Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 8 (20.2.1891)
- Date
- 1891-02-20
- Page
- Seite 139 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8 Hesterreichifche Wochenschrift Seite 139 wenden, daß in einem Wiener Bezirke ein erklärter Feind des Fortschrittes, ein entschiedener Anhänger jener Politik gewählt werde, die Oesterreich schon einmal an den Rand des Abgrundes führte! Mitbürger! Schart euch um uns! Wühlet österreichisch! Wählet einen Mann, der für das allgemeine Wohl seine beste Kraft eingesetzt, der unentwegt an seinen Ueberzeugungen festgehalten hat, dessen Herz warm fiir Freiheit, Fortschritt und die unveräußerlichen Rechte jedes Menschen schlägt! Mitbürger, wählet Dr. Ferdinand Kronawetter!" Eduard Kitter von Gniewosz. Wir erhalten aus Drohobycz die nachfolgende Zuschrift, welche in wärmster Weise für die Wiederwahl des früheren Abgeordneten des Landgemeindenbezirkes Sanok - Lisko - Rymanow - Beligrod, des Hofrathes Eduard Ritter von Gniewosz-Ölexöw eintritt. Hofrath G n i e w o s z gehört zu jenen edlen Männern christlichen Bekenntnisses, welche bei jeder sich darbietenden Gelegenheit für die schwer bedrängten Juden eingetreten sind und gegenüber der professionellen Racenhetze den rein menschlichen Standpunkt hervorkehren. Das Zeugniß dieses Mannes, der im Staatsdienste eine hervorragende Stellung eingenommen hat, der als ein durchaus offenherziger und wahrheitsgetreuer Charakter bekannt ist und aus einem Lande stammt, in welchem die Juden einen größeren Procentsatz der Bevölkerung bilden, als sonst irgendwo, ist von unschätzbarem Werthe. Hofrath Ritter von G n i e w o s z ist ein Mann von umfassender Bildung, von unbeugsamer Rechtlichkeit und von warmer Liebe zu seinem Vaterlande. Er hat im Unterrichtsministerium lange Zeit das galizische Referat innegehabt und kennt die Verhältnisse dieses Landes wie nicht bald ein Anderer. Er hat unter den galizischen Juden namenloses Elend gesehen, er hat aber auch gefunden, daß mitten in der tiefsten Armuth der Jude seinen sittlichen Halt bewahrt und sich durch rastlose Thätigkeit zu einem menschenwürdigen Dasein emporzuringen trachtet. Mit jugendlichem Feuer trat der edle Greis in jener denkwürdigen Sitzung des Abgeordnetenhauses, in welcher die jüdischen Abgeordneten Dr. Bloch und Dr. Zucker die schamlosen Verleumdungen der Antisemiten gegen das Judenthum zurückwiesen, für das Recht und die Ehre unserer Glaubensgenossen ein, und sein Verdammungsurtheil über die Judenhetze war von umso mächtigerer Wirkung, als es aus dem Munde eines Christen kam. Die Wiederwahl des Hofrathes von G n i e w o s z wird gegenwärtig bestritten. Ein ruthenischer Geistlicher tritt als sein Gegencandidat auf, und die gegnerische Agitation schmiedet ihre Waffen gerade aus jener glänzenden Verteidigungsrede für die Juden, welche G n i e w o s z vor nun einem Jahre von der Referententribüne des Abgeordnetenhauses aus gehalten hat. Unter solchen Umständen erscheint es als eine Pflicht der Dankbarkeit, daß die jüdischen Wähler der Sanok- Liskoer Landgemeinden einmüthig für die Wiederwahl dieses Mannes sich einsetzen und einen der beredtesten und unerschrockensten Anwälte ihres guten Rechtes neuerdings in das Parlament entsenden. Die erwähnte Drohobyczer Zuschrift lautet: Drohobycz, 13. Februar. Am heutigen Tage ist es genau ein Jahr, daß jene denkwürdige Redeschlacht im österreichischen Abgeordnetenhause, welche anläßlich der Berathung über das jüdische Cultusgemeindengesetz zwischen den Antisemiten und den Kämpfern für Recht und Gerechtigkeit entbrannte, durch die glänzende Rede des damaligen Referenten, Hofraths Eduard Ritter von G n i e w v s z ihren Abschluß gefunden hat. Während die jüdischen Abgeordneten Dr. Zucker und Dr. Bloch an der Hand eines überwältigenden Materials und durch die Anführung geschichtlicher und documentarischer Zeugnisse die Beschuldigungen der Antisemiten in durchaus sachlicher Weise abwehrten und widerlegten, war es der Abgeordnete Ritter von G n i e w o s z. der von allgemein menschlichem Standpunkte aus mit edler Entrüstung und mit der Gluth tiefinnerster Ueberzengnng die Antisemiten als gesellschaftliche Brandstifter kennzeichnete. Unvergessen ist das Wort, das er Türk, Lueger und F i e g l von der Rednerbühne aus zurief: „Die Flagge, unter der Sie kämpfen, ist nicht rein, sie kann nicht rein sein!" Unvergessen ist die ergreifende Schilderung des Jammers und des Elends unter den galizischen Juden, die er der Behauptung von dem unermeßlichen, weltbeherrschenden Reichthum der Juden entgegenstellte. „Sie treten für das Volk ein!" rief er den Antisemiten zu: „Ist denn nur das christliche Volk in Oesterreich? Wie können Sie hier behaupten, der Reichthum der Juden bewirke hier die vielen Heiraten und die Vermehrung der Bevölkerung? Ist Ihnen nicht der Grundsatz bekannt, daß es eine heilige Pflicht der Juden ist, eine Familie zu gründen, daß die Heirat noth wendig sei, um die Sittenreinheit zu erhalten? I st Ihnen nicht die Elter n- und Kindesliebe der Juden bekannt! Ist Ihnen nicht ihre große Opferwilligkeit bekannt? . . . . Wenn Sie als Christen auftreten. Nächstenliebe und Wohlthun im Munde führen, so berücksichtigen Sie alle Leidenden, alle diejenigen, die einer Hilfe nothwendig bedürfen. Wenn Sie sich aber einzig und allein gegen eine C l a s s e der Gesellschaft richten, ihr allesSchlechte z umuthen, dann meine Herren, sagen Sie nicht, daß Sie C h r i st e n sind! Dann sagen Sie aber auch nicht, daß sie Germanen sind, denn auch unter den Germanen sind viele edle Menschen, welche selbst die Maßregeln, unter denen zumeist meine Connationalen zu leiden haben, scharf verdammen!" So sprach ein Christ über die Juden, und er sprach so, nicht weil es der Augenblick erheischte, sondern weil die Humanität der Grundzug seines Wesens ist, weil er die Leiden der Juden mitfühlt und mitempsindet. Und nicht zum ersten Male geschah es, daß Hoftath Ritter von G n i e w o s z also für das bedrohte Recht der Juden eintrat. Schon im Jahre 1868 hat G n i e w o s z im galizischen Landtage mit der sieghaften Macht der Ueberzeugung sein Wort für die volle Gleichberechtigung der Juden erhoben, und auch in seiner amtlichen Wirksamkeit hat er sich stets als ein Schützer unserer Glaubensgenossen erwiesen. Für diesen edlen, wackeren Mann bei der bevorstehenden Reichsrathswahl einzustehen, ist eine heilige Dankespflicht der Juden, an die wir gewiß nicht erst zu erinnern brauchen. Ritter von Gniewosz candidirt neuerdings im Landgemeindebezirk Sanok-Rymanow- Lisko-Lutowiska-Baligrüd. Bon ruthenischer Seite wurde ihm ein Gegencandidat gegenübergestellt, der die Wiederwahl Gniewosz mit antisemitischen Schlagworten bekämpft. Wir wollen auf den nationalen Gegensatz, der hier in Betracht kommt, nicht näher eingehen. Gerade der Umstand, daß Herrn v. Gniewosz aus seiner Judenfteundlichkeit ein Borwurf gemacht wird, verlangt mit gebieterischer Nothwendigkeit, daß alle jüdischen Wähler der genannten Gemeinden ihre Stimmen auf diesen unerschrockenen, mannhaften Bertheidiger ihres Glaubens und ihrer Rechte, vereinigen. Welchen Ansehens und welcher Werthschätzung sich Hoftath Ritt, von Gniewosz auch seitens der Regierung und seitens der jüdischen Kreise außerhalb Galiziens erfreut, davon gibt die Thatsache Zeugniß, daß er sowohl von der Regierung, als auch vom Baron Hirsch in das Curatvrium der großen Zwölf.