Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-02-20 · 8 (20.2.1891) · p. Seite 138

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
8 (20.2.1891)
Date
1891-02-20
Page
Seite 138 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3020847-3020856--00149-3024123
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

feetle 138 Hesterreichische Wochenschrift Nr. 8 und Gumpoldskirchen sich als Antisemiten entpuppten, indem sie sich der Abstimmung über den liberalen Candidaten enthielten. Der „Badener Bote" schreibt hierüber: „Dieses wenig aufrichtige Verhalten hatte eine gereizte Scene zu Folge, in deren Verlauf die Frage der weiteren Anwesenheit der Mödlinger und Gumpoldsftrchner Herren aufgeworfen wurde, worüber dieselben sehr aufgebracht waren. Nachdem dieser Zwischenfall so ziemlich beigelegt war, wurde zur Aufstellung der Candidaten geschritten. Auf eine Besprechung der Candidatur F i e g l s ließ sich die Versammlung überhaupt nickt ein, dieselbe wurde auch seitens der Mödlinger und Gumpoldskirchner Vertteter nicht vertheidigt; nur einer derselben, der erste Gemeinderath von Gumpoldskirchen, Herr Hofer, fragte, was man denn gegen die Wiederivahl des bisherigen Abgeordneten habe. Dies legte Prof. R e i n ö h l unter allseitigem Beifall kurz dar, ohne eine Erwiderung von der Gegenpartei zu finden. Bei der Abstimmung erklärten sich sämmtliche Vertreter aller Orte außer Mödling und Gumpoldskirchen für Prof. M a r ch e t, der die Candidatur auch angenommen hat." * * 4- Die Candidatur Prof. Benedikts. Es gehört mehr als persönlicher Muth, es gehört begeisterte Liebe für die fortschrittliche Sache und für die Sache des Judenthums, es gehört wahre Opferwilligkeit dazu, wenn ein Jude in einem Wiener Bezirke, der vom Antisemitismus vielleicht am meisten durchseucht und vergiftet ist, den Kampf gegen eines der Häupter der Judenhetze aufzunehmen wagt. Professor Moriz Benedikt, eine Zierde der Wiener medicinischen Facultät, einer der meistbeschäftigteu akademischen Lehrer und Aerzte. hat sich entschlossen, trotz seines zeitraubendeil und anstrengenden Berufes Dr. P a t t a i das Mariahilfer Mandat streitig zu machen. Der Name Professor Benedikt's hat einen Weltruf, es ist wohl überflüssig, den Lesern der „Österreichischen Wochenschrift" diesen Mann erst zu schildern. Seit Jahren betheiligt sich Professor Benedikt am öffenttichen Leben, wo er stets für die fteisinnigen Grundsätze, für die Erweiterung der bürgerlichen Rechte, für wahre Bildung und Humanität eingetreten ist. Professor Benedikt ist von den vereinigten Liberalen und Demokraten des sechsten Wiener Bezirkes zur Candidatur aufgefordeit worden und er hat diesem ehrenvollen Rufe Folge geleistet, ohne Rücksicht auf seine privaten Interessen. In einer Rede, welche Professor Benedikt vor den Mariahilfer fortschrittlichen Wählern hielt, trat er voll edler Entrüstung den giftigen Verleumdungen entgegen, mit welchen die Juden in Oesterreich von ihren Feinden überschüttet werden. „Es handelt sich, führte der Redner aus, jetzt um einen Kampf gegen einen gemeinschaftlichen Feind der Cultur und der Interessen der Stadt Wien. Die Herren nennen sich Antisemiten. Wenn man im Auslande hört, daß die Niederwerfung der Juden eine solche Kapitalsache für Wien ist. so könnte dies zur Meinung Anlaß geben, daß den Juden alle und jede Macht gegeben ist zum Schalten mit dem Nationalvermögen. Dies ist faktisch nicht der Fall. Nicht einmal ein Theaterintendant ist ein Jude, nicht einmal eine Primaballerina eine Jüdin, und die Damen der ersten Quadrille können ungehindert ihre zierlichen Pas machen oder ihre faux pas begehen, ohne die Concurrenz einer Jüdin zu befürchten. Inden Alpenländern giebt es einePartei, die vom Antisemitismus lebt, trotzd m es dort keine Juden giebt. Diese Leute sagen Ultimo an, ohne den Pagat zu haben, aber sie stopfen sich einen Juden aus und das sind alle ihre „Schlager". Ich hoffe, daß nach diesem Wahlkampfe der Antisemitismus von anständigen Leuten nur in den Mund genommen werden wird, um wieder ausgespuckt zu werden". Es ist kaum nothwendig, an die jüdischen Wähler von Mariahilf eine förmliche Aufforderung zu richten, daß sie mit allen Kräften und durch rastlose Agitation sich für die Wahl Professor Benedikts einsetzen. Wir sind überzeugt, daß unsere Glaubensgenossen in diesem Bezirke voll und ganz ihre Pflicht thun werden. 4- 4- 4- Kronawetter gegen Liechtenstein. Zwischen den Demokraten und Liberalen im Bezirke Alsergrund ist eine Einigung nicht erfolgt, und es werden demnach in diesem Bezirke zwei fortschrittliche Candidaten, die Herren Dr. Kronawetter und Wrabetz einander gegenüberstehen. Wir haben die Verdienste Dr. Kronawett e r s um das Judenthum schon in unserer letzten Nummer eingehend gewürdigt. Die Gerechtigkeit verlangt es, anzuerkennen, daß auch Herr W r a b e tz jederzeit treu zur Sache des Fortschrittes gestanden und die Gleichberechtigung aller Confessionen verfochten hat. Wir wünschen nur, daß durch den Zwiespalt der freisinnigen Elemente der Alsergrund nicht an die Antisemiten verloren gehen möge. Je schwieriger sich der Kanrpf für Dr. Kronawetter im IX. Bezirk gestaltet, umsomehr ist es die Pflicht aller jüdischen Wähler, seine Candidatur in Hernals gegen den Prinzen Liechtenstein zu fördern. Wir richten deshalb an unsere Glaubensgenossen in Hernals, Währing, Döbling, Neulerchenfeld und Ottakring die dringende Bitte, energisch in die Agitation für Dr. Kronawetter einzutreten und am Wahltage geschlossen für denselben zu stimmen. Das liberale Bezirks-Wahlcomite von Hernals hat den nachstehenden Aufruf erlassen: Mitbürger! In einem bedeutungsvollen Augenblicke tretet Ihr an die Wahlurne. Nach jahrelangen Kämpfen ist ein Umschwung der Ereignisse eingetreten, im Kreise der Regierung vollzog sich eine Umkehr von den bisher verfolgten Wegen. Es wird von den Wahlen abhängen, ob diese Wandlung eine neue, hoffnungsvolle Zeit einleiten soll, ob nicht. Die Entscheidung steht bei euch, steht bei den Wählern! „Mitbürger! Schreitet einmüthig und entscklossen zur Wahl; einmüthig in dem Gedanken, daß wir alle den Abschluß einer Epoche des Streites, Haders und Zwistes wollen, daß wir wünschen, es möge nun eine Zeit ruhiger wirthschaftlicherArbeit i m Parlamente beginnen. Diese ehrliche Arbeit allein kann den Druck, der auf uns allen lastet, lösen; sie allein kann, indem sie die Steuerlast gleichmäßig zu vertheilen sucht, die Arbeitsbedingungen erleichtert, das Los des Gewerbetreibenden und des kleinen Mannes wirklich verbessern. Mitbürger! Höret nicht auf die Vorspiegelungen falscher, nur für ihr Eigenwohl bedachter Propheten, lasset euch nicht durch Versprechungen bethören, an deren Erfüllung Niemand glaubt, auch die nicht, die sie ertheilen. Schenkt Vertrauen nicht Candidaten, welche heute Principien verleugnen. für die sie vor einem Jahre leidenschaftlich eingetreten sind; lasset euch nicht verblenden, wenn Männer, die nur durch Geburt hoch stehen und die nur verrottete Borurtheile in einer neuen Zeit aufrechterhallen wollen, plötzlich ihre Liebe zum Volke entdecken. Mitbürger! Die nächsten Wahlen entscheiden die Zukunft. Ihr übt zum ersten Male direct das Wahlrecht. Nützt es, einen Mann des Volkes zu wählen, einen Mann von eurem Blute, der ohne jeden Hintergedanken dem öffentlichen Wohle tteu gedient hat und diesem auch in Zukunft dienen will! Das Auge der politischen Welt Oesterreichs ist diesmal auf die Reichsrathswahl in unserem Bezirke gerichtet. Jeder von uns sei bemüht, die Gefahr abzu-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.