Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 10 (6.3.1891)
- Date
- 1891-03-06
- Page
- Seite 180 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 180 Hesterretchische Wochenschrift Nr 10 der „Judenblätter" nachgeahmt. Sehr treffend entgegnete hierauf der Vertheidiger: „Ich konnte nicht annehmen, daß ein Blatt, welches gegen die Corruption im Allgemeinen gegründet worden ist, zu solchen Mitteln gegriffen hat,. um das Publicum zu täuschen. Aus der schriftlichen Aussage des Zeugen Hierhammer ging hervor, daß die von H r o n in seiner Broschüre .angeführten Thatsachen im Wesentlichen richtig seien. Bezüglich der Zeugenpsticht Berga ni's im Proceffe Pattai-Hron gab der Zeuge Dr. Julius Räder, der damals zu Bergani gerufen wurde, an, das Unwohlsein Bergan i's fei keineswegs ein derartiges gewesen, daß er nicht im Gerichtssaale hätte erscheinen können. Eine Gefahr für seine Gesundheit wäre nicht vorhanden gewesen. Höchst interessante Einblicke in die persönlichen Zänkereien der Antisemiten-Häuptlinge, in das Streberthum, das sich unter denselben breitmacht, und in die politische Haltung des „Deutschen Volksblatt" gewährte die Aussage der Zeugen Krautmann, Lueger. Vetter, Scharf, Hollomah, Härdtl, Wolf und Schönerer. K r autm ann, der bekannte Schildknappe Schöne rers, erklärte, Bergani habe bei der Gründung des „Volksblatt" feive sina-'neuen Opfer gebracht, im Gegentheile, Vortheile aus dem Blatte gezogen. Die Mitglieder des Zeitungsausschusses gingen widerrechtlich vor, warfen sich eigenmächtig als Eigcnthümer auf und machten aus einem Parteinmernehinen ein Privatunternehmen, so daß einer der Führer der deutschnationalen Antisemiten ausries: „Haben die Leute keinen Begriff von Recht und Unrecht, von Mein und Dein?" Trotzdem hat jedoch Kraut mann das Schulreferat für das Blatt übernommen und hiefür ein Pauschale bezogen. Dr. Lueger gab auf eine diesbezügliche Frage des Vertheidigers an, es sei schwer zu sagen, wie viel anti semittsche Fractioncn es in Wien gebe. Vetter sagte aus, die Tendenz des Blattes sei ursprünglich eine stramm deutschnationale, jedoch mehr im Sinne P att ais, auf österreichischem Standpunkt fußend, gewesen; nach kurzer Zeit habe sich das Blatt gewendet, seine Tendenz sei eine extremdcutschnationale geworden im Sinne Schönerers, und dann sei es zu dem „christlich-socialen" Systeme übergegangen, so daß man sich eigentlich nicht auskannte, in welcher Richtung es schreibe, Zeuge depvnirte weiter, daß Bergani wiederholt Lueger und P a t t a i bekämpft und ersteren den Schädling der antisemitischen Bewegung genannt habe, der vernichtet we.den müsse. Auch Scharf bestätigt die Schwankungen des „Deutschen Volksblattes." Zeuge Hollomah sagt, das Motiv dieser Schwankungen sei in finanziellen Gründen zu suchen, das Blatt sei als eine rein persönliche Spekulation Verganis gegründet worden. Er (Hollomah) würde Vergani überhaupt nicht trauen, schon als er ihn zun; ersten Male sah, habe ihn eine innere Stimme vor ihm gewarnt. Zeuge Härdtl depouirt, Vergani habe die Obmannstelle des Schuloereins für Deutsche an sich gerissen und eine Agitationsreise nach Böhmen unternommen, für die er dem Schulverein 150 fl. Spesen aufrechnete; ebenso habe er für eine Reise in die Alpenländer 200 fl. berechnet, obgleich er dabei lediglich für die Verbreitung des „Volksblatt" gearbeitet habe. Vergani habe Alle gewissermaßen ausgeniitzt, Zeuge Wolf erklärte, Vergani habe die Eignung, ein großes Blatt zu leiten, vollständig gefehlt, und zwar was Charakter als auch was geistige Fähigkeit anbelangt. Um den Trafikverschleiß zu erhalten, habe Vergani seinen Redacteuren ein gemäßigtes Verhalten gegen die Regierung anempfohlen. Von der Reclamesucht Verganis zeuge die Thatsache, daß er eine Correspondenz mit dem Ausspruch': „Die zaubergewaltige Erscheinung Verganis" dem Blatte selbst eingeschickt habe. Die Aussage Schönerers lautet: „Vergani hat mich wiederholt um Unterstützung seiner Person und des „Deutschen Volksblatt" angegangen, und zwar sowohl in moralischer als in materieller Beziehung. Wie oft und wann dies geschehen ist, daran kann ich mich leider nicht mehr erinnern. Ich habe im Jahre 1889 gelegentlich einmal Leh rner gegenüber auf dessen Frage, es müsse eine Lösung der Bolksblatt-Frage geben, erwidert: Eine solche Lösung gibt es, wenn Vergani sich an meinem Spiegelhaken aufhängt." Aus den Aussagen einer anderen Gruppe von Zeugen ging hervor, daß Vergani in seiner Eigenschaft als Obmann des Mühldorfer Losvereins ohne Ermächtigung der Generalversammlung die Lose dieses Vereins versetzte und sich aus dem entliehenen Gelde ein bedeutendes Darlehen auszahlen ließ. Zeuge Pater Büßermaßer gab an, daß bei der Wahlmännerwahl in Mühldorf Vergani als Vorsitzender der Wahlcommission zweimal von Stimmzetteln, welche die Namen von Gegnern enthielten, die Namen der ihm günstig Gesinnten herablas. Auch die Panschaliengeschäfte des „Deutschen Volksblattes" kamen zur Erörterung. Auf eine diesbezügliche Frage des Vertheidigers gab der Jnseratenagent Sage r an, er mache keinen Unterschied, ob eine Bank von Juden oder Christen geleitet werde, er gehe zu jeder Bank, zum Secretür oder Direktor und frage nicht darnach, ob dieser ein Jude oder Christ sei. Er habe sich auch um Inserate der Creditanstalt und der Länderbank beworben und nur solche zurückgewiesen, die mit „Rot hs ch i l d" unterzeichnet waren. (Das ist eine t hatsä ch l i ch e Unrichtigkeit. Das „Deutsche Volks bl att" brachte einen mit „Rothschild" Unterzeichneten Prospekt über die ungarische Rentencon Version. Anm. d. Red.). Wir schließen unseren Bericht mit einer Stelle aus dem geistvollen Plaidoyer des Vertheidigers Dr. Griez de R onse, welche eine höchst treffende Definition des Antisemitismus enthält. Dr. Griez sagte: „Vergani nennt sich mit Stolz Antisemit. Was ist Antisemitismus? Ich will nicht in das Labyrinth der antisemitischen Doctrin eindringen, denn wir haben hier die gewiegtesten Antisemiten nach den antisemitischen Fraktionen geftagt und von keinem eine befriedigende Antwort erhalten. Der Eine sprach von zwei, ein Anderer von sechs bis acht Fractionen, und alle diese Fraktionen behaupten, ein Programm zu haben. Was gut ist an dem antisemitischen Programm, ist alt, und das Neue daran ist schlecht. Ein Gedanke ist es hauptsächlich, der die Antisemiten von allen anderen Parteien unterscheidet, der Antisemitismus ist das Bestreben, einen neuen Geburtsadel zu schaffen. Mau kann darüber streiten, ob das am Schluffe des 19. Jahrhunderts möglich ist, man kann aber nichts gegen eine Politik einwenden, welche eine solche Docttin in der Absicht aufstellt, etwas Gutes zu schaffen. Verlangen muß man aber, daß jene Herren, welche diese Doctrin in aggressiver Weise, wie Vergani. vertreten, auf jenem hohen moralischen Piede st al stehen, von welchem sie auf eine andere Classe von Mitbürgern herabsehen können. Diese Herren müssen es sich auch gefallen lassen, daß ihre Handlungen undAeußerungen mit einem andern Maß st ab ge-