Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 10 (6.3.1891)
- Date
- 1891-03-06
- Page
- Seite 176 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3020847-3020858--00189-3024165- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 176 Hesterreichtsche Wochenschrift Nr. 10 die Bestrebungen der Regierung zu besprechen. Die extremen Elemente kehren gestärkt ins Parlament zurück. In Böhmen triumphiren die Jungczechen, in Steiermark werden die antisemitisch angehauchten Deutschnationalen der liberalen Partei empfindliche Schlappen beibringen, und die Räume der Volksvertretung werden noch oft von den fanatischen Hetzrufen der Judenhasser und der nationalen Chauvinisten widerhallen. Nur durch den engen Zusammenschluß aller gemäßigten Parteien, durch die Hochhaltung des Staatsgedankens, welcher zugleich der Gedanke des Friedens und des bürgerlichen Fortschrittes ist, kann eine weitere Aus- > breitung des Racenhasses verhindert werden. Ein schwacher Lichtstrahl deutet den Anbruch eines neues Tages an, möge die Einsicht und Einttacht aller Ehrlichen und Gebildeten ihn in seinem vollen Glanze heraufführen. * * ArrttfemMsche Mahlresnllale. Außerhalb Niederösterreichs haben die Anttsemiten nur noch in Schlesien durch die Wiederwahl Kaisers einen Erfolg erzielt. Dieser Sieg wird jedoch durch die vernichtende Mederlage T ü r k s, der dem neuen Abgeordnetenhanse nicht mehr angehören wird, vollauf wettgemacht. In Wim und Niederösterreich erscheinen bisher folgende Antisemiten gewählt: Mariahilf: Dr. Robert Pattai, Neubau: Dr. Albert G e ß m a n n, Josefftadt: Professor Josef Schlesinger, Sechshaus: Ernst Schneider. — Nichtgewählt wurden: Ernst Vergani in Krems-Stein, Josef Fiegl in Baden. — In die engere Wahl kommen: Wieden: Mechaniker Hauck gegen Matsche ko, Margarethen : Dr. Lueger gegen Gerhardus, Alsergrund: Dr. Warmuth gegen Wrabe tz, Hernals: Prinz Liech teuft ein gegen Kronawetter. An unsere Glaubensgenossen richten wir die dringende Bitte, morgen (Samstag) vollzählig bei den engeren Wahlen zu erscheinen und einmüthig für die fortschrittlichen Candidaten zu stimmen. Der Antisemitismus?) Die meisten unserer Leser werden es wohl für nichts weiter als für Spielerei und Paradoxen halten, wenn wir die Meinung aussprecheu, daß der sogenannte Antisemitismus soferne er überhaupt eine ethische Grundlage besitzt, nichts Anderes sei, als eine turbulente Auflehnung des semitischen Geistes gegen die heidnischen Institutionen. Selbstverständlich verwahren wir uns nachdrücklichst dagegen, als ob wir hinter dem Treiben der Antisemiten sonderlich viel ethische Motive suchen würden; die große Masse dieser Krakehler wird lediglich vom Brotneide angctrieben und noch dazu vom Brotneide in seiner schmutzigsten Form, welche darin besteht, daß der Unfähige, Untüchtige, im Bewußtsein seiner Inferiorität sich die erfolgreicheren Concurrenten im Wege der Verleumdung und brutalen Vergewaltigung vom Halse schaffen will. Der große Troß und die Mehrzahl der Führer des antisemittschen Heerbannes recrutiren sich allerorten aus der geistigen und moralischen Hefe der Bevölkerung. Aber es hieße sich auf der anderen Seite doch gewaltsam der Wahrheit verschließen, wollte man leugnen, daß einerseits aus dieser Horde verkommener, vor keiner Niedrigkeit zurückschreckender Scandalmacher einzelne Gestalten sich abheben, denen sichtlich der Gedanke einer grundlegenden Reform des wirthschaftlichen Lebens vorschwebt und daß anderseits auch die verführten Massen unmöglich dem antisemitischen *) Aus ber von Dr. Theodor Hertz kg herausqeqebenen »Zeitjchrist (tir Staats- und AoUsroirthschaft." Gifte in so weiter Ausdehnung zugänglich wären, wenn gerechte Empörung über die allerorten herrschende Corruption und Ausbeutung sich nicht mit dem Brotneide zu einer schwer zu definirenden Mischung verbänden. Unbegreiflich erscheint auf den ersten Anschein nur, wie sich solcherart die sittliche Entrüstung über thatsächlich bestehende Uebelstände mit den gemeinsten und niedrigsten Jnftincten verschwistern kann. Für das Recht der ehrlichen Arbeit gegen die capitalistische Ausbeutung kämpfen, gleichzeitig aber ehrliche Arbeiter verfolgen, weil sie zufällig anderer Abstam- > mung sind und sich zu allem Ueberfluffe bei diesem Kesseltreiben gegen diese „semitische" Concurrenz gerade mit jenen Ständen verbünden, die seit den Anfängen der Geschichte bis zur Gegenwart ihre Existenz lediglich auf Ausbeutung begründen, dürfte wohl Manchem ein unerhörter Widerspruch dünken. Und doch meinen wir, daß all' diese Räthsel nicht gar so schwer zu lösen sind, soferne man nur über Wesen und eigentliche Beschaffenheit jenes Zwiespaltes in der bestehenden modernen Welt selber zur Klarheit gelangt, der seit einigen Menschenaltern den socialen Bestrebungen der abendländischen Culturvölker seinen Stempel aufdrückt. Nochmals betonen wir, daß bei der nun folgenden Darstellung nicht von den gedankenlosen, verführten Massen und ebensowenig von dem an ihrer Spitze einhermarschirenden verkommenen Stteberthum die Rede sein soll, sondern von den, wenn auch in verschwindender Minderzahl vorhandenen Sonderlingen, die sich dem Antisemitismus aus sittlichen Moüven angeschlossen haben, von Männern, die der aufrichttgen Ueberzeugung sind, dem wirthschaftlichen Fortschritte zu dienen, für das Menschenrecht zu kämpfen, indem sie eine Race von Menschen verfolgen. Zwischen den sittlichen Anschauungen und den thatsächlich herrschenden Zuständen der modernen Welt gähnt eine tiefe, sich stetig erweiternde Kluft. Auf der einen Seite glauben wir, daß alle Menschen ihren Rechten nach vollkommen gleich seien, auf der anderen haben Staat und Gesellschaft die Ungleichheit der Menschen zur Existenzbedingung. Die Sclaverei ist jedem besser Denkenden ein Greuel, zugleich aber ist sie allerorten in ebenso unbestrittener Kraft, wie vor Jahrtausenden; ihre Form hat sich geändert, ihr Wesen aber ist das gleiche geblieben. Wir verfügen über die Arbeit unserer Nebenmenschen nicht mehr aus dem Grunde, weil wir sie gekauft oder im Kriege unterjocht haben, aber wir stützen das Anrecht an die Früchte ftemden Fleißes auf die Fiction des sogenannten freien Arbeitsvertrages. Wir üben also unausgesetzt, was wir mit allen Kräften unseres Geistes und unseres Herzens verwerfen: die Ausbeutung Dieser Gegensatz der Meinungen und der Thatsachen ist verhältnißmäßig neuen Datums und er gewinnt stetig an Schärfe. Frühere Jahrtausende kannten ihn überhaupt nicht; die alte Welt übte die Ausbeulung, sie hielt sie aber zugleich für vollkommen gerecht und moralisch. Die Edelsten der Griechen und Römer schwärmten zwar auch für Freiheit und Gleichheit einer herrschenden Kaste; daß der Sclave dem Herrn gleichberechtigt sei, war eine Idee, die dem Sokrates und Plato ebenso fern blieb, als dem vorurtheilsvollsten Pfahlbürger oder Aristokraten Athens oder Roms. Das Christenthum brachte den abendländischen Völkern zum erstenmale die Kunde von der ausnahmslosen Gleichheit aller Menschen, doch anderthalb Jahrtausende hindurch vermochte auch diese christliche Lehre zu keiner ethischen Wahrheit zu werden. Zwar in den ersten Anfängen des Christenthums übten die von den Aposteln begründeten Gemeinden auch praktisch die Gleichheitslehre des Erlösers; aber das währte nur so lange, als das Christenthum eben die Religion einer verfolgten, verachteten Minderheit war, während mit dem Momente, wo es Einfluß auf die Staatsgewalt gewann, zur herrschenden Religion wurde, die praktische Gleichheitslehxe sich rasch genug verflüchtigte,