Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-02-27 · 9 (27.2.1891) · p. Seite 158

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
9 (27.2.1891)
Date
1891-02-27
Page
Seite 158 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3020847-3020857--00170-3024145
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Gette 158 Hesterreichische Wochenschrift Nr 9 . thums dringend empfehlen. Ausdrücklich bemerken wir, daß die Parteinahme fiir diese Männer kein politisches Bekenntniß in sich schließt, daß eine solche Parteinahme durchaus nicht bie volle und rückhaltlose Uebereinstimmung mit der besonderen Parteistellul'g des einen oder anderen Candidaten bedenkt. Die maßgebenden Gesichtspunkte sind ausschließlich die Gegnerschaft gegen d en Antisemitismus und die Möglichkeit, durch den Anschluß an eine große Partei mit sreiheitlichen Grundsätzen denselben wirksam zu bekämpfen. Wir empfehlen folgende Männer zur Wahl: Innere Stadt : Dr. Eduard Kerbst, Dr. Josef Kapp, Dr. Heinrich Iaques und Hofrath Professor Wilhelm Hrner. Leopokdstadt: Professor Eduard Such. Landstraße: Dr. Guido Freiherr v. Sommaruga. Medeu: Michael Matscheko. MariuHitf: Prof. Dr. Moriz WenediLt. Neubau: Anton Kreuzig. Iofefstadt: Dr. Franz Edler v. Stourzh. Kernats: Dr. Ferdinand Krouawetter. Sechsbaus: Friedrich Sueß. In den Bezirken Margarethe« und Alsergrund ist eine Einigung zwischen der liberalen und der demokratischen Partei nicht erzielt worden. Es steht unseren Glaubensgenossen frei, sich in Margarethen für den demokratischen Candidaten Ludwig Aohauer oder den liberalen Candidaten Commercialrath cherhardus, am Alsergrund für den Demokraten Dr. Ferdinand Krouawetter oder den Liberalen Karl Mrabetz zu entscheiden. i>- * * Professor Moriz Menediüt. Der einzige Jude, welcher in Wien den Kampf gegen die Antisemiten ausgenommen hat, ist der Universitätsprofessor Dr. Moriz Benedikt, der bvn der demokratischen und liberalen Partei in Mariahilf gemeinsam candidirt wird. Die Wahl dieses Mannes, der eine Leuchte der Wissenschaft ist und sich als Gelehrter emes europäischen Rufes erfreut, der aber auch ein klarer zielbewußter Politiker ist. erscheint ernstlich bedroht. Unermeßlich wäre der Gewinn, der äüs der Entsendung Profesior Benedikts in das Parlament d«n Judenchwn erwachsen wurde. Seine achtunggebietende Persönlichkeit, seine dem Heile der Mitmenschen gewidmete Thätigkeit wären allein schon ein lebendiger, fortwirkender Protest gegen den Vorwurf, daß die Juden eine zerstörende Wirksamkeit entfalten. Die Ehrenpflicht jedes Juden ist es, alle seine Kräfte für die Wahl Professor Benedikts einzüsetzen, und wir richten nochmals den dringenden Appell an alle unsere Glaubensgenossen, dieser Pflicht zu entsprechen, nicht nur, indem sie selbst für Benedikt stdnmen, sondern auch durch werkthätige Theilnahme an der Agitation. * * * Krouawetter in Kernats. Auch die Wähl Kronawetters in Hernals ist im höchsten Grade gefährdet. Die Agitation für das geistige Haupt der Antisemiten, für den Bannerträger des Jesuitismus in Oesterrsch, für den Prinzen Liechtenstein, hat enorme Dimensionen angenommen. Noch einmal rufen wir unseren Glaubensgenossen in Hernals^ Döbling, Währing. Ottakring mch Neulerchenfeld die außerordentlichen Verdienste in Erirmwrng, die sich Dr. Ferdinand Kronawetter durch Miermüdliche, furchtlose Verteidigung der Ehre und der Rechte der Juden erworben hat. Ferdinand Kronaweiter ist der gefürchtetste und der erfolgreichste Gegner des Antisemitismus, denn seine zündende, tief in die MHm gehende, zu den Herzen sprechende BeredtsaMeit P die wirksamste Waffe gegen die Hetz- und Brandreden der Antisemitenhäuptlinge. Da seine Candidatur am Alsergrund von den Liberalen nicht unterstützt wird, so liegt die Gefahr nahe, daß Kronawetter überhaupt keinen Platz im neuen Abgeordnetenhause erhält. Das wäre ein unermeßlicher Schaden nicht nur für die Sache des Fortschrittes überhaupt, sondern auch für die Sache des Judenthums im Besonderen. Wir bitten unsere Glaubensgenossen dringend, die Wahl Kronawetters mit der Anspannung ihrer äußersten Kräfte zu fördern und sich in der regsten Weise an der Agitation zu betheiligen. * * * Dr. Geßmann und die Juden. In einer Neubauer Wählerversammlung hatte der antisemitische Candidat Dr. Geßmann den 18. d. M. folgende Aeußerung gethan: „Er sei wohl einmal, zur Zeit als er Gemeinderath war, Demokrat gewesen, aber nur darum, weil es damals noch keine Antisemiten gegeben hat; aber seine Anschauungen über das Judenthum seien schon damals dieselben gewesen, wie heute." Die Gesinnungstüchtigkeit des Dr. Geßmann wird nun durch folgende Mittheilung eines Juden an das „Wiener Tagblatt" illustrirt: „Es war vor mehreren Jahren, Dr. Geßmann war damals noch Demokrat und einer der eifrigsten Wortführer dieser Partei. Im Hause eines Wiener Bürgers, eines Juden, war ein Fest vorbereitet. Die Mitte des schönsten Zimmers der behaglich eingerichteten Wohnung des jüdischen Bürgers nimmt eine lange, festlich geschmückte Tafel ein. um welche sich eine Anzahl Gäste gruppirt. Den Mittelpunkt der Gesellschaft bildet ein junger dreizehnjähriger Knabe, dem zu Ehren das Fest veranstaltetwurde, denn es war sein „Bar-mizne^-Fest, jenes Fest, welches von den Juden veranstaltet wird, wenn ein Knabe sein 13. Lebensjahr erreicht hat. Alle Gäste sind versammelt, da erhebt sich der Hausvater, bedeckt sein Haupt, die Gäste thuu dasselbe, nimmt die „Barches", die Schaubrote, über die der Segen gesprochen wird, spricht den hebräischen Segenspruch und dann bricht er die Brote auseinander und vertheilt an jeden der Gäste ein Stück zur Erinnerung an das Fest. Die religiöse Feierlichkeit war zu Ende und man setzte sich nun zu Tisch. Der Hausherr führte den Vorsitz, zu seiner Linken sitzt Dr. A l b e r t G e ß m a n n, der derzeitige Scriptor der Universitäts-Bibliothek, der mit seinem Freunde Dr. L u e g e r dieser specifisch jüdischen Feier beiwohnte. Die beiden Herren, damals die besten Freunde des jüdischen Gastgebers, hatten so wie alle anderen Gäste an der religiösen Ceremonie theilgenommen. Sie hatten ihr Haupt bedeckt, als die Feier begann, sie hatten die „Barches" ohne jeden Widerwillen, ohne jedes Sträuben an sich genommen und sie setzten sich auch ungenirt an die Fest- Wsel. Der junge Mann, dem zu Ehren das „Bar-mizwe"- Hest gefeiert wurde, dankte während desselben mit wenigen Worten seinen Eltern und den Gästen und Freunden des Hauses für die Feier, die ihm veranstaltet worden ist, und Dr.Geßmann fühlte sich veranlaßt, dem jungen Mann zu antworten. Er fühle sich veranlaß!, den tiefen Eindruck zu schildern, — sagte der christliche Gast zu den Versammelten — den die religiöse Ceremonie, die er eben gesehen, auf ihn gemacht habe, ein weihevolles Gefühl der Andacht habe ihn dabei durchzogen und er.sei glücklich, daß er diesem Feste im Hause seines Freundes beigewohnt habe. Die Rede Dr Geßmann's fand den vollsten. Beifall der Versammlung; man war entzückt über diesen Brustton der Ueberzeugung des jungen Politikers,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.