Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 8 (20.2.1891)
- Date
- 1891-02-20
- Page
- Seite 141 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Ne. 8 Hesteneichische Wochenschrift Seite 141 um aus verfallenen Brunnen zu schöpfen, wurde der Druck, den wir zu ertragen hatten, immer größer, der Kampf immer heftiger, die Erbitterung der Gemüther stets mächtiger und die Stimmung immer gereizter, denn die Neologen hatten nur das Streben, uns in der Ausübung des Gottesdienstes Hindernisse in den Weg zu legen, über uns zu herrschen und uns zu vergewaltigen. Seit es uns aber Gottlob gelungen ist das drückende Joch abzuschütteln und wir in zwei Lager getheilt sind, wurden die Gemüther beruhigt, der Friede ist eingekehrt, und die Klagen haben aufgehört. Aber die Nevlogen gleichen den Wogen des aufgepeitschten Meeres, die nimmer zur Ruhe kommen können und keinen Frieden haben. Seit der Zeit wo wir durch Gottes Hilfe uns ihrer Herrschaft entledigt, haben sie nimmer Ruhe, rasten nicht, hören nicht auf uns zu verfolgen und anzufeinden, um die durch weisen Rathschluß erfolgte Trennung wieder zu vernichten, die in ihrer religiösen Ueberzeugung divergirenden Elemente zusammen zu zwängen. Der Weg, den sie gewählt, er ist nicht unser Weg, denn indem wir an den Satzungen unserer heiligen Religion rnit aller Kraft festhalten, haben jene sie verlassen, sich von derselben losgesagt und ihr den Rücken zugewendet, denn diese haben, „den Bund übertreten das Gesetz verwechselt." hierdurch ist also jedes Bindemittel gewaltsam entzweigerissen und eine unüberbrückbare Kluft gebildet worden, woran aber die Schuld nicht uns treffen kann. Theuere Glaubensgenossen! Jetzt, nachdem uns der Allmächtige geholfen und wir von dem gewaltigen Drucke und der großen Bedrängniß befreit sind, nachdem es uns gelungen, das Banner unserer heiligenThorawieder hochzuhallen und jedes Hinderniß aus dem Wege zu räumen, jetzt ist es aber ihr Streben, uns durch ihre gleißnerische Sprache irre zu führen, unser Herz zu verlocken , indem sie uns zurufen: Lasset uns vereint Vorgehen, denn es gibt Angelegenheiten, welche uns eben so wichtig und theuer sind wie euch, hiermit wird wohl nur angefangen; doch jeder Vernünftige wird es erkennen, daß sie nnr darauf loszielen, alles Jüdische zu vernichten, daher alles anwenden, um die von unseren großen weisen Lehrern anerkannten Koryphäen, mit Aufopferung begründete und von allen Rabbinen drs Vaterlandes allmälig befestigte Basis zu erschüttern, wohlwissend, daß wenn das Fundament geschwächt, das Gebäude selbst ins Wanken geräthe. Theuere Glaubensgenossen! Ich wiederhole, es ist dies nicht der Weg, den wir zu betreten haben, ihr Wandel ist nicht der nnserige, ihre Gedanken — sind nicht die unseren, Satzungen, welche wir hoch und heilig halten, sind ihnen fremd und gleichgiltig, somit könnte nur auf's Neue Zwietracht nnb Hader in's Leben gerufen und die kaum erstickte Flamme des Zankes wieder angefacht werden, uns ist dies verhaßt, wjr sind Feinde der Reibungen und des Haders, welchen Vortheil könnte es übrigens bieten, diese Gegensätze vereinen zu wollen? Viel förderlicher ist es dem Frieden, wenn jedes Lager seiner Wege wandelt, mögen sie nach ihrer Ueberzeugung handeln, „wir wollen den Namen des Ewigen gedenken," nm-isene Bahn zu wandeln, die uns von unseren Lehrern und Weisen von jeher in Schrift und Tradition vorgezeichnet wurde, — so war es und so wird es bleiben! Dieses also ist unser Standpunkt im Allgemeinen! Was übrigens speciell das von unserer Kanzlei der hohen Regierung unterbreitete, im Eingänge erwähnte, alsBriefbezeichnete Gutachten betrifft, erkläre ich, daß dasselbe nach Vorschrift der heiligen Thora vollkommen coirect wahr und auf Grundlage von anerkannten talmudischen Capacitäten abgegebener Wohlmeinung abgefaßt worden ist, wie überhaupt unsere Kanzlei in allen religiösen Fragen stets die Meinung und das Gutachten anerkannter gelehrter Rabbinen einholt. Auch bezüglich der sogenannten „Sonntagsruhe" hat unsere Kanzlei mit lobenswerthem Eifer alles das gethan, was in dieser Sache zu thun war, ist auch gegenwärtig rastlos thätig, alles zu unternehmen, was unserm Vorhaben förderlich sein kann, und mögen ihre Schritte mit Gottes Hilfe von Erfolg sein, ist es ja das unausgesetzte Bemühen dieser Kanzlei, unsere Religion zu festigen, das Niedergetretene aufzurichten und das Verödete zu bepflanzen, sie steht unverdrossen auf der Warte, trügt geduldig die ihr aufgelegte heilige Mission, wacht mit scharfem Auge, damit kein Verderben uns drohe, und haben wir doch viele Errungenschaften und Erfolge zu verzeichnen, die Gottlob durch sie zustande gekommen. was nicht in Abrede gestellt werden kann, wie denn auch viel Unbill, das uns in den jüngsten Jahren widerfahren, Gottlob in erfreulicher Weise sanirt worden ist. Seit mehr als 20 Jahren haben die größten und gelehrtesten altehrwürdigen Rabbinen, zumeist Schüler des großen Lehrers Chatham Sopher s. A., mit ihnen an der Spitze mein Vater s. A., mit voller Kraft die Kanzlei unterstützt, daß sie den Kampf der heiligen Thora führe, so wollen denn auch wir jenen Weg wandeln, den uns unsere Weisen, von denen bereits ein großer Theil aus dem Leben geschieden ist, vorgezeichnet haben. Gott gebe, daß das Kampfgeschrei nicht gehört werde im Lager der Juden, damit alle Völker es anerkennen, daß der Name des Ewigen sich nach uns — nennt, und der Ewige, der die Hoffnung Israels ist, möge fernerhin uns mit seiner Gnade unterstützen, damit wir den Glauben befestigen u. s. w. Preßburg, im Monate Schebat 5651. B. Schreiber, Oberrabbiner. L«igi K«Mli. In dem neuen italienischen Ministerium, welches zu Anfang vergangener Woche gebildet wurde, wurde das Portefeuille des Schatzminifters unserem Glaubensgenossen. Signore Luigi L u z z a t t i, anvertraut. Obwohl das Cabinet auch noch einen Finanzminister aufweift, hat doch der Schatzminister die hervorragendere Stellung inne. Zu keiner Zeit war die Position eines Schatzministers so schwierig, wie gerade gegenwärtig!. Dieselbe wird alle Kräfte des neuen Ministers in Anspruch nehmen. Die ganze Vergangenheit Luigi Luzzati's bietet jedoch sichere Garantie dafür, daß kaum einer besser geeignet ist, die schwierigen Probleme, welche seiner harren, zu lösen. Commendatore Luigi Luzzati, welcher gegenwärtig im 49. Lebensjahre steht, ist zu Venedig geboren. Seine ersten Studien machte derselbe in Venedig und vollendete dieselben an der Universität Padua. Dieser Universität verdankt er zum größten Theile seine Berühmtheit. Er hegte vom Anfänge an große Neigung für Nationalökonomie und schrieb mehrere Essays, welche eine so meisterhafte Behandlung des Gegenstandes bekundeten, daß er in Kürze Professor der Nationalökonomie in Padua wurde. Diese Lehrkanzel hat derselbe noch inne. Noch bevor er 30 Jahre alt war, wurde er als Generalsecretär in das Ministerium für Handel und Ackerbau ber fen. Seine Vorlesungen an der Universität und andere öffentliche Vorträge verhaften ihm bald zu einem solchen Rufe, daß er vor ungefähr 15 Jahren von den Bürgern Paduas als Vertreter in die Kammer gesendet wurde, welches Mandat bei der jedesmaligen Neuwahl erneuert wurde. Im Parlamente erwies sich L u z a t t i als bedeutender Redner und als Autorität in Finanzsachen. Seine hervorragenden Fähigkeiten in dieser Richtung wurden von der Kammer anerkannt, indem er zum Mitgliede der Budgetcommiffion und von dieser selbst zum Präsidenten und Berichterstatter gewählt wurde. Dieses ehrenvolle Amt versah derselbe in mehreren Sessionen und auch jüngst nach der Neuwahl der Kammer wurde er abermals einstimmig zum Präsidenten der Budgetcommission ernannt. In dieser Commission hatte er mehr als einen jüdischen Collegen. Der bedeutendste unter denselben war Signor Maurogonato, ftüher Bicepräsident der Kammer und gegenwärtig Senator. Mehrere Ministerien,