Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 9 (27.2.1891)
- Date
- 1891-02-27
- Page
- Seite 167 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9. Hesterreichische Wochenschrift Seite 167. ihrem Thun geben. Die größte Sorge aber widmet der jüdische Vater der Zukunft seines Sohnes. „Wer seinen Sohn kein Handwerk lernen läßt, lehrt ihn das Stehlen", sagt der Talmud. Und so ist es der erste und letzte Gedanke des Juden, für seinen Sohn eine passende Beschäftigung zu finden, womöglich eine solche, die einträglicher ist, als seine eigene. Er bringt die größten Opfer für Zweck, er darbt und hungert, um die Zukunft seiner Kinder besser zu gestalten, als sein eigenes Dasein es gewesen ist. Für ihn selbst mag die Zukunft nichts mehr in Vorrath haben als die gleiche freudlose Monotonie unaufhörlicher Mühe und Arbeit, für seinen Sohn aber hofft er fest auf das Erscheinen eines heiteren Tages und in dieser Hoffnung findet er Trost selbst im tiefsten Elend. Hartnäckiger, durch keine böse Erfahrung zu vernichtender Optimismus, unbesiegliche Standhaftigkeit sind hervorstechende Charakterzüge des Juden, in welcher Lebensstellung immer wir ihn finden mögen, aber nirgends treten diese Züge so deutlich hervor, wie bei dem jüdischen Arbeiter. Oibel und Religionsphilosophie.*) „Man wird es Niemandem verargen, wenn er glaubt, seine zerstreut in Tages- und sonstigen Zeitschriften erschienenen kleinen Arbeiten seien werth, gesammelt neu aufgelegt zu werden." — So sagt Steinthal mit rührender Bescheidenheit im Vorwort zu seinem Buche „Zu Bibel und Religionsphilosophie." Wer diesen herrlichen Mann jemals gehört oder gesehen, der wird Ehrfurcht empfinden, so oft er seinen Namen liest. — „Der wandelnde Gedanke", so empfindet man, erblickt man den großen Denker und Forscher aus der Straße, wie er mitten im Getümmel ruhig mit) gelassen, sinnend und betrachtend schreitet. So oft man den Höisaal dieses Philosophen verlaßt, ist man erbaut, und gedankenschwer tritt man den Heimweg an, um in stiller Stube den Versuch zu wagen, für die mächtigen Gedankenkreise einen Mittelpunkt zu finden, von dem aus man ergötzt Alles überschauen könnte. Und dieser Mann entschuldigt sich gleichsam für die köstliche Gabe, die er in dem neuen Buche reicht. Sv liefert er selbst ein herrliches Beispiel untadelhafter Demuth, wie er sie als Ideal in der Perle der gesammelten Aufsätze „Demuth" schildert Je größer die Leistungen eines Gelehrten auf dem Gebiete der gestrengen Wissenschaft sind, um so begieriger sind wir, ihn überall zu belauschen und voll Liebe ihm allenthalben zu folgen. Den Philosophen erkennt man als Mensch durch seine Philosophie mehr als jeden anderen Gelehrten durch seine wissenschaftliche Leistung und Richtung. Nur der Geschichtsforscher hat vielleicht mit dem ersteren das gemein, daß beide die Menschheit und das Menschliche an sich betrachten; deshalb haben wir Steinthal als Mensch lange schon besessen, weil er in seiner Ethik das Facit seiner Lebens- und Weltanschauung gezogen hat; und solch' eine Lebensanschauung! Trotzdem sind wir glücklich, die „kleinen" Aufsätze — doch großen Gedanken — erhalten zu haben. Eine Aufzählung der Titel möge sogleich das Verlangen erwecken, Alles zu hören. „Die E r z ä h l u n g sk u n st der Bibel", „Die Klagelieder I e r emiae", „Vom Erhabenen überhaupt und insbesondere in der Bibel", „Haman, Bileam und der jüdische Nabi", „Höret Himmel und merk' auf Erde", „Die Schöpfung der Welt, des Menschen und der Sprache nach der Genesis", „U e b e r Andacht", „Ueber Demuth", „Ueber Toleranz", Ueber religiöse und nationale Vornrtheile". *) Zu Bibel und Religionsphilosophie. Borträge und Abhandlungen von H. Steinthal. Berlin, Reimer 1890. Nichts Menschliches ist ihm ftemd; jede Faser des Gehirns und des Herzens Nerven hat er geprüft; edel, rein und gut. wahr und schön sind alle Gedanken. Es ist ein rechter Trost in unseren Tagen, wo die Jugend selbst an Ideales nicht mehr glauben will, einen ehrwürdigen Denkergreis zu kennen, der reich beladen mit der Beute innerer Erfahrung, doch getragen ist vom reinen Glauben an die Ideale. Und noch ein Anderes; ^?tetntf)at ist ein Jude; er ist in die verborgensten Tiefen des biblischen Schristthums eingedrungen, um den Schatz des Aesthetisch- Schönen" und Sittlich-Guten, das dort ruht, zu heben. Solch' ein Beispiel muß aus ernsten Gründen scharf und hell beleuchtet werden, weil man dem Judenthum den Borwurf macht, daß es auf ästhetis-> em und ethischem Gebiete nicht Großes hervorgebracht habe; weil zweitens das Judenthum und die Juden zu allererst aus diesem mustergiltigen Beispiel Selbstachtung und auch die Einsicht lernen sollen, daß sie sich selbst nicht kennen; denn kaum einer von hundert ist davon überzeugt, durch Wissen und Erfahrung davon ganz beseelt, daß wahre Keuntniß der biblischen Schriftwerke gleichbedeutend sei mit höchster ästhetischer und ethischer Schulung. „Wenn es richtig ist, daß Gottes Wort wie Mensch zu Mensch redet, d. h. nicht wie ein hochgebildeter Schriftsteller zum Denker, sondern wie ein kindliches Gemüth zum Kinde; so muß die Wahrhaftigkeit der Bibel unmittelbar kenntlich sein und muß sich vorzugsweise in der absoluten Schlichtheit des Ausdrrrckes zeigen. Und so ist es in der That. Wer die Hoheit des einfachen Großen genießen und die Gewalt, welche dieses ans das Gemüth übt, kennen lernen will — eine Einfachheit, welche groß an einer Größe, welche einfach ist: der lese die Bibel". (>. 3). Die wahrhaft erhebende Begeisterung sprüht und spricht aus dem Schlußworte des Vortrages „Klagelieder Jeremiae", welche jedweder reiflich und ernst überlegen sollte: „So dürfen Sie diese Klagelieder singen, wie ja auch die Kirche sie singt an den drei feierlichen Tagen vor Ostern; Sie dürfen sie singen, obwohl von der Zeit ihres Ursprunges durch Jahrtausende getrennt, nicht nur Jahrtausende der Umdrehung der Gestirne, sondern auch der Wandlung des Geistes der Völker. Wenn in dem Styl jener Frage „Was ist ihm Hecuba, was ist er ihr?" jemand uns ftagen wollte: Was ist Euch Zion, was seid Ihr ihr?" so würden wir gelassen antworten: „Zion ist das innerlichste Bestandstück des Bewußtseins der neuen Völker. Wir dürfen also jene Lieder singen, auch in goldenen Synagogen, und da erst recht, ohne daß sie an erschütternder und erhebender und innerlich befreiender Kraft verlieren; die Söhne Zions dürfen sie singen — auch als treue, innigst anhängliche Vollbürger der verschiedenen Culturstaaten. Dränge solche Ueberzeugung mit Kraft in die Gemüther, dann wäre der seichten Sprechseligkeit ein Ende gemacht, die leichtfertig über alte Brauche urtheilt, ohne deren inneres Wesen begriffen zu haben; gesteuert wäre aber auch der Frömmelei. Die veste Seelsorge ist die ernste Absicht, Groß und Klein dem Geist der Bibel nah und näher zu bringen und der Hoheit der Propheten, welcher S t e i n t h a l's Weltanschauung gleicht, der von den Propheten sagt: „Diese Männer, welche in Zeiten rohester Gewalt mit unerschütterlicher Gewißheit die idealste Zukunft, die vollkommene Herrschaft einer sittlichen Weltordnung verkündeten, find als Personen noch erhabener, als ihre Reden und Hymnen; und wie oft auch unser Glaube an die Macht des Idealen in der rauhen Welt untergehen mag, an jenen Männern wird er sich immer wieder emporranken." Es mag beftemden, daß wir so oft S t e i n t h a l selbst sprechen lassen; es geschieht, weil die Schlußwort seiner Abhandlungen jedesmal in einem Bollaccord ausklingen, der von einem jeden menschlichen, jüdischen Ohr