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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-03-13 · 11 (13.3.1891) · p. Seite 193

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
11 (13.3.1891)
Date
1891-03-13
Page
Seite 193 (sequence 3)
Language
German
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Skr. 11. Hesterreichische Wochenschrift «eite 193. Man konnte vorausseheu, daß die jüdische Wählerschaft in Kolomea den alten Besitzstand mit aller Energie und mit den größten Opfern vertheidigen wird, daß somit die Aufstellung der Caudidatur des Grafen S t a r z e n s k i, in einem Wahlbezirk, welcher seit der Bestehung der Verfassung durch einen Juden vertreten war, der Entfesselung eines Religionskrieges gleich sieht. Das kümmerte weder Herrn F e l d st e i n noch den Fürsten SaPieha: es galt die Eroberung eines jüdischen Wahlbezirkes für einen „nationalen" Candidaten. Die natürliche jüdische Majorität glaubte man durch Einschüchterung, mit Hilfe besoffener, aufgereizter Banernmaffen, welche die jüdischen Wähler in der Ausübung ihres Rechtes hinderten, besiegen und überwinden zu können. Indessen vertheidigten die jüdischen Wühler ihr Recht mit unerschrockenem Helden, alle Excesse des antisemitischen Pöbels, welcher vorübergehende Juden mißhandelte und in von Juden bewohnten Häusern die Fenster zertrümmerte, hinderten die Juden nicht, ihr Wahlrecht auszuüben. Der Ausgang des zweitägigen Wahlkampfes, der alle schlauen Pläne der Feinde zu Schanden gemacht, steigerte den Fanatismus der Bauern zur wilden Wuth, die Wahlverkündigung bildete das Signal zum Ausbruch wilder Excesse in Sniatyn, Kolomea und Umgebung, dem wüthenden Pöbel sind mehrere Menschenleben zum Opfer gefallen. Amheil an dieser Blutschuld hat nicht blos der genannte Renegat F e l d st e i n, sondern auch der Wunderrabbi von Belz und sein Schildknappe Jg. L. Schreiber in Drohobycz. Ihre Agenten, die Agenten ihres Candidaten M e i s e l s, waren es, welche die christliche Bevölkerung gegen die Inden reizten und die Candidatur des Grafen Starzenski heraufbeschworen, sie sind die eigentlichen moralischen Urheber jener Excesse, jener Plünderung und Ermordung unschuldiger Juden, welche nichts gethan haben, als ihr politisches Recht frei auszuüben. Die Ausstellung und Empfehlung des Grafen Starzenski zum Reichsrathscandidaten für Kolomea war aber nicht blos eine Felonie gegen den bisherigen Abgeordneten Dr. Bloch, der 8 Jahre treu zu den Polen hielt, sondern auch ein Wortbruch, eine Treulosigkeit, ein politischer Betrug. Zwischen den jüdischen und christlichen Wählern von Kolomea besteht ein stillschweigendes Uebereinkommen, daß in den Landtag ein Christ und in den Reichstag ein Jude entsendet wird. Die jüdischen Wähler haben diesen Pact jederzeit respectirt. Auf die traurigen Vorgänge aber bei der letzten Reichsrathswahl gibt es blos eine einzige Antwort: Kolomea muß einen jüdischen Landtagsabgeordneten wieder erhalten. Die Geweirrderathsrrmhlerr. Ein neuer Kampf beginnt! Für den 2. April sind die Wahlen in die Gemeindevertretung von Groß-Wien ausgeschrieben, auf welche die Antisemiten große Hoffnungen setzen. In der Wiener Rathsstube werden fortab nicht blos die Vertreter der bisherigen zehn Bezirke, sondern auch die Vertreter sämmtlicher mit dem Stadtgebiete vereinigten Vorortegemeinden sitzen. Was das bedeuten will, ist^nach dem Ausfall der Reichsrathswahlen in Hernals und Sechshaus unschwer zu ermessen. Die antisemitischen Parteien haben denn auch die Wichtigkeit der bevorstehenden Gemeinderathswahlen wohl erkannt, und ihre Organe beeilen sich, die Agitation durch publicistische Trompetenstöße einzuleiten. Wien hat bei den Reichsrathswahlen zur Hälfte fortschrittlich, zur Hälfte antisemitisch gewählt. Die Wahlsiege der Racenhetzer sind keine Ehre für die Reichshauptstadt, . aber im Parlamente werden die antisemitischen Baume keineswegs in den Himmel wachsen. Es ist ziemlich gleichgiltig, ob daselbst an Stelle T ü r k s nunmehr der Prinz Liechtenstein sitzen wird, und ob die Zahl seiner ehrenwerthen Genossen von sieben auf fünfzehn angewachsen ist. Die Grundlagen der inneren Politik werden davon so wenig berührt wie die gesetzgeberische Thätigkeit des Reichsrathes, und auf ein paar Hetzreden mehr oder weniger kommt es ja schließlich nicht mehr an. Anders liegen die Dinge bei den bevorstehenden Gemeinderathswahlen. Eine Reihe großer Aufgaben harrt der künftigen Gemeindevertretung, welche in gewissem Sinne eine Art communaler Constituante bilden wird. Es handelt sich darum, die gesetzlich beschlossene Vereinigung der Vororte mtt Wien zur Thal we den zu lassen und die Verschmelzung des neuen Gemeindege' ietes mit dem alten durchzuführen. Eine Zeit eifrigen Schasft:is und productiver Arbeit soll anbrechen, große Unternehmungen sollen jene wirthfchaftliche Stagnation bannen, welche den Geist der Unzufriedenheit in der Bevölkerung erzeugt hat. Die Stadtbahn, die Wienflußregulirung, die Belebung der Bauthütigkeit, sollen dem niederliegenden Gewerbe neue Beschäftigung zuführen und den Unternehmungsgeist anstacheln. Die Hoffnung besteht, daß auf solche Weise die stärkste Quelle des Antisemitismus, die wirthschaftliche Nothlage, zum großen Theile verstopft werden wird. Und gerade in diesem Augenblicke droht die Gefahr, daß in das Wiener Rathhaus die Hetzer und Skandalmacher, die Propheten des Racenhaffes in verstärkter Zahl einziehen werden, daß die Vortheile, welche aus der Vereinigung der Vororte für den bürgerlichen Frieden und für den wirthschaftlichen Aufschwung Wiens erwachsen würden, durch den Terrorismus dieser gewissenlosen Bande wieder wettgemacht werden könnte. Die Antisemiten haben bisher in der Gemeindevertretung über dreißig und einige Köpfe verfügt. Im neuen Gemeinderathe werden sie zweifellos fünfzig Mann stark erscheinen und damit über mehr als ein Drittel aller Mandate verfügen. Schon heute ist es ihnen gelungen, in einzelnen Commissionen die Mehrheit zu erlangen. Durch die Uebermacht der Antisemiten in der Zuständigkeitscommission erscheint die Aufnahme von Juden in den Wiener Gemeindeverband jetzt schon außerordentlich erschwert, wo nicht ganz behindert. Schreitet die antisemitische Bewegung in dem bisherigen Maße fort, dann kann in zwei oder drei Jahren die antisemitische Minderheit zur Mehrheit geworden sein, und dann wird nicht nur der Stadtrath von Wien, der künftig auf die Gemeindeverwaltung den maßgebendsten Einstuß üben wird, sondern auch der Bürgermeister aus den Reihen der Judenhetzer entnommen werden. Die Gefahr einer gänzlichen Verseuchung des Wiener Gemeinderathes ist demnach eine imminente; schon hellte macht sich der Einfluß einer starken antisemitischen Minorität auf allen Gebieten in der empfindlichsten Weise fühlbar. Man wird derselben iminerhin eine percentnelle Vertretung im Stadtrathe gewähren müssen. Ihr Auftreten aber schreckt schon seit Langem alle productiven Kräfte von jeder Bethätigung im Bereiche der Commune Wien zurück. Die fortwährenden Verdächtigungen und Verleumdungen, die unsinnige Hetze gegen das Capital haben die Industrie kopfscheu gemacht mid jeder Fortschritt auf diesem Gebiete ist gewaltsam lahmgelegt. Der Stillstand von Handel und Gewerbe bewirkt eine zunehmende Verarmung der Bevölkerung, und die Wirkung wird wieder zur Ursache, wird zu einer neuen Quelle von Anklagen gegen die Juden. Die bevorstehenden Gemeinderathswahlen erscheinen nach alledem weitaus wichtiger als die Reichsrathswahlen. Es steht in der That die liberale Majorität in der Stadtvertretung auf dem Spiele, und diesem drohenden Verluste kann nur durch das kraftvolle und einige Zusammenwirken aller fortschrittlichen Elemente vorgebeugt werden. Die Reichsrathswahlen haben die liberalen Wählerschaften aus ihrer Apathie emporgerüttelt, allein eine mangelhafte und engherzige Führung hat bewirkt, daß alte Gegensätze nich

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