Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 9 (27.2.1891)
- Date
- 1891-02-27
- Page
- Seite 171 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9 Hesterreichische Wochenschrift Gette 171 war zur Zeit der Revolution des Jahres 1848 Advocat in Montpellier. Die provisorische Regierung ernannte ihn zum Procurator der Republik für Beziers. wo er unter den schwierigsten Verhältnissen sich durch feinen Tact auszeichnete. Ein Gegner des Staatsstreiches, wurde er von Louis Napoleon seines Amtes entsetzt und ohne gerichtliches Urtheil nach Algier deportirt. Er kehrte jedoch bald nach Montpellier zurück, wo er seinen früheren Beruf als Advocat wieder aufnahm. Er erlangte einen bedeutenden Ruf in allen Zweigen der Rechtspflege und wurde in Folge dessen zum Lütonnior de l’ordre ernannt. Nach dem 4. September wurde er zur Leitung der Präfectur von Herault berufen und später zum Generalrath gewählt, welchem er seither als Präsident angehörte. Er vertrat auch sein Departement als Deputirter in den Jahren 1876 und 1877, und wurde in dem Jahre 1888 zum Senator für Hörault ernannt. Im Senate nahm er vor Allem Antheil an der Abfassung des Gesetzes über die Presse, für welches er als Berichterstatter fungirte. M. Lisbonne war mit dem Orden der Ehrenlegion decorirt. Er starb geehrt von allen Parteigenossen und hochgeachtet von seinen Glaubensgenossen. Vermischtes. Wien. (Verein zur Hebung der Gewerbe für Wien und seine Vororte.) Der Verein hielt am 16, d. M, 7 Uhr Abends, unter Vorsitz des Herrn Obmannes S. Brod seine erste solenne Plenarversammlung ab. Bei vollgefülltem Saale und unter Anwesenheit desVicepräsidenten der israelitischen Cultusgemeinde, des Gemeinderathes Herrn Gustav Simon, des Architekten und Vorstandsmitgliedes Herrn Max Fleischer, des Gemeinderäthes Herrn Karl Tagleicht, der Vorstandsmitglieder der Oesterreichisch-israelitischen Union, Herren Ieiteles und Freyberg und vieler bedeutenden Industriellen, hielt k. k. Baurath und Gemeinderath, Herr Wilhelm S t i a ß n y einen Vortrag über die Gründe des Niederganges der Gewerbe in Wien. Die sachliche Durchführung, die geistvolle Beleuchtung und der oratorische Schwung der Rede erwirkten allgemeinen Beifall. Ueber die anerkennenswerthe Tendenz dieses Vereines für Gewerbetreibende und Handwerker ohne Wnlerschied der Konfession sprachen die Herren: Simon, Fleischer, Tagleicht. Jeiteles, Freyberg, Zolles, Winkler u. a. m. Von den Vereins-Vorstandsmitgliedern sprachen die Herren : B i e l i tz, Sonnenschein, T h i e m a n n, Makler, Schön bäum rc. Von den Mitgliedern die Herren: Steiner. Diasy rc. Die Versammlung wurde um Mitternacht geschlossen. (Wir wiederholen diesen Bericht aus unserer letzten Nummer, in welcher derselbe durch eine bedauerliche Satzverhebung verunstaltet war. — Die Red.) Wien. Samstag den 28. d. M., Nachmittags 2 Uhr, findet eine Wählerversammlung des Ersten Wiener Hausirervereines in L. Fischer's Gasthaus. Wien, 2. Bezirk, Schiffamtsgasse 20, statt. Wien. Sonntag den 1. März halb 3 Uhr Nachmittag findet im israelitischen Tempel, II., Tempelgasse, die Trauung des Fräuleins Helene von Frankfurter mit Herrn Michael Neurath statt. Wien. („Die Juden sind keine Semiten.") Ein neuer antisemitischer Kampfhahn, ein aus dem Deutschen Reiche importirter Antisemit sonderbarster Couleur, ist auf dem Kampfplatze erschienen. Es ist der aus Deutschland gebürtige und seit mehreren Jahren in Wien domicilirende Schriftsteller Alexander Wald, welcher letzterer Zeit die Wiener Zeituugs-Redactionen mit antisemitischen Flugschriften bombardirt hat und jüngst in Mariahilf in der zahlreich besuchten Versammlung der Pattaianer als „antisemitischer Nicht-Antisemit", als Antisemit einer ganz eigenen Rare, debutirte. Er bewirkte mit seinen Ausführungen beinahe einen Tumult. Der neugebackene antisemitische Agitator stellte die, wie er behauptete, wissenschaftlich begründete Behauptung auf, daß die Juden in Mitteleuropa keine Semiten, sondern Mischlinge zwischen Semiten und Ariern wären, während die Juden in Südrußland unverfälschte Arier seien, und daß die reinen Semiten in Marokko. Tunis, Algier, Persien rc. den Antisemiten gewiß nichts gethan. Die Bezeichnung „Antisemitismus " sollte richtiger durch „Judengegnerschaft" ersetzt werden. Wrüuu Nach dem officiellen Ergebniß der Volkszählung zählt Brünn 70 .0 Einwohner mosaischen Bekenntnisses bei einer Population von 90860 Seelen, demnach ungefähr 8 Procent der Bevölkerung der Stadt. Herum zuheben wäre noch der Umstand, daß die Juden Brünns in socialer Richtung eine hervorragende und geachtete Stellung einuehmen, die von Freund und Feind anerkannt wird, und daß Dank der taktvollen Haltung derselben der Antisemitismus in Brünn noch nicht gewagt hat, mit offenem Visier aufzutreten. Kunitz, 18. Februar. Am 9. d. M. fand die Trauung unseres Herrn Rabbiners Dr. Freimann in Ostrowo (Posen) statt. Bei seiner gestrigen Heimkehr wurde ihm und seiner Gemahlin seitens der hiesigen Cultusgemeinde ein glänzender Empfang zutheil. Um 6 Uhr Abends fuhren Herr Cultusvorsteher Sommer und Herr Emil Brunner zu der eine halbe Stunde von hier gelegenen Sta.ion dem jungen Paar entgegen; während drsfen wurden die Fenster in den Gassen mit Lichtern versehen und Transparente prangten mit den vcrschiedenartigsten, der Feier entsprechenden, hebräischen u. dentschen Juchriften und Farben Ein weithin schallendes Hoch verkündete dann fbie Ankunft der Ersehnten. Bon der Jglawabrücke aus formirte sich der Zug. Voran schritten die Jünglinge mit brennenden Fackeln, denen dann die Knaben der hiesigen Volksschule mit Lampions folgten, dann kam der Wagen mit den Neuvermählten. In der Wohl» ug angelangt, richteten Herr Cultusvorsteher Sommer und Herr Winter herzliche Worte der Begrüßung an das jnnge Ehep.-ar; nachdem noch ein Schulmädchen eine vom Schulleiter Herrn Such aripa verfaßte Ansprache hielt, sprach Herr Rabbiner Dr. Freimann seinen Dank für den ihm gewordenen herrlichen Empfang ans. v a m a q i d. ^aris. In einer der letzten Sitzungen der Akademie der Wissenschaften hat M. L i p p m a n n, eines ihrer Mitglieder, eine bemerkenswerthe Erfindung mitgethcilt, nämlich die Photographie in Farben, welche geeignet erscheint, eine große Umwälzung in der Kunst des Phvtographirens herbeizuführen. Ungeachtet wiederholter Versuche war es bisher nicht gelungen, die Farben des Sonnenspectrums durch die Photographie direct zu fixiren. M. Lippmann hat nunmehr dieses Problem gelöst. Unser genannter Glaubensgenosse hat der Akademie mehrere Photographien des Spectrums vorgewiesen, bei welchen die Farben auf der Platte in ihren feinsten Nuancen erscheinen. Diese Farbe» können der Luft und dem Lichte ausgesetzt werden, o' ne daß dieselben hiedurch irgendwie verändeit werden. H»aris. M. Osiris, welcher sich durch seine mm>ificenten Spenden für jüdische und allgemeine Zwecke bereits rühmlichst hervorgethan hat, scheint nunmehr für die Heroen der Geschichte und der Legende besonderes Interesse zu bekunden. Nachdem er jüngst auf seine Kosten eine Statue der Jeanne d'Arc in deren Geburtsort hatte errichten lassen, hat er nunmehr der Stadt Lausanne ein Geschenk von 100(160 Francs für die Errichtung einer Statue des Wilhelm T 'll zugesagt. Diese Statue, welche von Antonin Merciö ausgeführt wird, soll im Mai d. I. in feierlicher Weise enthüllt werden.