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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-03-13 · 11 (13.3.1891) · p. Seite 194

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
11 (13.3.1891)
Date
1891-03-13
Page
Seite 194 (sequence 4)
Language
German
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6eue 194 Hesterreichische Wochenschrift Nr. 11 überbrückt und sogar noch neue dazu geschaffen wurden. Solche Spaltungen müssen bei den Gemeinderathswahlen vermieden werden, und vor Allem ist es Pflicht unserer Glaubensgenossen, in welcher Stellung sie sich immer befinden mögen, auf die Vereinigung und auf das einträchtige Zusammenwirken aller freisinnigen Parteien hinzuarbeiten. Nicht um ein paar Mandate, sondern um die Zukunft Wiens, um den guten Ruf der Reichhauptstadt und uni das materielle Wohl ihrer Bevölkerung handelt es sich diesmal! Wer seine Vaterstadt liebt, nütze feine Kraft zum allgemeinen Besten! Dir Jude« »ttfe der Antisemitismus. Unter dem Titel „1,68 Juifs et TAntisemitisme“ veröffentlicht der bekannte Nationalökonome und Socialpolitcker Anatole Leroy-Beaulien, Mitglied des Institut de France in der Revue des deux Mondes einen Essay, welcher in den weitesten Kreisen gerechtes Aufsehen erregt. Schon die Thatsache, daß die hervorragendste Revue nicht blos Frankreichs, sondern der ganzen gebildeten Welt eine Abhandlung über dieses Thema veröffentlicht, ist ein Zeichen der Zeit und deutet darauf hin, daß diese Bewegung auch ln Frankreich nicht mehr ignorirt werden kann. Aber nicht blos der Gegenstand selbst, welcher leider für uns den Reiz der Neuheit vollständig verloren hat, sondern vornehnckich die hervorragende Person des Autors ist es, welche für seine Arbeit unser vollstes Interesse in Anspruch nimmt. Leroy-Beaulieu hat bereits zu wiederholten Malen über die Juden und deren Verfolgung geschrieben, und jedesmal eine so eminente Sachkenntmß und ein so unparteiffches Urtheil bekundet, daß die Revue die Behandlung des genannten Themas wohl kaum einer sachkundigeren Feder anvertrauen konnte. In feinem vor zwei Jahren erschienenen großen Werke über Rußland „L’Empire des Tsars et les Russes“ hat derselbe Gelegenheit genommen, über die Bedrückung der Juden in Rußland zu berichten und die Aufmerksamkeit der civilisirten Völker auf dieselbe zu lenken. Einzelne Abtheilungen des Werkes sind in der Revue erschienen und wir selbst haben bereits unsere Leser in Nr. 41 des vorigen Jahres auf den Essay „1a liberte religieuse en Russie,“ dessen zweite Abtheüuug die Juden und Muselmanen behandelt, aufmerksam gemacht. Es ist ganz begreiflich, daß ein so tief in die Verhältnisse eingeweihter Mann bei der zu Ende des vorigen Jahres verbreiteten Kunde von der strengen Durchführung der Ausnahmsgesetze in Rußland nicht schweigen konnte, und ist dessen warmer Appell zu Gunsten der verfolgten Juden in Rußland, welcher die Runde durch deutsche und englische Zeitungen machte, noch in lebhafter Erinnerung. Leroy-Beaulieu beabsichtigt die aufgeworfene Frage vom religiösen, nationalen und ökonomischen Standpunkte zu behandeln. Die erste Abtheilung ist den „Vorwürfen gegen die Religion" gewidmet. Der Verfasser beginnt f llgendermaßen: „In der ganzen Welt gibt es 7 oder 8 Millionen Juden, welche unter 400 oder 500 Millionen Christen und Mohammedanern zerstreut sind. Die ganze sogenannte „Judenstage" ist schon in dem Vergleiche dieser Zahlen enchalten. Denn in unserer demokratischen Zeit, wo die Zahlen Alles besagen, beweisen die Juden, daß die Zahlen nicht immer recht haben." Es folgen sodann historische Daten über die Emancipation der Juden in Europa und es wird darauf hingewiesen, daß die Mehrzahl derselben auch derzeit noch nicht volle Gleichberechtigung genießt, da Rußland und Rumänien zusammengenommen mehr Juden beherbergen als das ganzen übrige Europa. Die Vertheilung der Juden in Europa ist gegenwärtig eine ganz andere als im Mittelalter. Damals war der Zug nach dem Osten vorwiegend, da die Juden von Frankreich nach Deutschland und von da nach Polen wanderten: gegenwärtig treibt die Bedrückung der Juden im Osten dieselben nach den westlichen Staaten, wo eine erhebliche Vermehrung derselben sich constatiren läßt. Aus dieser Bevölkerungszunahme leitet der Verfasser die Entstehung des Antisemitismus ab. „Mit der Zahl und dem Einflüsse der Juden wächst der Neid und das Vorurtheil gegen dieselben: daher der Antisemitismus. Im Westen wie im Osten — in Deutschland, Oesterreich-Ungarn — hat sich die alberner Weise „semitisch" genannte Bewegung inmitten einer Generation erhalten, welche man längst über einen solchen Streit hätte erhaben glauben sollen. Im Westen wie im Osten hat die Frage verschiedene Seiten. Man kann sie unter drei Gesichtspunkten betrachten, deren Bedeutung je nach den verschiedenen Gegenden und Epochen verschieden ist: sie ist zugleich eine religiöse, eine nationale und eine ökonomisch-sociale. In dieser ihrer Complicirtheit besteht ihre Schärfe. Zwischen den Juden und Christen, den Semiten und Ariern, erheben sich gleichzeitig oder nacheinander: religiöse Unduldsamkeit, nationale Exclusivität, geschäftliche Concurrenz, d. h. alles dasjenige, was am ehesten geeignet ist, die Menschen zu.trennen und in Leidenschaft zu versetzen. Der Antisemitismus ist zugleich Streit der Kirchen, der Raeen und der Classen. Auf diese Weise erklärt sich sein gleichzeittges Auftreten in verschiedenen Ländern am Ende des Jahrhunderts eines Pasteur und Renan!" Von den Vorwürfen, welche gegen die jüdische Religion vorgebracht werden, behandelt der Verfasser zunächst den bekannten Vorwurf, die jüdische Religion statuire zweierlei Moral gegen Volksgenossen und gegen Fremde, widerlegt denselben in eingehendster Weise unter Berufung auf die hauptsächlichsten Verteidigungsschriften, welche die judenfeindliche Bewegung veranlaßte, unter Anderem auch unter Bezugnahme auf die Schrift des Dr. K o p p über den Proceß Rohling-Bloch. Es folgt sodann eine eingehende Besprechung der Blutbeschuldigung, „der albernsten Anklage, welche seit Jahrhunderten den Juden aller, Länder das Leben gekostet hat, ohne daß ein Jude zu irgend einer Zeit der Schuld überführt werden konnte," und behandelt schließlich die Beschuldigung der „Intelligenz", daß die Juden Feinde der christlichen Civilisation seien, eine Beschuldigung, welche bekanntlich von deutscher Seite ausging und als neue Form des Culturkampfes dargettellt wurde. Dieser interessante Theil der Abhandlung bietet eine solche Fülle neuer Gedanken, daß es schwer hält, dieselbe in gedrängter Kürze darzustellen. Der Verfasser kommt zu dem Schluffe, daß die Schäden unserer modernen Gesellschaft, Skepsis, Materialismus und Nihilismus, durchaus nicht jüdische Produkte, sondern bei den Juden selbst nur ein Zeichen und eine Folge der Annäherung der verschiedenen Racen seien. Auch die jüdische Religion habe unter denselben zu leiden und werde schwerlich dem zersetzenden Einflüsse derselben Stand halten können. Zu Ende des Artikels faßt Leroy-Beaulieu diesen Gedanken folgendermaßen zusammen: „Sprechen wir doch nicht von der „Verjudung" der christlichen Gesellschaft Wären die Christen christlicher geblieben, so hätte der Jude weniger Einfluß auf den Christen ausgeübt. Das, was man „Verjudung" unserer modernen Gesellschaft nennt, das könnten Christen und Juden in gleicher Weise — man verzeihe mir den Barbarismus — Paganisatton (Verheidung) unserer Gesellschaft nennen. „Arier und Semiten", entchristlichte Christen und entjudete Juden gelangen in der Praxis zu einer Art unbewußten Heidenthums. Die Wahrheit ist: Sem und Japhet, getrieben von gleichem Winde, gleiten Seite m Seite über denselben Abhang hinab. Unsere plumpen Racen des Abendlandes, welche das Evangelium mit Mühe und Noth aus dem Culte von Kraft und Stoff herausgearbeitet, sind auf dem besten Wege, in ihren alten Naturalismus zu verfallen, diesmal jedoch' des mythischen Gewandes beraubt, welches ihn früher mit einem Schleier der Poesie bedeckte.

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