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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-03-06 · 10 (6.3.1891) · p. Seite 177

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
10 (6.3.1891)
Date
1891-03-06
Page
Seite 177 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 10. Hesterreichische Wochenschrift Seite 177 nichts zurücklassend, als den tröstlichen Glauben an eine Gleichstellung im Jenseits. Hienieden auf Erden bemächtigte sich die neue Lehre zwar der Ceremonien und der kirchlichen religiösen Anschauungen der Menschen, das sociale Leben dagegen ließ sie unberührt, ja es kann füglich behauptet werden, daß die knechtische Gliederung der Gesellschaft gerade im christlichen Mittelalter strenger und unduldsamer wurde, denn im heidnischen Alterthum. Ein durchgreifender Wandel trat erst mit der Reformation ein, als den abendländischen Völkern die Urschriften ihrer religiösen Lehre zugänglich wurden und sie aus diesen mehr und mehr erkannten, daß die Gleichheit der Menschen nicht blos für die Todten, sondern auch für die Lebenden gemeint sei. Der erste Versuch, die christliche Gleichheitslehre politisch auszugeftalten, war die große englische Revolution, der zweite die Staatengründung in Nordamerika, der dritte die große französische Revolution. Seither schreitet der Gleichheitsgedanke unaufhaltsam fort, aber eben nur der Gedanke, während all' die bezeichneten Revolutionen bisher nicht vermochten, ihn zur That werden zu lassen. Wir glauben an die Freiheit, wir schmachten nach ihr, und wir üben die Knechtschaft. - Es gibt nun zahlreiche Menschen, die von diesem großen Gegensätze der Meinungen und Institutionen noch immer nichts wissen, die da glauben, die Freiheit sei Thatsache geworden, weil es erlaubt ist, sich in schönen Redensarten über sie zu ergehen, welche die Knechtschaft für überwunden halten, weil die Knechte nrcht mehr gekauft und nicht mehr im Kriege erbeutet werden, sondern lediglich durch den Hunger gezwungen sind, sich in Knechtschaft zu begeben. Diese meinen, daß eine Aenderung der socialen Grundlagen der Gesellschaft überhaupt überflüssig sei; sie sind die eigentlich Conservätiven, trotzdem sie sich in der Regel den Namen von Liberalen beilegen, letzteres offenbar aus dem Grunde, weil sie glauben, daß der Freiheit Genüge geschehen sei, wenn nur Jedermann nach freiem Ermessen — verhungern dürfe. Die Gegner dieser verblendeten Anhänger des Bestehenden sind diejenigen, welche den Einklang zwischen den moralischen Anforderungen und den thatsächlichen Einrichtungen durch die Beseitigung der Knechtschaft Herstellen wollen. Begreifen nun diese, daß die Knechtschaft mit Racenunterschieden nichts zu thun habe, so bemühen sie sich selbstverständlich um nichts Anderes, als eben um die Beseitigung jener socialen Institutionen, auf denen die moderne Knechtschaft thatsächlich beruht, und so verschieden auch ihre Wege im Uebrigeu sein mögen, kann man sie doch alle mit dem Sammelnamen „Socialisten" bezeichnen. Sind dagegen solche, mit den socialen Thatsachen der heutigen Welt unzufriedene Menschen in höherem Maße angesteckt von dem das politische Leben der heutigen Völker vergiftenden Nationalitäts- und Racenvorurtheil, so vollzieht sich in ihren Köpfen eine ganz eigenartige Begriffsverwechslung. Sie halten Freiheit und Gleichberechtigung für gut, Knechtschaft und Ausbeutung für schlecht; zugleich sehen sie, daß die Gefühle und Anschauungen der denkenden Mehrzahl aller Mitlebenden für das Gute, die Institutionen und Handlungen dagegen für das Schlechte sind; da sie nun überdies durch ihre Vorurtheile verleitet werden, alles Gute der eigenen Nation, der eigenen Race, alles Schlechte irgend einer ftemden Nation oder Race auf's Kerbholz zu schreiben, so steht es bei ihnen von vorneherein fest, daß Freiheit und Gleichberechtigung herrschen würden, wenn nur ihre eigene Nation die Schicksale der Welt in Händen hielte, woraus sich dann von selbst ergibt, daß die thatsächlich herrschenden Uebel durch fremden Einfluß verschuldet seien. Welche Art fremden Einflusses aber könnte für diese Uebel verantwortlich gemacht werden? Der „unverfälschte deutsche Mann" weiß zwar, daß die „Wälschen" auf der einen und die „Slaveu" ans der anderen Seite erfüllt von allen Arten der Niedertracht seien, gleichwie der unverfälschte Franzose oder Slave genau das Nämliche vom Deutschen weiß, das Nächstliegende wäre also allerdings, wenn die großen europäischen Nationen einander auch für die socialen Uebel, unter denen sie leiden, verantwortlich machen würden; aber das geht aus dem Grunde nicht, weil selbst der hirnverbrannteste nationale Chauvinist weiß, daß im Punkte dieser Leiden alle Völker gleich seien und einander nicht das geringste vorzuwerfen haben. Ebenso sagt eine dunkle Ahnung den National-Fanatike n überall, daß ihre gehaßten Rivalen über Freiheit nnd Gleichheit der Hauptsache nach nicht anders denken, als sie selber. Gin Sündenbock aber muß gefunden werden, da ja andernfalls nichts übrig bliebe, als das eigene theuere Selbst unter die kritische Sonde zu nehmen, und so ist man denn auf die Juden, als auf die Urheber der Knechtschaft verfallen. Diese leben über die ganze civilisirte Welt zerstreut — daß sie in einzelnen Ländern nur überaus dünn gesäet Vorkommen, muß man nicht nothwendigerweise wissen, sie eignen sich daher schon aus diesem Grunde zur Rolle der Angeklagten in dem universellen Processe. Kurzum, aus dem Zwiespalte der jüdisch-christlichen Ethik und der alt-arischen Ausbeulung wird im Handumdrehen ein Zwiespalt angeblich arischer Freiheitsbestrebungen gegen angeblich semitische Institutionen. Daß die germanisch-keltisch-slavische Welt von Freiheit und Gleichheit in dem Sinne, wie sie heute auf der Tagesordnung stehen, noch viel weniger wußte, als die griechische und römische, daß ihr die Kunde davon erst durch das Semitenthum übermittelt wurde, und daß der fortschreitende Triumph dieser Ideen durchaus gleichbedeutend war und ist mit einem Triumphe des Christenthums, d. i. also des semitischen Geistes, über die altarische Weltauffassung, davon haben die sogenannten Antisemiten natürlich auch nicht die geringste Ahnung, und so kommt es denn, daß der Kampf zwischen ihnen und jenen Couservativen, welche sich fälschlich Liberale uennen, in Wahrheit unter vertauschten Feldzeichen geführt wird. Unter den Fahnen heidnischen Nationalitätendünkels stürmen die Feinde der heidnischen Ausbeutung gegen eine festgeschlosseue Phalanx, welche diese heidnische Institution unter den wehenden Feldzeichen der Freiheit und Gleichheit vertheidigt. Und deshalb glauben wir auch, daß eine Entscheidung in diesem Kampfe gar nicht fallen kann. Es sind Lusthiebe, die hüben und drüben geführt werden. Der Antisemit kann die Ausbeutung nicht verwunden, da seine wüthendsten Sireiche an dem Racenvorurtheil abprallen, das er als besten Schild selber über sie hält; der sogenannte Liberale alter Schule hinwieder kann dem Racenvorurtheile nichts anhaben, weil seine salbungsvollsten Argumente an dem Glauben von der Nothwendigkeit der Ausbeutung abgleiten, welchen hinwieder er als Schild über seine Gegner breitet; Knechtschaft wie Racenhaß werden erst unter den Tritten des Socialismus verenden. Ci« gefeierter Defraudant. Die Deftaudation in der Grazer Selbsthilfegenossenschaft, über welche wir bereits in unserer letzten Nummer berichtet haben, verdient eine eingehendere Würdigung. Wir rufen die Angelegenheit mit wenigen Worten unseren Lesern wieder in Erinnerung: Das Haupt der Grazer Antisemiten, einer der eiftigsten Propheten der Judenhetze, ist Obmann eines auf dem Prirmpe der Selbsthilfe errichteten Spar¬ und Borschußvereins, Wer Mann gehMzu den „Honoratioren" der steierischen Landeshauptstadt, er peht bei seinen Mitbürgern im höchsten Ansehen, und als der Tag des zehnjährigen Bestandes der Genossenschaft erscheint, bringen ihm die Mitglieder desselben und seine Collegen im Vorstände begeisterte Ovationen dar. llutz doch haben an diesem Tage

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