Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 10 (6.3.1891)
- Date
- 1891-03-06
- Page
- Seite 175 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ijHcu, 6. März 18(>i Till I«hr>m»A. üTfr iö. 1 Centralorgan für die gefammten Interessen des Indenthnms. 'r ■ : —D K. k. Postsparcaffenamt Clearingverkehr 9U.810.976 Redaction und Admiiustration: Wien, 1, Rothenthurmstraße 8V. ^====^7 ==[5] -:—- Eigenthümer: Reichsraths-Abgeordneter Di\ Bloch. Erscheint jeden Freitag. --- Man abonnirt bei allen Poftanstalte» des In- und Auslandes. Bezugspreis: Halbjährig 4 st. Einzelexemplare 25 kr. Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 12 kr. Inhalt: Leitartikel: Nach der Wahlschlacht. Der Antisemitismus. Ein gefeierter Defraudant. Ein Bubenstück Antisemiten vor Gericht. Die ungarisch-israelitische Landeskanzlei gegen den Preßburger Oberrabbiner B. Schreiber. Lesefrüchte. Publicationen des israelitischen CuMsvorstandes in Wien. — Correspondenzen: Wien. Prag. Budapest. Neu-Sandez. Berlin. Petersburg. — Vermischtes: Wien. Brünn. Gaya. Oedenburg. Törökbecse. Moor. Lemberg. Berlin. Leipzig. Gießen. Paris. Nizza. Rom. Manchester. Stockholm. New-Jork — Familienblatt: Griechin und Jude. Inserate. Telegramm. Koiomea, 5. Marx. D r. Kl och wurde in Kolornea Snczaez Sniatyn mit 2128 Stimmen miedergewählt. GrafStarzynsky erhielt 1778 «nd Weisels S7 Stimme«. Die Mahlen in Knrxacx «nd Sniatyn verliefen gan; ruhig, hingegen hat die Wahl in Kylomra furchtbare Kerne» gebracht. Dir Kauern, die für den Grafen Starezynski waren, durchzogen die Straßen «nd mißhandelten dir jüdischen Wähler. Alle Geschäfte wurden gesperrt, mehrere Verwundungen kamen vor Gin Jude wurde erstochen. Der jüdische Friedhof wurde demolirt. Mach dev Mahlschlachl. Die Reichshauptstadt hat gesprochen. Die Wahlen in Wien in Verbindung mit den Wahlen der niederösterreichischen Städte dürfen als verheißungsvolle Anzeichen eines beginnenden Umschwunges, einer Besserung unserer öffentlichen Zustände begrüßt werden. Wir stellen die wichtigsten Ergebnisse des gestrigen Wahltages voraus: Dr. Karl Lueger muß sich in seinem angestammten Wahlbezirke einer Stichwahl unterziehen, deren Ausgang zweifelhaft ist; dem Prinzen Alois Liechtenstein ist es nicht gelungen, den Wahlbezirk Hernals-Währing im ersten Ansturm zu erobern und er muß mit Krona weiter ein zweites Mal die Klinge kreuzen. In der Inneren Stadt, in der Leopoldstadt und auf der Landstraße drangen die liberalen Candidaten schon im ersten Wahlgange siegreich durch und auf dem Alsergrund ist der Sieg der liberalen Partei bei der engeren Wahl gewiß. In Krems ist Berg an i, in Baden Fiegl gefallen. Das sind thatsächliche Erfolge der fortschrittlichen Parteien, die wohl nicht bedeutend genug sind, um einen Triumphgesang zu rechtfertigen, die aber doch als Symptome der wiederkehrenden politischen Vernunft in den Reihen der irregeleiteten und bethörten Menge nicht unterschätzt werden dürfen. Wohl fehlt es den Wahlen in der Reichshauptstadt auch nicht an häßlichen Erscheinungen. In Sechshaus wurde — man sollte es kaum für möglich halten — ein Mechaniker Schneider mit erdrückender Majorität gewählt, zwei andere Mandate, jenes am Neubau und in der Josefstadt, sind endgiltig an die Antisemiten verloren gegangen und auch das Mandat des vierten Bezirkes, Wieden, dürfte bei der morgigen Stichwahl kaum noch zu retten sein. Der Appell, welchen die Regierung bei der Ausschreibung der Neuwahl an alle gemäßigten und erhaltenden Parteien im Staate richtete, konnte eben nicht überall und voll seine Wirkung thun. Die Verwirrung der Geister und die Erschütterung aller bisher maßgebenden politischen Grundsätze ist zu weit vorgeschritten, als daß eine plötzliche Wandlung erhofft werden, als daß die traurigen Wirkungen einer zehnjährigen systematischen Zersetzungsarbeit mit einem einzigen Machtworte beseitigt werden könnten. Der Wahlkamps in der Reichshauptstadt hat Gestalten und Gegensätze ganz besonderer Art an die Oberfläche gebracht und verlangt aus einem besonderen Gesichtspunkte heraus beurtheilt zu werden. Er zeigt eine Deteriorirung des öffentlichen Gewissens, eine Verrohung der Geister, eine Niedrigkeit der Gesinnungen und Empfindungen, welche das Wort von der Bestie in der Menschennatur nur zu sehr in Erinnerung bringt. Der specisische Wiener Antisemitismus ist die Reincultur des Judenhasses, er ist frei von aller nationalen und consessionellen Beimischung, er ist der Ausdruck der gemeinsten Jnstincte einer durch die wirthschastliche Noth geängstigten und durch gewissenlose Führer irregeleiteten Menge. Die voraussichtliche Wahl des Prinzen Liechtenstein und die vollzogene Wahl Ernst Schneiders führen noch immer eine niederdrückende Sprache. Die Stimmeuzahl, die der „schwarze Prinz" auf sich vereinigt hat, bekundet, daß die politische Heuchelei, die jesuitische Verschleierung der wahren Ziele durch populäre Schlag- Worte und wohlklingende Phrasen die Massen noch immer zu blenden vermag, die Wahl Schneiders aber beweist, daß die moralische Durchseuchung der Bevölkerung, die Vergiftung und Zersetzung aller Ehr- und Rechtsbegriffe auch heute noch furchtbare Verheerungen anrichtet. Daß ein Wiener Bezirk einen Ernst Schneider in'sParlament entsendet, ist eine so ungeheuere Schmach, daß sie alle jene Erfolge auswiegt, die wir am Eingänge dieser Zeilen aufgezählt haben. Den Freunden des Fortschrittes, den Vorkämpfern der Bildung und Gesittung erwächst demnach auch fernerhin die Pflicht, wachsam zu sein und ihre blanken Waffen nicht rosten zu lassen. Nicht um das Judenthum handelt es sich, das schon so vielen Stürmen getrotzt hat, sondern um den Bestand der bürgerlichen Gesellschaft, um die Achtung vor der staatlichen Autorität, um die Erhaltung jener geistigen Güter, die Wien zu einer Weltstadt, Oesterreich zu einem Culturstaate gemacht haben. Wir vermeiden es, die vollzogenen Wahlen in ihrer Rückwirkung auf die Nächstliegenden politischen Fragen, auf die Gestaltung der parlamentarischen Verhältnisse und auf