Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 10 (6.3.1891)
- Date
- 1891-03-06
- Page
- Seite 179 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 10 Gesterreichische Wochenschrift Seite 179 Sehen wir aber zuerst einmal zu: Wer ist denn dieser Groß-Rabbiner? Wie heißt er? Wo hat er gelebt? Wo und wann hat er diese niederträchtige Rede gehalten? \ Jit er wirklich ein lebendiger Mensch von Fleisch und Blut gewesen? Nichts von alledem! Die Rede, die nach Nr. 130 der „Antisemitischen Correspondenz" ein Groß-Rabbiner in einer geheimen Versammlung gehalten hat (!!), ist nichts als eine widerliche Fiction aus einem Roman niedriger Gattung, der unter dem Titel: „Gaeta, Warschau, Düppel" in Berlin im Jahre 1868 erschienen ist. Der Verfasser dieses Rymanes ist der aus dem Proceß Waldeck als Zeuge wohlbekannte Rechnungsrath Hermann Gödsche, welcher als Romanschriftsteller den Namen John Retcliff führte. Im ersten Bande dieses Romanes befindet sich ein Capitel „Ans dem Jndenkirchhof in Prag". Es wird dort der Verlauf eines fingirten Sanhedrin geschildert, welches alle hundert Jahre einmal am Grabe des Rabbi Simeon Ben Jehuda in der Nacht stattfinden „soll". Nach dem G öd scheuchen Roman hätten sich dort dreizehn Vertreter eingefunden, als — so heißt es im Roman — „der letzte Schlag der Mitternachtsstunde vom Thurm her durch die Nacht zitterte und ein gespenstiger blauer Lichtschein aufflackerte, gleichsam aus dem Steinhaufen, dem Grabe des alten Kabalisten, dringend, nnd die 13 weißen verhüllten Gestalten umdümmerte, die um das Grab her kauerten". Die ganze Schilderung der geisterhaften Scene aus dem Prager Judenkirchhofe trägt den Stempel einer phantastischen Erfindung an sich. Was in der „Antisemitischen Correspondenz" als „Rede des Groß-Rabbiners" mitgetheilt wird, ist nichts als ein ganz unvollständiger Auszug derGespräche der erdichteten 13 Geistergestalten. Das ist die ganze thatsächliche Unterlage für das „Angebinde" an die Mitglieder des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus". Wie wir erfahren, ist Nummer 130 der „Antisemitischen Correspondenz" den Unterzeichnern des Aufrufs, beziehungsweise den Mitgliedern des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus zugesendet worden. Die Nummer 131, welche zwar keine wahrheitsgemäße Aufklärung bringt, aber auf die richtige Spur leiten kann, ist den Mitgliedern nicht zugesandt worden, obgleich sie doch gewiß auf die Erklärung eines für sie bestimmten Stammbuchblattes -ein Anrecht hatten. In der Nummer 1.31 vom 15. Februar erklärt nämlich die Redaction der „Antisemitischen Correspondenz" auf die Reclamation eines Lesers selbst, daß diese angebliche Rede dem G ö d s ch e'schen Werk entnommen sei. Anstatt nun diese ganz unerhörte Verunglimpfung der Juden zurückzunehmen, liegt der „Antisemitischen Correspondenz" in der Nummer 1.32 vom 22. Februar ein zur Massenverbreitung bestimmtes Flugblatt unter dem Titel: „Die geheimen Ziele des I u d e n t h u m s" (Nummer 471 bei, durch welches diese erdichtete Rede flott weiter verbreitet wird. Um Allem die Krone aufzusetzen, wird die angebliche Rede wie folgt eingeleitet: „Der Verfasser (John Retcliff) verknüpft historische Thatsochen durch romanhafte Einflechtungen, und es ist nicht zu ersehen inwieweit das Mitgetheilte streng historisch ist (!), soviel ist aber sicher (!), daß der Verfasser das Wesen und Treiben des Judenthums im innersten Kerne kannte und im Nachstehenden treffend gezeichnet hat. Wenn man auch an der Richtigkeit der Worte zweifeln wollte (!), so würde man durch die Thatsachen, die um uns her geschehen, belehrt werden." Am Schluß dieses zur Massenverbreitung bestimmten Flugblattes wird die ungeheuerliche Wendung wiederholt: „Wenn man auch annehmen wollte, daß die Rede in dieser Form nicht gehalten worden, daß sie eine Fiction (!) sei, so wird doch Niemand, der das Treiben des modernen Judenthums beobachtete, bestreiten, daß das Jndenthum auf allen Gebieten in der angegebenen Weise arbeitet." So das antisemitische Flugblatt! In der That — Jeder, dm die Leidenschaft und der Haß nicht blind gemacht hat, wird einen Kampf mit solchen Mitteln verabscheuen. Empörung muß allerdings Jeden der diese Rede liest, erfassen, aber nicht über die Juden, welche schuldlos sind an solcher „ungeheuerlichen" Fiction, sondern über diejenigen, welche sich solcher Mittel bedienen, um in Mafsenflngblättern gegen ihre jüdischen Mitbürger zu hetzen. Antisemiten vor Gericht. Ernst V e r g a n i hat endlich den Gerichtssaal betreten. Er hat lange gezögert, ehe er sich zu dem Versuche einer öffentlichen Reinwaschung seiner Ehre entschloß, und er hat schließlich eine Gelegenheit hiezu gewählt, bei welcher ihm in Folge der Ungeschicklichkeit des Angriffes ein Scheinerfolg nicht ausbleiben konnte. Einer der journalistischen Lanzknechte des Antisemitismus, der ehemalige Mitarbeiter des „Deutschen Volksblatt", Karl Hron, hatte gegen Vergani eine Broschüre veröffentlicht, in welcher gegen den Letzteren neben einer Reihe von Schmähungen, welche nicht unter Beweis gestellt werden können, der Borwurf des Betruges, der Wahlfälschung, des politischen Wankelmnthes, der schwindelhaften Geldspeculation. der Zeugenflncht nnd der Uebervortheilung des Wiener Armenfonds erhoben war. Karl Hron ist von den Geschworenen verurtheilt worden, weil eine große Anzahl seiner Zeugen ihn im. Stiche ließ und so der angebotene Wahrheitsbeweis vereitelt wurde. Allein die Ergebnisse des Beweisverfahrens genügen vollkommen, um Vergani für alle Zeit zu kennzeichnen. Karl Hron ist in die journalistische Schule des Antisemitismus gegangen, er hat, um mit seinem Vertheidiger zu sprechen, Ernst Vergani in der Construction von grobkörnigen Schimpfworten noch überboten und sich seines Herrn und Meisters vollkommen würdig erwiesen. Das System der leichtfertigen und böswilligen Verdächtigung, das diese Propheten des Racenhasses seit Jahren gegen die Inden in Anwendung bringen, ist einmal an einem der Ihrigen zu Schanden geworden. Karl Hron hat sein Schicksal hundertfach verdient, nicht als Feind Vergani's, sondern als Soldknecht des Antisemitismus. Der Herausgeber des „Deutschen Volksblatt" aber hat einen Pyrrhus-Sieg errungen, er geht gezeichnet ans der dreitägigen Verhandlung heraus und auf die Motive und Ziele der antisemitischen Bewegung und ihrer Führer sind Streiflichter gefallen, welche nicht so bald wieder verwischt werden dürsten. Eines der wichtigsten Momente des Proceffes bildete die Geschichte der Gründung des „Deutschen Volksblatt". Karl Hron hatte die Behauptung Vergani's. daß er sich mit einer Einlage von 1000 fl. an dem Blatte betheiligt habe, als eine Lüge bezeichnet und demselben vorgeworfen, daß er eingegangene Spenden zu seinem persönlichen Vortheile verwendet habe. Ein Nachweis hiefür wäre nur aus den Büchern des „Deutschen Volksblatt" zu erbringen gewesen. Die Rathskammer des Landesgerichtes aber hatte den Antrag auf Vorlage dieser Bücher abgelehnt, und auf die Frage des Bertheidigers an Vergani, ab er aus eigenem Antrieb bereit sei, die Bücher vorzulegen, antwortet derselbe mit großer Heftigkeit: „O, nein, das will ich nicht". Aus dem Verhöre Vergani's ging weiter hervor, daß dessen angebliche Einlage weder verbucht noch quittirt war. Mit welchen Mitteln das zur „Bekämpfung der Corruption" gegründete „Volksblatt" arbeitete, geht aus der folgenden Thatsache hervor: Die Administration des Blattes hatte an die Inserenten ein Circular verschickt, in welchem die Auflage des „Deutschen Volksblatt" mlt 25.000 angegeben war. Aus eine diesbezügliche Frage des Vertheidigers erklärte Vergani, er habe hiebei das Beispiel