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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-02-20 · 8 (20.2.1891) · p. Seite 136

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
8 (20.2.1891)
Date
1891-02-20
Page
Seite 136 (sequence 2)
Language
German
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«eite 136 Hesterreichische Wochenschrift Nr. 8 wiederfinden, und der Rückschlag auf die ganze Masse wird nicht ausbleibey. Auf's höchste dankenswerth ist aber der Hirtenbrief der Bischöfe aus dem Grunde, weil er die schnöde Macht der Kaplanokratie gebrochen. Kein Cooperator wird fortan nach dem Ruhme eines Mirabeau oder Robespierre, nach der gerichtssaalbekannten Glorie eines Berg ani und Schneider geizen. Eine Anthologie aus dem Hirtenbriefe der österreichischen Bischöfe muß mit folgendem Satze beginnen: „Mit einemWorte, nach katholischen Grundsätzen darf die Liebe zur eigenen Nation nicht wider das Gesetz der Nächsten- und Bruderliebe sich wenden und zum heidnischen Wacenhaß h er absinke n." Eine einfache, bedeutungsvolle Wahrheit, welche nur zu lange verkannt wurde, welche von den Antisemiten- Häuptlingen in ihr Gegentheil verkehrt wurde. Da wurde gellenden Tones in die Welt geschrien, das wahre Christenthum beginne mit dem Racenhaß, und Sem wurde verhöhnt und gehetzt. Die Wissenschaft hat mit dem Racenwahn längst als mit einer Ausgebu.t der Eitelkeit und Beschränktheit abgerechnet. Nun haben auch die berufensten Vertreter des katholischen Glaubens in Oesterreich ihn als heidnisch verdammt. Den Junkern und den Pgtentchristen der Cooperatorenpartei geht diese Aeußerung des Episkopats freilich gewaltig gegen den Strich, und Herr Lueger, der sich schon einen Tag vor dem Erscheinen des Hirtenbriefes, wohl in Ahnung der Dinge, die da kommen werden, in despectirlicher Weise gegen den Fürsterzbischof von Wien ausgesprochen hatte, zog damit nur an einem Strange mit den Soldschreibern des „Vaterland", welches am Tage nach Veröffentlichung des Hirtenbriefes die maßlose Verwegenheit hatte, die „ethische Berechtigung" des Antisemitismus zu verfechten. Gleichviel! das mächtige Wort der Bischöfe wird nachwirken, und seine Mission erfüllen. Ernst nennen die Bischöfe an anderer Stelle des Hirtenbriefes die Zeit, im Hinblicke auf viele Wetterwolken, welche über der menschlichen Gesellschaft schweben und den Bestand derselben zu erschüttern drohen; ernst, weil die Entfremdung der Herzen wächst und der Kampf Aller gegen Alle immer drohender wird. Von der friedlichen Vereinigung der Völker Oesterreichs, von der vertrauensvollen Ausgleichung ihrer gegenseitigen Beziehungen, hänge Oesterreichs Weltstellung ab. Die Kirche verwirft die heidnische Absonderung und Trennung der Völker; die lautesten Prediger des Racen- und Nationalitätenhasses aber seien jene, welche sich vom christlichenGlauben und Leben am meisten abgekehrthaben. „Wählet entschieden überzeugungstteue, katholische Männer, rufen die Bischöfe, in Erfüllung ihres Amtes: aber, fügen sie hinzu: „Wie Ihr immer wäh len, welchen Gegnern Ihr bei der Ausübung eures Wahlrechtes immer gegenüber stehen möget, vermeidet alles, was den gesellschaftlichen, bürgerlichen oder nationalen wie religiösen Frieden stören könnte." Wohl wäre hier jedes erläuternde Wort überflüssig, aber die Bischöfe selbst sprechen sich noch besttmmter, greifbarer aus, indem sie sagen: „W ir sindweitdavon entfernt, die andersgkänvige Minderheit zurückfetzen oder kränken zu wollen; wir wünschen auch ihre Vertreter mit «ns im Hleichsrathe vereinigt zu sehe» zu gemeinsamer Arbeit für des ReichesWohlfahrt und Größe." Es ist förmlich, als wollten die Bischöfe mit zermalmender Wucht jenen giftgeschwollenen Finsterlingen entgegentteten. welche den Juden nicht nur die gesetzliche Gleichberechtigung, sondern sogar den gesetzlichen Schutz verkümmern wollen. So wird dieser Hirtenbrief stets ein hervorragendes Wahrzeichen der milden, gerechten Gesinnung des österreichischen Episkopats bleiben, und die Juden werden fortan das frohe Bewußsein haben, daß sie in ihrem harten Kampfe um das politische und gesellschaftliche Dasein von den hohen Würdenträgern der in Oesterreich so überragenden Kirche nicht gehindert, sondern gefördert und gestützt werden. Duldung und Menschenliebe sprechen mit tausend Zungen aus dem Wahlmanifeste der Bischöfe, und das Gute und Wahre wird seine Wirkung auf die Gemüther auch diesmal nicht verfehlen. Uns allen aber obliegt jetzt ein doppelter Eifer, nur solchen Männern unser Vertrauen zu schenken, welche im Reichsrathe voll Muth und Entschlossenheit dem heidnischen Racenwahn das Haupt zu zertreten bereit sind. Die Mahlbewegung. Durch das Hirtenschreiben des österreichischen Episkopats, dessen Bedeutung wir an leitender Stelle würdigen, ist ein neues Moment in die Wahlbeweguug getragen worden. Die Erklärung der Bischöfe hat die Situation wesentlich geklärt. Die Führer der antisemitischen Parteien sind gezwungen worden, Farbe zu bekennen. Sie können sich nicht mehr darauf berufen, daß sie dem Christenthume dienen, indem sie gegen die Juden Hetzen, sie sind genöthigt ihre wahren Ziele zu enthüllen und offen einzugestehen, daß sie auf die Unterwühlung der gesellschaftlichen und wirthschaftlichen Ordnung hinarbeiten, daß sie direct den Umsturz des Bestehenden anstreben. Als eine unmittelbare Consequenz des Hirtenbriefes muß es angesehen werden, wenn Fürst Liechtenstein heute seine klerikale Gesinnung verleugnet, eine Consequenz des Hirtenbriefes ist es, wenn Herr Lueger, der Führer der „Vereinigten Christen", nicht nur gegen die Juden, sondern auch gegen die Häupter der christlichen Kirche Schmähungen schleudert und wenn auf der anderen Seite die Herren Vetter und Pa 1 tai vom Kalksburger Jesuitism u s sprechen, der sich in Gegensatz zum wahren Christentbume stellt. Wir sind endlich dahin gelangt, daß sich der Antisemitismus aus der fauligen Gährung der „christlichsocialen Bewegung" als eine c o m m u n i st i s ch e Strömung herausdestillirt hat. die nur noch gegen das jüdische Capital gerichtet ist, als eine Lehre, deren Kirchenväter jene Männer bilden, welche den Raub und Diebstahl an Juden für erlaubt, die Enteignung und Entrechtung der Juden für die einzig richtige Socialreform erklärt haben. Wir setzen heute die Berichterstattung über die Wahlbewegung fort, indem wir ans der Fülle der Erscheinungen jene Vorgänge herausgreifen, welche einerseits die fortschreitende Degenerirung des Antisemitismus und die Zerklüftung seiner Anhänger, anderseits die zunehmende Erkenntnis der fortschrittlichen Parteien darthun, daß die Vertheidigung des Judenthums zugleich die Vertheidigung der liberalen Principien bedeutet. Die katholische Presse gegen den Antisemitismus. Am 12. Februar d. I., also im unmittelbaren Anschlüsse an das Hirtenschreiben des Episkopats, brachte das „Grazer Volksblatt", ein kirchliches Organ, welches von dem Prälaten Karton redigirt wird, einen Artikel, der eine entschiedene Verurtheilung der antisemitischen Partei enthält. Der Artikel constatirt zunächst auf Grund guter Informationen, daß jenen niederösterreichischen Geistlichen, die bisher sich auf antisemitischer Seite bemerkbar gemacht haben, thatsächlich jede Art von Betheiligung an den Wahlen untersagt worden ist. Es heißt dann weiter: Man muß zugeben, daß der Bund der „Vereinigten Christen" es an der Aufstellung eines fixen Programmes hat fehlen lassen, weshalb ein Theil seiner Mitglieder nicht selten in etwas sonderbare Extravaganzen geräth. An einen politischen Erfolg der „Vereinigten Christen" glauben wir allerdings

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