwegt seinem erhabenen Ziele zustreben werde. Hraz, 6. Mürz. B. C a r n e r i der Philosoph, der bewährte Politiker, dessen edler Charakter, dessen hervorragende Bedeutung selbst von seinen politischen Gegnern stets die höchste Anerkennung gefunden, der vieljährige Gesinnungsgenosse von Moritz von Kaisersfeld und Dr. Karl Rechbauer, B. Carneri der bisher unsere Stadt im Reichsrathe vertreten, und der eine Zierde des Parlaments gewesen, soll nun auch der bei uns in üppiger Blüthe stehenden extremen Richtung zum Opfer fallen. Es wurde ihm der deutschnationale Antisemit Hoffmann-Wellenhof als Gegencandidat aufgestellt und bei den wenig skrupulösen Mitteln, welche die Deutschnationalen bei ihrer Agitation anwenden, dürste der Wahlkamps ein harter lverden, doch gibt sich die Intelligenz unserer Bevölkerung der Hoffnung hin, daß C a r n e r i als Sieger aus der Urne hervorgehen werde. In der letzten Candidatenrede sprach sich C a r n e r i auch über die epidemische Krankheit unserer Zeit, über den Antisemitismus, aus. Er sagt: „Was ist der Antisemitismus? Ein uraltes Uebel, das in jedem Jahrhundert einauch zweimal acut wird. Aber wann wird es acut? Nur in Zeiten, in welchen die Noth der Massen eine bedenkliche Höhe erreicht. Daran hilft alles reden nichts, wie kürzlich der neue Finanzminister treffend gesagt hat. und gibt es gegen den Antisemitismus nur ein Mittel: Linderung der Noth durch einen gesunden wirthschastlichen Auffchwung. Die Noch verwildert den Menschen, und je tiefer das Bildungsniveau des Einzelnen ist, desto leichter geht der Neid in Raubsucht über. Gäbe es keine Juden, so hätte der Antisemitismus einen andern Namen, die Sache bliebe aber dieselbe. Da es aber Juden gibt, so wendet sich der Neid der Noth zunächst gegen sie, nicht weil sie fast alle wohlhabend sind, wie Manche glauben — die Wohlhabenden unter ihnen sind seltener als unter uns — sondern weil sie durch ihre Entbehrungstüchtigkeit, Sparsamkeit und Findigkeit geeigneter sind, zu concurriren und zu Geld zu kommen. Wenn ich aber dies anerkenne und auch anerkenne, wie viel die Cultnr in Wissenschaft und Kunst den Juden verdankt, so fällt es mir doch nicht ein, bestreiten zu wollen, daß sic auch schlechte Seiten haben; aber welche Race hat deren nicht? Wird von eineg Race häufiger als von einer anderen ein Gesetz übertretennun so wird bei ihr die Straffälligkeit häufiger eintreten, und da ruft man nach Ausnahmsgesetzen und Einschränkung der Freiheit! Ich will gar nicht reden von dem legislatorischen Chaos, das sich ergeben würde, wenn man folgerichtig, und das müßte man, sobald man mit einer Race beginnt, bei allen Racen, und Oesterreich ist damit reichlich gesegnet, diesen Grundsatz durchführen wollte. Ich bleibe bei den Juden und frage nur: Wohin käme der Grundsatz: Gleiches Recht für Alle, der Grundsatz, durch den allein der Staat zu einer sittlichen Institution wird? Der dem Volke Hilfe verspricht und gleichzeitig diesen Grundsatz des Liberalismns verleugnet, nimmt mit demselben: Worte, mit welchem er das Versprechen gibt, das Versprechen zurück, denn er verspricht etwas Unmögliches. Durch nicht erfüllbare Versprechungen sind schon viele Menschen unglücklich gemacht worden, glücklich nicht ein einziger. (Beifall.) Ueber diese Schwierigkeit meinen die Antisemiten dadurch sich hinwegzuhelfen. daß sie den Liberalismus als jüdisch verpönen. Sie wenden sich dem Nationalismus zu, als wenn dieser heilbringend sein könnte, ohne liberal zu sein! Ich glaube es gern, das mancher angehende Antisemit zusammenschaudert vor diesen Folgen. Allein das Schaudern hilft nichts. Es ist nur in Folge des Kampfes mit d m Liberalismus, daß die Antisemiten immer tiefer finken und, nach einem Halte suchend, schließlich den Klerikalen in dte Arme fallen, Da kommt dann jene saubere Verbindung zur Erscheinung, die wir unter dem Namen „Vereinigte Christen" kennen, bei welcher die christliche Liebe als der unchristlichste Haß, der Fortschritt als der reine Rückschritt sich entpuppt. Kein Vernünftiger wird leugnen, daß die Träger des Liberalismus, daß die Liberalen auch Fehler begangen haben — sind sie doch Menschen wie alle Andern — aber der Vernünftige weiß auch, daß man irrend lernt, und daß es ein Trugschluß ist, jene Fehler den Liberalismus zuzuschreiben. Aber solche Trugschlüsse kommen eben vor. Oder sollte ich etwa darüber mich wundern, daß fortgeschrittene Antisemiten mich selbst einen Juden nennen, weil ich ein Liberaler bin? Ich finde das von ihrem schrägen Standpunkte aus nur consequeut. Aber von Dauer kann diese Begriffsverwirrung nicht sein; das Volk kann nur durch eine vorübergehende Täuschung dem Liberalismus abwendig gemacht werden, der nichts anderes ist als die Zusammenfassung und Durchführung der Grundsätze, welche eine menschenwürdige Existenz bedingen. Früher als man denkt, wird das Volk die Augen öffnen, und dann wird es sehen, auf welcher Seite seine wahren Freunde sind." (Nach einem heute eingelaufenen Telegramm ist Carneri in der gestern stattgefundenen Stichwahl dem Mittelschulprofessor Hoffmann v. Wellenheim unterlegen. Ein Ruhmesblatt hat sich die steierische Hauptstadt dadurch nicht eingelegt. (Die Red.) Wrag. Bor dem hiesigen Bezirksgerichte fand jüngst die vor Kurzem vertagte Verhandlung gegen den Mediciner Herrn Hubert Weber statt, welcher bei einer Schiedsgerichtsverhandlung der Lese- und Redehalle der deutschen Studenten den Juristen Herrn Rudolf N e u b e r g mit dem Worte „Judenjunge" beschimpft und ihm einen Schlag versetzt hatte. Weber stellte in Abrede, den N e u b e r g beschimpft zu haben, gestand jedoch zu, ihm anläßlich eines von dem Kläger provocirten Wortwechsels in der Aufregung einen Schlag versetzt zu haben, wobei nach seiner Angabe jede antisemitische Grundlage fehlte. Der Vertreter des Klägers Herr Dr. Bendiener bemerkte hierauf, es sei sehr bedauerlich, wenn junge Leute, die auf Bildung Anspruch machen, sich soweit hinreißen lassen, und es wäre wohl angezeigt, zur Vermeidung ähnlicher Vorfälle einmal die Strenge des Gesetzes walten zu lassen, gleichwohl erkläre er sich bereit, ans einen Ausgleich einzugehen und die Klage

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