Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 9 (27.2.1891)
- Date
- 1891-02-27
- Page
- Seite 164 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 164 Gefterreichische Wochenschrift NN. 9 voraus und fand Glauben bei den Richtern, bei der Geistlichkeit, beim Volke, nur nicht bei dem — derzeitigen Papste Sixtus, demselben Papst Sixtus, der bekanntlich ein eifriger Förderer — der spanischen Inquisition war. (Fortsetzung folgt.) Cardinal Lavigerie für dierussische« Inden. Es ist bekannt, welches Schicksal der Petition zu Gunsten der russischen Juden, welche das große Londoner Meeting unter dem Vorsitz des Lordmayors und unter Theilnahme der hervorragendsten Männer an den Zaren beschlossen hatte, bereitet wurde. Nunmehr hat ein katholischer Kirchenfürst, der Cardinal L a v i g e r i e, sich in derselben Sache an den Zaren gewendet und man darf darauf gespannt sein, welche Aufnahme der Brief des Cardinals finden wird. Man meldet hierüber aus Petersburg : Cardinal L a v i g e r i e hat an den Kaiser Alexander Hl. ein Schreiben gerichtet, in welchem er als Bertheidiger der unterdrückten russischen Juden und als Verfechter ihrer Menschenrechte, deren man sie beraubt, austritt. Der französische Cardinal schreibt dem russischen Kaiser nicht als Katholik oder Prälat, sondern als Mensch, der nicht gleichgiltig zusehen kann, wie die primitivsten Rechte von Menschen, die nichts begangen haben, mit Füßen getreten werden. Der Cardinal fleht den Zar im Namen der Humanität und des Christenthums an, Mitleid mit seinen jüdischen Unterthanen zu haben und die elende Lage derselben zu verbessern. Da der Cardinal sich jedes officiellen Charakters von vorneherein entkleidet und nur als Mensch. Christ und Geistlicher vor den Kaiser mit seiner Bitte tritt, so ist der Verdacht einer beabsichtigten Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines fremden Staates von vorneherein beseitigt. Cardinal L a v i g e r i e wendet sich an das „große Herz und das edle Gemüth des russischen Monarchen", der doch selbst, bald nach seinem Regierungsantritt, einer jüdischen Deputation sagte, daß er keinen Unterschied zwischen seinen Unterthanen verschiedener Race und Confession mache und alle mit gleicher Liebe umfasse. Mieder Einer. Die antisemitische Moral hat einen neuen Triumph zu verzeichnen! Das glänzende Beispiel, das eine Reihe antisemitischer Führer, wie Berhovay, Dr. Förster. Rohling, Brimanus, und viele Andere durch Diebstahl, Bettug, Fälschung, Veruntteuung und Meineid geboten, hat durch einen Grazer Antisemiten-Häuptling Nachahmung gefunden. Der Mann heißt August Fleischmann und war der eifrigste und fanatischeste Vorkämpfer des Anttsemittsmus in der steirischen Landeshauptstadt. Er triefte ordentlich von Anti-Corruption und arischer Rechtschaffenheit und ttotz oder vielleicht wegen seiner hetzerischen Thätigkeit erfreute er sich unter seinen Mitbürgern des größten Ansehens. Diese Leuchte des Antisemitismus hat sich am 18. d. M. selbst aus dem Leben geschafft, nachdem sie anvertraute Gelder im Betrage von 70.000 fl. unterschlagen hatte. Die „Grazer Tagespost" berichtet über den interessanten Fall Folgendes: „August Fleisch mann galt in Graz allgemein für einen wohlsituirten Mann; man schätzte sein Vermögen auf 100000 bis 150.000 fl. Zu Anfang dieses Monats kam ein Mitglied der Directton auf die Spur von Unregelmäßigkeiten in der Geldgebahrung; es war darauf gemurmen, daß sechzig Antheile der Firma David Sigmund und Comp, und sechzig Antheile der Firma David Sigmund mit je 12.000 fl. belastet wurden, ohne daß Deckung oder Bürgschaft hierfür geleistet worden war. Dieses Directions-Milglied theilte seine Entdeckung unverweilt dem Rechtsconsulenten der Anstalt, Herrn Dr. v. H a u s e g g e r, mit. August Fleischmann wurde am Montag den 9. d. in die Kanzlei des Dr. v. Hausegger berufen. Auf den Vorhalt der Unregelmäßigkeit zeigte er sich anfänglich sehr betroffen, erklärte aber dann, er . bürge für diese beiden Posten von zusammen 24.000 fl. Die Unterredung endete damit, daß August Fleisch mann eine Frist von acht Tagen gegeben wurde, in welcher er entweder für die Schuld von 24.000 fl. die statutenmäßigen Bürgen oder eine vollkommen ausreichende Deckung beibringen müsse. August F l e i s ch m a n n, der ein Colonial-Engros-Geschäft betrieb, hatte vor etwa zwei Jahren das Spezerei- Geschäft des David Sigmund, welches sehr schlecht stand, an sich gebracht und rangirt, hatte somit die 24.000 fl. für sich selbst herausgenommen. August Fleischmann verließ also die Kanzlei des Rechtsconsulenten mit dem Versprechen, binnen acht Tagen Deckung oder Bürgschaft beizubringen, und führte an demselben Tage Abends den Vorsitz in der letzten Versammlung der Directions-Mitglieder vor der Generalversammlung. Es wurde die Feier des zehnjährigen Bestandes der Genossenschaft vorbereitet und der Reigen der Toaste vereinbart, welche diesen Zeitabschnitt verherrlichen sollten. Am 13. Februar fand diese Generalversammlung statt, bei welcher der Obmann des Aufsichtsr athes die musterhafte Ordnun g in der Geschäftsgebahrung lobend hervorhob; nach der Generalversammlung hielt der Rechtsconsulent eine Rede über die national-ökonomische Bedeutung der Anstalt, und ein Mitglied brachte u. a. auch dem hochverdienten, rastlos thätigen Director ein „Hoch". Am 16. d. M. erschien das erwähnte Directionsmitglied in der Kanzlei des Dr. v. Hausegger mit der Anfrage, ob August Fleischmann schon Deckung geleistet habe. Dr. v. Hausegger mußte dieses verneinen. Man beschloß nun, den Fall den maßgebendsten Personen der Genossenschaftsverwaltung mitzutheilen, und es wurde die Sconttirung der Hauptcasse beschlossen. Dr. v. Hausegger rieth, dem August Fleischmann hiebei eine goldene Brücke zu bauen, ihm nämlich die Möglichkeit zu lassen, ein allenfalls fehlendes Depot vorher zu ergänzen. Es wurde also August F l e i s ch m a n n brieflich eingeladen, am nächsten Tage zur Cassenscontrirung zu erscheinen und eine allfällig erforderliche Deckung mitzubringen. Als am nächsten Morgen die Directionsmitglieder im Genossenschaftslocale sich versammelten, erhielten sie die Nachricht, August Fleischmann sei am Morgen um a/48 Uhr plötzlich gestorben. Nun machte man sich an eine gründliche Prüfung der Bücher und kam auf eine Reihe weiterer Unterschleife. August F l e i s ch m a n n genoß in der Anstalt großes Ansehen und unbegrenztes Vertrauen. Dieses Vertrauen gieng so weit, daß in der letzten Zeit die statutenmäßige Mitsperre nicht gehandhabt wurde und er jederzeit in der Lage war, aus der Hauptcasse Geld herausnehm e n. Der I«de «l* Arbeiter. „The Nineteenth Century“, die angesehenste und verbreitetste unter den englischen Monatsschriften, ein Blatt, das die geistige Elite Großbritanniens, zahlreiche, Bischöfe und Schriftsteller aus dem Hochadel zu seinen ständigen Mitarbeitern zählt, bringt in seinem Jänner-Hefte ein Essay von David F. Schloß,^) betitelt: „Der Jude als Arbeiter.“ Aus diesem in vielen Beziehungen interessanten Artikel sei das Folgende wiedergegeben. *) David F. Schloß ist einer der hervorragendsten Mitglieder der Londoner Judengemeinde.