Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 9 (27.2.1891)
- Date
- 1891-02-27
- Page
- Seite 165 (sequence 11)
- Language
- German
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tfr. 9 lhisHe ^Sochentchritr Ätttc 165 Der neuerliche Ausbruch der Judenhetze in Rußland — beginnt der Verfaß er — hat in unserem Lande das Gefühl der tiefsten Entrüstung hervorgerufen und in dem Ausdrucke dieses Gefühles sind alle Confessionen und Parteien vollkommen einig. Aber Großbritannien hat, abgesehen von dem rein menschlichen, noch ein anderes Interesse an diesem Gegenstände. Die Erfahrung hat nämlich gelehrt, daß Juden-- Hetzen in Rußland stets d i e Folge hatten, daß zahlreiche Emigranten aus dem Zarenreiche Englands gastliche Küsten aufsuchten. Freilich war unser Land für viele dieser Unglücklichen nur eine Zwischenstation auf dem Wege in entferntere Länder, doch haben sich auch viele von ihnen bei uns für i inner niedergelassen und es kann kein Zweifel bestehen, daß die Fortdauer der Judenverfolgungen in Rußland eine neuerliche Einwanderung russischer Juden in England zur Folge haben wird. Mit Rücksicht auf diese Möglichkeit nun wirft der Verfasser einen Blick auf die Erwerbs- und Lebensverhültnisse der in England seit Längerem einheimischen jüdischen Arbeiter. Jüdische Arbeiter gibt es nur in einer geringen Anzahl von Industrien. Einige erzeugen Cigarren und Cigarerten oder betreiben die Diamantenschleiferei, viele sind Schreiner oder Verfertiger von Spazierstöcken und Schirmstöcken, die meisten aber Schneider. Kürschner, Schuster oder Erzeuger von wasserdichten Stoffen. Daß gerade bei diesen letzteren Gewerben so viele Juden sich finden, ist leicht zu erklären. Die englischen Juden sind meistens Flüchtlinge aus Ländern, in denen sie bedrückt wurden und die Bedrückung von Jahrhunderten hat ihre deutlichen Spuren auf den Nachkommen dieser Unglücklichen zurückgelassen. Sie sind in der Regel klein und schwächlich und konnten daher nur ein Handwerk wählen, zu dessen Ausübung kein besonderer Grad von Muskelkraft nothwendig ist. Aber die enge Brust und die krummen Glieder fiub keineswegs charakteristisch für die jüdische Race. Die großen, geschmeidigen und kräftigen Araber, die in Aden als Kohlenträger und zu anderen schweren Arbeiten verwendet werden, sind Juden und in Indien sind es die „Söhne Israels", die der indischen Armee einige ihrer besten Soldaten liefern. Bekannt ist auch aus der Geschichte des englischen Sports der Name des Boxers M e n d o z a, der gleichfalls ein Jude war. Viele werden sich auch der hohen Gestalt des Sir M. Montes i o r e erinnern, wie es überhaupt unter den seit längerer Zeit in England seßhaften Israeliten zahlreiche gibt, die einer mehr als gewöhnlichen Körperkraft und Körpergröße sich erfreuen. Aber noch ein anderer Grund war bei den jüdischen Emigranten für die Wahl des Berufes maßgebend, und dies war der Umstand, daß sie meistens keine Kenntniß irgend eines Handwerkes besaßen Sie konnten daher Beschäftigung nur bei solchen Industrien finden, in denen das System der Arbeitsteilung am weitesten durchgeführt ist, so daß der Neuling eine Arbeit zugewiesen erhielt, die ein Minimum an Geschicklichkeit und Erfahrung erforderte. Waren nun dies die Erwägungen, die ursprünglich die Art der jüdischen Industrie besümmten, so lag ein wichtiger Grund dafür, daß diese Industrie in späterer Zeit nicht auf andere Gewerbe Übergriff, in dem Umstande, daß der jüdische Arbeiter, der am Samstag nicht arbeitete, nur wieder bei jüdischen Meistern Arbeit nehmen konnte. Suchen wir nun dieses jüdische Arbeitervölkchen in seinem Quartiere auf. In unmittelbare Nachbarschaft desselben wird jeden Donnerstag und Freitag ein Markt abgehalten, der sicherlich eine Sehenswürdigkeit Londons ist, sowohl wegen seiner Größe, als wegen der sonderbaren Dinge, die da feil sind. Hauptsächlich werden wir überrascht von der großen Menge von Fischen und mehr noch von den zahlreichen Gattungen derselben, die da vertreten sind. Abgesehen von den Seefischen finden wir zahlreiche Tröge voll Hechten und Schleien, Barschen und Rothaugen, Weißfischen, Brassen und anderen Süßwasserfischen. Kein Volk in der Welt schätzt eben den Werth der Fische als Nahrungsmittel so hoch wie die Juden, und niemand versteht es, sie so lecker zuzubereiten wie die jüdische Hausfrau. Eine andere Eigenthümlichkeit dieses Marktes ist die Menge von Geflügel, das hier zum Kaufe steht. „Diese Juden sind doch ein merkwürdiges Volk" — sagte eines Tages ein Engländer zu mir, als wir einer ärmlich gekleideten Jüdin begegneten, die unter jedem Arm ein Huhn trug — „Tag für Tag haben sie keine andere Nahrung als Thee und Brot, aber wenn ihr Sabbath kommt, ist ihnen nichts zu theuer." Im Vergleiche zu dem Consum an Fisch und Geflügel ist der Verbrauch an Rindfleisch bei dem jüdischen Arbeiter entschieden geringer, als bei dem einheimischen. Hier muß die Qualität der Quantität zu Hilfe kommen. Es ist bekannt, daß die geringste Unvollkommenheit eines Thieres hinreicht, um dasselbe zur Speise für den frommen Juden untauglich zu machen, und ich kann mit Recht behaupten, daß unter allen Völkerschaften der vereinigten Königreiche die Juden diejenigen sind, welche sich am reinlichsten nähren. Daß der jüdische Arbeiter auch sonst besonders reinlich sei, kann freilich nicht behauptet werden. Die reinlichsten Arbeiterhäuser, die man in London findet, sind allerdings die der holländischen Juden; der russische Jude aber, der noch nicht lange bei uns lebt, ist oft abscheulich schmutzig. Natürlich nicht weil er Jude, sondern weil er Russe ist. Ein längerer Aufenthalt in unserem Lande, unter der wachsamen Beaufsichtigung der jüdischen Gemeindebeamten bewirtt jedoch eine erstaunliche Verbesserung in der Kleidung der Einwanderer, und was den in England geborenen Arbeiter anbelangt, kann ich mit gutem Gewissen sagen, daß er in seiner Lebensweise ist, wie andere Unterthanen Ihrer Majestät der Königin. Der ernsteste Vorwurf, der in Arbeiterkreisen den jüdischen Handwerkern gemacht wird, ist ihre angebliche Bereitwilligkeit, zu niederem Lohne länger zu arbeiten als die britischen Arbeiter. Aber abgesehen davon, daß es gerade unter den letzteren zahlreiche gibt, die dieser Vorwurf in noch höherem Maße trifft (man denke an die zahlreichen Tramway- und Omnibuskutscher und Conducteurs, an die Bicyclearbeiter in Coventry, an viele Ladengehilfen. Schuster, Handschuhmacher u. s. w., die oft 11 bis 16 Stunden im Tage zu arbeiten gezwungen sind), so ist es eine Thatsache, daß es meist nur vor Kurzem in England eingewanderte Juden sind, welche, fteilich ganz unfreiwillig, die Arbeitslöhne drücken. Diese armen Leute besitzen eben keine Kenntniß eines Handwerkes, sie müssen erst lernen und um dabei doch sich und die Ihren erhalten zu können, sind sie gezwungen, für einen meist bettelhaften Lohn 14 bis 18 Stunden im Tage zu arbeiten. Dadurch gerathen sie in einen chronischen Zustand von schläftiger Stumpfheit, so daß fie 18 Stunden zu einer Arbeit brauchen, die einer unserer einheimischen Turchschnittsarbeiter mit Leichtigkeit in 10 Stunden vollenden würde. Was nun die jüdischen Arbeiter betrifft, die schon seit langer Zeit in England leben, so muß fteilich zugestanden werden, daß auch unter ihnen solche Fälle Vorkommen und daß einige ein Uebermaß von Arbeit leisten, wie es ein brittscher Arbeiter schwerlich bewältigen würde. Daß solche Ueberanstrengung diese jüdischen Arbeiter so selten aufteibt, ist geradezu wunderbar. Aber' sie hemmt ihre Entwicklung, stumpft ihre Sinne ab und ist oft die Ursache schwerer Krankheiten Dennoch bin ich der Meinung, daß auch die äußerste Anstrengung dem Juden weniger Verhängnißvoll wird, als dem einheimischen Arbeiter, eine Thatsache, die, ähnlich der vergleichsweise« Immunität,