Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 11 (13.3.1891)
- Date
- 1891-03-13
- Page
- Seite 196 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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WWWWWW8SWSS B(HiiBaaw».aa3gnBiJi!gaBBiegB Seite 196 Hesterreichische Wochenschrift Nr. 11 aristokratisches Lustre verleiht." Leider ift der Liberalismus speciell in Wien nicht schuldlos an der Lage der Dinge, und auch in dieser Wahlbewegung ist arg von ihm gesündigt worden. Ein so beschränktes Wahlsystem, wie Oesterreich es hat, ist nicht geeignet, das Interesse für das politische Leben zu erwecken und zur politischen Entwicklung der Bevölkerung beizutragen, besonders wenn die letztere eine unvergleichliche Abneigung hat, sich mit den Fragen des öffentlichen Lebens zu befassen. So war im Wahlkampf nur ein recht bescheidener Bruchtheil der wahlberechtigten Einwohnerschaft engagirt, die Majorität derselben hat den Wahlen kein höheres Interesse, als das für eine lustige „Hetz" entgegengebracht, und es ist in dieser Beziehung wohl nichts charakteristischer, als - daß der Ausgang der einzelnen Wahlen zum Gegenstand von Wetten, unter Entfaltung des ganzen auf dem Turf üblichen Apparats gemacht worden ist. In W i e n i st bisher au eine Abnahme des Antisemitismus noch gar nicht zu denken. Nureine consequent demokratische Partei, die etwas Besseres weiß, als das ganze politische Interesse ans den einen Punkt des Ratio nalitätenkampfes gewaltsam h i n z u z w i n g e n, kann des Antisemitismus Herr werden. Die „Volkszeitung" in Berlin schreibt: „Die antisemitische Wahlbewegung in Wieu, wie wir sie jetzt anläßlich der österreichischen Reichsrathswahlen an uns vorüberziehen sehen, ist eine Erscheinung, welche befürchten läßt, daß Wien, wenn es nur noch eine kurze Zeit so fortgeht, das stolze Diadem der Metropole vom Haupte gerissen wird. Nicht das Häusermeer, nicht die Menschenmasse, nicht die Theater und Museen sind es, welche einem Orte den Charakter einer Hauptstadt aufdrücken, sondern das von ihm ausstrahlende und anziehende wirthschaftliche, politische, geistige, kurz das culturelle Leben. Aber das Wien des heutigen Wahlkampfes, das des antisemitischen Fürsten Liechten st ein und seiner Landsknechte, i st politisch untergeordnet wie ein Bergdorf. Sehr bezeichnend *sind die nachfolgenden Aeußerungen französischer Blätter. Der „T emps" schreibt: „Früher fand der österreichische Constitutioualismus seinen Stützpunkt in der Hauptstadt. Heute acclamirt die Menge einen Prinzerl, der früher der Leader des Ultra- Klerikalismus war. ‘ Der deutsche Liberalismus gefiel sich darin, mit seiner culturellen Superiorität und höheren Civilisation Parade zu machen. Das ist also die Superiorität. Sie hat als Repräsentanten einen Menschen, der, auf die Leidenschaft des Pöbels bauend, nicht zögern würde, die Gesellschaft um drei oder vier Jahrhunderte zurückzudrängen." Das „Journal des Debats" schreibt: „DerTriumph der Klerikalen und des antisemitischen Demagogenthums in mehreren Wiener Bezirken und die Erfolge Liechtensteins, Luegers und Schneiders sind beunruhigende S y m p-t o m e für den Fortschrit der extremen Elemente in Oesterreich." Antisemiten unter sich. Der klägliche Mißerfolg, welchen V e r g a n i einerseits und die gesammte Schönerer-Partei anderseits bei den Reichsrathswahlen erlitten haben, hat die persönliche Gehässigkeit, welche längst zwischen diesen beiden Gruppen herrscht, zur erbitterten Wuth entflammt. Die Organe der einen wie der andern „Couleur" strotzen denn auch von gegenseitigen Anklagen, Vorwürfen und B schimpfungen, welche eine gar wundersame Illustration zu der gepriesenen „arischen" Moral bilden. So läßt sich V e r g a n i in seinem „Deutschen Volksblatt" gegen Schönerer wie folgt vernehmen: „Niemand hat der nationalen und antisemitischen Sache so sehr geschadet, als jener Mann, der die dreiste Stirne hat, sich deutschnational zu nennen, aber für's Volk ebenso wenig ein Herz hat, wie für die heiligen Pflichten der Wahrheit. Ein Schädling des deutschen Volkes, ein Verleumder und Ehrabschneider; so steht Schönerer seit dem gestrigeit Tage in der Blöße seiner Tugenden vor allen Menschen da, die ihr eigenes Gewissen nicht betäubt und ve rg i f t e t h a b e n. Als unnütz und schädlich wurde seine eigene, durch den Größen wahn sinn des Dietators lächerlich gewordene Partei auf's Haupt geschlagen und von der Tagesordnung des öffentlichen Lebens nahezu abgesetzt. Das böse Princip aber, das in diesem Manne verkörpert ist, hat dennoch — wenn man so will — Erfolge errungen: Durch die Minirarbeit Schön erers wurde der Deutsch-Antisemit F i e g l in Baden gestürzt, durch den nationalen Verrath, dadurch begangen, daß man dem Deutschnationalen Franz Fraßt — trotz der gefährlichsten Lage — mit einer Schönerianer- Candidatur Stimmen entzog, wurde das Mandat von Währing-Hernals preisgegeben und mit einer schmutzigen H o ch f l u t h von Verleumdungen, die d e m Ehrabschneider von R o s e n a u und seiner bezahlten Schaar ein Denkmal sichern, wurde der bisherige Reichsrathsabgeordnete von Krems, der Herausgeber unseres Blattes, Ernst V e r g a n i, zu Fall gebracht." Dagegen verhöhnt der Schönerianer K. H. Wolf den durchgefallenen Bergani in der „Ostdeutschen Rundschau" mit dem Satze: „Das Urtheil der Wähler ist für VerganisMandat undEhrlichkeit schlecht ausgefallen". An anderer Stelle wird gegen Vergani und Hron folgende Breitseite abgeschossen: „Es ist eine freche Behauptung des „D. V.", daß die Schönerer-Partei sich mit Hron identificirte; die deutschnationalen Zeugen erschienen einfach in Erfüllung ihrer Bürgerpflicht. Vergani war es, der Hron anstellte und ihn „deutschnationale" Artikel schreiben ließ. Warum hat denn Vergani mich nicht geklagt, obwohl ich ihm absichtlich hiezu wiederholte Gelegenheit bot? Da mußte er den Wahrheitsbeweis fürchten, der ihm auch prompt geliefert worden wäre, wie jüngst dem Herrn B. Hron's Verurtheilung war übrigens schon deswegen unvermeidlich, weil er völlig kritiklos Alles was ihm über Vergani zu Ohren kam, niederschrieb und so Wahrheit und Dichtung auf's Bunteste vermengte. Von deutschnationaler Seite wurden ihm Äehelfe weder versprochen noch gegeben, da man ihn als Anwalt und Vorkämpfer gegen Vergani durchaus nicht anerkannte und auch nicht brauchte. — Wolf." Ueber die Waffen, welche in dem Kampfe zwischen den einzelnen antisemitischen Rivalen gebräuchlich sind, gibt folgende Thatsache Aufschluß: