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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-02-27 · 9 (27.2.1891) · p. Seite 160

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
9 (27.2.1891)
Date
1891-02-27
Page
Seite 160 (sequence 6)
Language
German
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Seite 160 Hesterreiihifche Wocheuschrift Nr. 9 mit dieser Dame gar so intim und vertraulich sprach. Da fragte ich einen klerikalen Abgeordneten: „Wer ist denn die Jüdin, mit welcher der Prinz L i e ch t e n st e i n so vertraulich verkehrt?" — „Die Baronin Rothschild!" antwortete dieser. — „Und worüber unterhalten denn die sich gar so gut, der Liechtenstein und die Rot hschild?" fragte ich. — „Er gibt ihr den Rath, ihre Fenster gut zu verwahren," sagte der Klerikale, „weil die Anüsemiten in Wien so überhandnehmen." Redner bespricht nunmehr das Programm der deutschnaüonal-anüsemiüschen Partei und sagt: „Wir wollen die jüdische Corruption bekämpfen, aber damit ist unsere Aufgabe nicht erschöpft, es gilt überh.aupt, jeder Corruption das Thor zu verschließen, nicht nur bet jüdischen, sondern auch der arischen Corruption, welche in neue st er Zeit sich breit macht und sehr überhand nimmt, so daß sie beinahe noch schwerer zu bekämpfen ist. (Rufe: „Leider!" „Pfui B e r g a n i!") Es gibt gegenwärtig unter den Antisemiten vier Haaptgruppen. Da haben wir zunächst die Wiener christlich-sociale Wurstkeffelpartei, welche sich mit getauften Juden verbrüdert; dann die Salonanüsemiten, welche wohl mitunter den Juden gegenüber, niemals aber gegenüber den Jüdinnen den Antisemitismus hervorkehren, die im Antisemitismus nichts Anderes, als eine Art Sport erblicken. Dann kommen die Patentösterreicher, die patenürten Patrioten und nebenbei österreichischen Anüsemiten. Wenn die Einen Wind bekommen, daß es oben nicht mehr genehm sei, sind sie anch keine Anüsemiten mehr, und endlich die deutschnationalen Anüsemiten. Wir sind zwar keine Patrioten im landläufigen Sinne des Wortes, aber wir lieben unser deutsches Volk, unsere deutsche Heimat, das ist auch der richüge Patriotismus. Das sind keine Anüsemiten, die sich, wie der Prinz L i e ch t e n st e i n, weigern, einen Antrag gegen die Judeneiuwanderung zu unterschreiben. Jetzt fteilich ist Prinz L i e ch 1 e n st e i n ein Antisemit geworden, nachdem ihm der österreichische Patentspritzenschlauchschleuderer Ehren-Schneider als Candidat aufgestellt hat, das muß seine ganz besonderen Gründe haben. Heute treten eben Leute auf, deren Aushängeschild ihr Name und ihre hohe Geburt ist, durch welche aber das Volk fürchterlich getäuscht werden wird; diese Leute werden nicht das Interesse des Volkes vertreten, sondern ihre eigenen Interessen. * * Antisemitische Meuterer Herr Schönerer erlebt an seinen Creaturen wenig Freude. In Graz wurde vor Kurzem ein anüsemiüscher „Deutscher Volksverein" gegründet. In der constituirenden Versammlung gab eine der leitenden Persönlichkeiten folgende Erklärung über die Beziehungen des Vereines zu Schönerer ab: „Wir erklären bündig, daß wir keinerlei Verbindung mit Schönerers Partei haben wollen, da diese ihre Hauptaufgabe darin zu finden scheint, auf die ihr zunächst Stehenden loszuschlagen . . . Dessenungeachtet betonen wir aber ausdrücklich, daß Niemand unter uns von der ursprünglichen politischen Ansicht nur um ein Haar breit abgewichen ist . . . Wir sind deutsch-nationale Antisemiten, aber nach allen Vorgängen, die wir genauund mit tiefemB edauern verfolgt haben, können wir als ernste, deut sche Männer Schönerer nicht mehr als Führ er anerkennen. Wir betrachten jede Verbiudung mit ihm als abgebrochen." (Großer Beifall. Rufe: Sehr richtig! Briefiastenregierung! Mamelukenthum!) Das "„Vaterland" gegen die Curie. Das „Vaterland" war bis heute das Organ der katholischen Partei in Oesterreich und alle Welt hat es für ein solches genommen. Mit dem Wahlhirtenbriefe der Bischöfe scheint sich das geändert zu haben, denn der Antisemitismus aus der „Zeitung für das christliche Volk" erweist sich stärker als deren Katholicismus. Das „Vaterland" hat krampfhafte Versuche gemacht, in den klaren und unzweideutigen Wortlaut des Hirtenschreibens Allerlei zu Gunsten seiner antisemitischen Patrone hineinzudrucken, was nicht darinnen steht. Und da nun die Kundgebung der Bischöfe auch im officiellen Organ der päpstlichen Curie, im „Moniteur de Rome," genau dieselbe Deutung erfährt, wie in der fort, schrittlichen Presse, wendet sich das „Vaterland" nunmehr auch höchst unboünäßig und zornig gegen die Curie selbst. Der „Moniteur de Rome" schrieb nämlich dem Hirtenbriefe des Episcopats eine „p r o n o n c i r t e c entra list i sch e Tendenz" und eine „entschiedene Sprache gegen den Antisemitismus" zu. Das hiesige Organ für Volksverhetzung und Volksverdummung erklärt nun, daß der römische Moniteur über Wiener Verhältnisse schlecht orientirt sei, und daß es geradezu eine Verleumdung wäre, wenn man den Bischöfen eine Zuneigung zum Judenliberalismus andichte. Ja, das „Vaterland" geht so weit, zu behaupten, die Redaction des Moniteur habe den Hirtenbrief gar nicht gelesen und sich blos den Commentar der „Neuen Freien Presse" angeeignet. Die katholische Welt außerhalb der Redaction des „Vaterland" wird zweifellos davon Kenntniß nehmen, daß die antisemitische Hetze von der päpstlichen Curie ebenso scharf verdammt wird, wie von den österr e i ch i s ch e n Bischöfen. Oesterreichisch-israelitische Umo«. Das große Interesse, welches die jüdische Wählerschaft den diesjährigen Wahlen entgegenbringt, trat in der Samstag den 21. Februar d. I. in diesem Vereine abgehaltenen Wahlbesprechung der bevorstehenden Reichsrathswahlen deutlich zutage. Der große Saal war schon vor Beginn der Versammlung bis auf den letzten Platz besetzt, und eine große Anzahl von Wählern mußte unverrichteter Dinge abziehen, da es nicht möglich war, sich ein noch so kleines Plätzchen zu erobern. Und trotz der tropischen Hitze, die in dem Saale herrschte, harrte diese Menge — sie dürfte mit 500 nicht zu hoch gegriffen sein — ruhig bis nach Mitternacht aus, und die stürmischen Beifalls- und Mißfallsbezeugungen, die den einzelnen Rednern zutheil wurden, gaben beredtes Zeugniß dafür, daß es der Wiener Judenschaft, welche aus ihrer jahrelangen Indolenz durch die fortwährenden Schmähungen, denen sie in allen öffentlichen Körperschaften ausgesetzt ist, endlich aufgeschreckt wurde, nicht mehr gleichgiltig ist, wem sie die Vertretung ihrer vitalsten Interessen anvertrauen mag. Der Tenor der meisten Reden ging, wie bei der ersten Wahlbesprechung dieses Vereins dahin, daß die Wiener Judenschaft auch nicht einen Moment dem Gedanken Raum geben will, den um das Judenthum so hochverdienten Dr. Ferdinand Kronawetter im Parlamente zu missen. Nicht gegen die Candidatur des ausgezeichneten Parlamentariers Hosrath E x n e r richteten sich die meisten Redner des Abends, sondern gegen das Vorgehen des liberalen Central-Wahlcomites, welches dem tief zu bedauernden Streit zwischen Liberalen und Demokraten im 9. Bezirk nicht vorgebeugt habe. Nachstehend der Bericht über die Versammlung: Der Vorsitzende begrüßte die als Gäste erschienenen Hoftath Exner und Professor Benedikt und theilt mit, * daß die in der letzten Vereinsversammlung beschlossene Re-

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