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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-02-27 · 9 (27.2.1891) · p. Seite 166

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
9 (27.2.1891)
Date
1891-02-27
Page
Seite 166 (sequence 12)
Language
German
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Sette 166 Hekerreichische Wochenschrin Nr. 9 deren sich die jüdische Race bei Epidemien erfreut, wohl vornehmlich zuzuschreiben ist der scrupulösen Beobachtung aller hygienischen Vorschriften in Bezug aus Nahrung und Lebensweise und der exemplarischen Mäßigkeit, deren sich die Juden befleißen. Es ist ja bekannt, daß alkoholische Excesse unter ihnen fast nicht Vorkommen. Die Forderung des Achtstunden-Arbeitstages, die seit Kurzem von den Arbeitern aller Länder erhoben wird, findet unter den jüdischen Arbeitern keinen so lebhaften Beifall. Dagegen scheint mir die Ansicht, daß der jüdische Arbeiter gewillt sei, für einen unangeinessenen Lohn zu arbeiten, gänzlich grundlos. Der ungeschickte Arbeiter, sei er Jude oder nicht, muß dies allerdings unglücklicherweise oft thun, um leben zu können. Aber es gibt zahlreiche geschickte jüdische Arbeiter und sie verlangen alle einen ebenso hohen Lohn, wie die einheimischen Arbeiter, die in derselben Industrie beschäftigt sind. Die Mißstimmung, die unter unseren englischen Arbeitern gegen ihre jüdischen Genossen besteht, ist erfreulicherweise nicht groß und sie rührt wohl hauptsächlich bloß daher, daß die jüdischen Arbeiter mit der Zeit auch für bessere Kunden zu arbeiten begannen und so den englischen Arbeitern einen Theil ihrer Kundschaft entzogen. Das war z. B. im Kleiderhandel der Fall. Solange der Jude sich daraus beschränkte, für die britischen Arbeiter, einschließlich die Schneider selbst, zu arbeiten und ihnen ihre Kleidungsstücke wohlfeiler und besser zu erzeugen, als irgend ein anderer Arbeiter auf der Welt, so lange mochte der jüdische Schneider 14 Stunden im Tage arbeiten, ohne daß seine englischen Genossen daran Anstoß nahmen. Erst als die englischen Schneider die Entdeckung machten, daß die besten Kleidergeschäfte Londons ihre Waare zum Theile auch von Juden bezogen, erhob sich der Ruf gegen die jüdische Concurrenz. Ein weiterer Vorwurf, der von Seiten der Führer der englischen Arbeiterschaft den jüdischen Arbeitern gemacht wird, ist deren angebliche Abneigung gegen Coalitionen. Gerade in letzterer Zeit aber haben die jüdischen Arbeiter viel gechan, um diesen Borwurf zu entkräften. Es haben sich in Leed, in Manchester und in London jüdische Handwerkervereinigungen gebildet und haben nicht geringe Zugeständnisse erlangt. Sehr bemerkenswerth ist die Geschichte der Organisation der jüdischen Schuster in London. Man kennt das unselige Sweating-System. Der Fabrikant gibt die Arbeit einem Vermittler und erst dieser beschäftigt die Arbeiter. Nun haben sich seit etwa drei Jahren Vereinigungen gebildet, denen sowohl die Vermittler, wie die von ihnen Beschäftigten angehören und der einzige Zweck dieser Vereinigungen war die Beseitigung des Sweating- Systemes. Die Vermittler selbst also halfen mit, ein System zu vernichten, dem sie wenigstens relative Vortheile zu danken hatten. Ich kenne in der ganzen Geschichte der Arbeit nichts, was sich mit dieser merkwürdigen Thalsache vergleichen ließe. Als dann der Strike ausbrach, nahmen die jüdischen Handwerkervereinigungen activ an demselben theil. Ein größerer Fonds wurde gebildet — mit welcher Selbstverleugnung mag man sich denken — aber er war bald erschöpft, besonders, da bei seiner Vertheilung in großmüthiger Weise auch Nichtmitglieder berücksichtigt wurden. Das Publicum, an das sich die Strikenden wandten, blieb ziemlich theilnahmslos; nur die jüdischen Kaufleute lieferten Lebensmittel auf Credit. Gegen Ende des Strikes aber war Alles, Geld und Credit, erschöpft. Dennoch kämpften diese jüdischen Arbeiter weiter — und siegten endlich. Ich kann ohne Zögern erklären, daß niemals ein Ausstand besser organisirt war, als dieser. Der Erfolg dieses Lohnkampfes war für die Juden nicht bloß ein materieller. Sie hatten während des Ettikes, bei dem Zusammenwirken mit ihren christlichen Genossen, Gelegenheit, die Tugenden, die die britischen Arbeiter auszeichnen, zu bewundern und von ihnen zu lernen. Aber es steht auch zu hoffen, daß auf unsere einheimischen Arbeiter die Bekanntschaft mit den sittlichen Qualitäten ihrer jüdischen Collegen eine heilsame Wirkung ausüben wird. Man hat von dem jüdischen Arbeiter behauptet, er sei unzuverlässig. Aber alle Fabrikanten, welche Juden beschäftigen, versicherten mir nur das Gegentheil; wenn der jüdische Arbeiter ihnen eine Arbeit bis zu ein ein gewissen Termine versprochen habe, könnten sie mit Gewißheit darauf rechnen. Der jüdische Arbeiter weiß ferner nichts vom Blau-Montag und besitzt auch nicht die wunderliche Gewohnheit mancher sonst fleißiger englischer Arbeiter, fast jeden Monat ein Familienfest, einen Geburtstag oder sonst etwas zu feiern. Aus eigener Erfahrung kann ich ferner noch sagen, daß ich sehr oft für kleinere oder größere Darlehen Bürge gewesen bin, ohne daß mir jemals irgend eine Verpflichtung hieraus erwachsen wäre. Uebrigens ist es ja gar nicht überraschend, wenn der Jude Jahrhunderte lang verfolgt, gehetzt und auf's grausamste unterdrückt, die Tugenden der Aufrichtigkeit und des geraden rechtlichen Sinnes nicht immer besitzt. Das ernsteste Laster manches jüdischen Arbeiters ist die Leidenschaft für das Spiel. Ich kannte einen Handwerker, der eines Tages ohne Rock und Schuhe in die Arbeit kam. Er hatte beides sammt seinem Bargelde beim Spiele verloren. Im Uebrigen aber ist der jüdische Arbeiter mäßig, sparsam und fleißig. Bekannt ist ferner seine innige und thätige Theilnahme für nothleidende Genossen. Zeichnet sich der englische Arbeiter überhaupt durch seine Wohlthätigkeit rühmlichft aus, so geht dieselbe bei den jüdischen Arbeitern oft in's Unglaubliche. Der ärmste Jude findet immer noch etwas, um einen Gefährten, der noch ärmer ist, zu unterstützen. Ich würde nicht zu Ende kommen, wollte ich alles mittheilen, was mir über solche Fälle von selbstverleugnender Mildthätigkeit während meines langjährigen Verkehres mit den jüdischen Arbeitern zu Ohren gekommen ist und was ich selbst gesehen habe. Ein Fall aber ist so charakteristisch, daß ich ihn hier mittheilen will. Einer der oben genannten „Vermittler", der aus der Arbeit der von ihm Beschäftigten ungewöhnlich großen Vortheil zog, floh aus England, nachdem er im Spiele eine große Summe Geldes verloren hatte. Die Vereinigung, der er angehörte, wollte ihm nicht helfen. Seine Arbeiter aber, die er auf's grausamste ausgesogen hatte, nahmen sich seiner Familie, die vollkommen hilflos zurückgeblieben war, an, und brachten eine Summe zusammen, welche, die Umstände der Geber in Rücksicht gezogen, mit keinem Worte genügend zu charakterisiren ist. Das Verhältniß der beiden Geschlechter zu einander ist beinahe stets ein musterhaftes und die hohe Stufe, auf der in dieser Beziehung die jüdische Moral steht, wird auch allseits anerkannt. Ich verkehre seit 15 Jahren in jüdischen Arbeiterhäusern und nur ein einziges Mal fand ich ein illegitimes Kind. Die Juden heiraten im Allgemeinen viel früher, als die einheimische Bevölkerung, manchmal sogar zu früh. Doch muß hier der Umstand berücksichtigt werden, daß sie auch früher reifen, als die meisten anderen Racen Europas. Der jüdische Gatte ist ein Muster von Treue und Rücksicht. Der Kampf ums Dasein mag ihm noch so hart werden, er wird dennoch nur ausnahmsweise zugeben, daß auch sein Weib arbeite. In der Erziehung seiner Kinder unterscheidet sich der jüdische Arbeiter von dem einheimischen bedeutend. Während die Töchter der Letzteren von dem Momente an, wo sie sich selbst Geld verdienen, die elterliche Aufsicht kaum mehr anerkennen, steht die junge Jüdin auch dann noch unter der häuslichen Autorität und muß strenge Rechenschaft von

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