Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 7 (13.2.1891)
- Date
- 1891-02-13
- Page
- Seite 127 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7. Hesterreichifche Wochenschrift Seite 127. nennen: „Sonderbar! Weshalb gerade hiefür ein Fremdwort? Gerade diejenigen Kreise, von welchen aus diese Bewegung in unser Volk hineingetragen wurde, rühmen sich mit einer lästigen Vordringlichkeil ihrer reinen, unverfälschten Deutschheit in Wort, Gebühren und Gesinnung. Sie geben es für eine ihrer obersten Pflichten aus. die Deutschen mosaischen Glaubens von den übrigen Volksgenossen abzusonderu, um, wie sie fälschlich behaupten, die christlichen Deutschen vor den schädlichen Beeinflussungen Jener zu bewahren. Aber ihre Bestrebungen, sich ehrlich deutsch als dasjenige vor aller Welt hinzustellen, was sie wirklich sind, dazu haben sie keinen Muth gefunden. Und diese Scheu vor der Muttersprache ist noch das Einzige. was Anerkennung verdient. Man erröthet nämlich zuweilen viel leichter vor sich selber, wenn man sich eines Wortes in seiner Muttersprache bedient, während man sich mit einem Fremdwort ungleich besser abfindet. Das ist eine völkerpsycholvgisch sehr lehrreiche und bemerkenswcrthe Thatsache Weshalb Antisemitismus, weshalb kein deutsches Wort dafür? Die Antwort nuf diese Frage ergiebt sich auf der Stelle, sobald man einfach das Fremdwort mit dem deutschen vertauscht Antisemitismus heißt zu deutsch Judenhetze. Da liegt's. Man trügt doch eine gewisse Scheu davor, die Sache mit dem richtigen Namen zu belegen. Deutscher Antisemiten- Bnnd, also deutscher Judenhetzer - Bund! Wie schlecht das klingt. Das würde manchem Unbefangenen, uurnchem Mißleiteten mit einem Schlage die ganze Häßlichkeit des Unternehmens klar machen; er würde stutzen und sich bedenken; er würde sich von ihm abwenden. Eben deshalb haben jene Volksversührer, welche einen Keim des Hasses in die Volksseele einzusenken versuchten, sich eines fremden Lockwortes bedient, um nicht vor den Lauten der Muttersprache erröthen zu müssen, welche allein durch ihre Naturehrlichkeit ihnen ihr Treiben unmöglich gemacht, mindestens sehr erschwert haben würde. Das fremde Wort begünstigt dagegen die unlauteren Absichten jener Hetzer ganz außerordentlich. Unter fremder Flagge führte man dem deutschen Volke ein Verhetzungsmittel zu, das seinem sonstigen edelmüthigen Empfinden fremd geblieben." Der Abscheu gegen das Treiben der Antisemiten äußert sich denn auch schon in mancher bemerkenswerthen Thatsache und ist höchst charakteristisch für den beginnenden Umschwung der Dinge, daß selbst Stöcker und Genossen sich veranlaßt fühlen, ein wenig die Krallen einzuziehen. Erklärte doch der verflossene Hofprediger kürzlich in einer Versammlung seinen Getreuen, daß er Alle — liebe, Alle, auch die Juden. „Ich habe mehr Liebe zu den Juden", betheuerte er, als die meisten Unterzeichneten des Ausrufs, und schließlich verbat sich Herr Stöcker sogar energisch und pathetisch die Behauptung, daß seiner antisemitischen Propaganda irgend welche Gehässigkeit zugrunde liege. Man wird auf diese proteusartigen Wandlungen des gerichtsbekannten Ehrenmannes freilich nur so weit Gewicht legen dürfen, als sie ein Zeichen der Zeit und der Anpassungsfähigkeit dieses protestantischen Jesuiten oder jesuitischen Protestanten sind. Weit bedeutsamer erscheint die Thatsache, daß sich auch in der Oeffentlichkeit die Beweise praktischer Ablehnung der Judenhetzer mehren. So hat vor Kurzem der Oberbürgermeister von Osnabrück eine Ansprache an die neuen Stadtverordneten gerichtet, in welcher er wörtlich sagte: Dem Friedenssaale sollen fernbleiben alle konfessionellen Parteigegensätze, alle die religiösen Hetzereien, die sich in jüngster Zeit in unserer Stadt breitgemacht haben, Hetzereien, die viele unserer Mitbürger zn verketzern suchen; niemals kann das Rathhaus antisemitischenTreibereienRaum gewähren." Solche und ähnliche Vorgänge können nur dazu beitragen, die Zwecke des neugegründeten Vereines zur Bekämpfung des Antisemitismus zu befördern und sie sind ein Beweis dafür, wie schon der Gedanke, der diesem Vereine zugrunde liegt, befruchtend und segensreich wirkt, noch ehe der Verein selbst seine Thütigkeit begonnen hat. Und so darf man heute der frohen Hoffnung Ausdruck geben, daß das deutsche Volk den fremden Geist der Rohheit und Unduldsamkeit in Bälde von sich abschütteln und daß dieses Beispiel auch außerhalb des deutschen Reiches klärend und reinigend wirken werde. vr. N. Frankfurt a. M., 6. Februar. Der Rabbiner der hiesigen Hauptsynagoge Dr. N. B r ü l l ist am 5. d.M. im 49. Lebensjahre gestorben. — Herr Dr. B r ü l l erlitt am Mittwoch einen S ch l a g a n s a l l, dessen Folgen er erlegen ist. Er war geboren im Jahre 1842 in Kojetein in Mähren, wo sein Vater ebenfalls Rabbiner war, prömovirte an der Universität Wien und wurde bald daraus Rabbiner in Bisenz, von wo aus feine Berufung an die hiesige Hauptsynagoge erfolgte, an der er zwanzig Jahre lang thütig war. Der freisinnigen Richtung im Judenthum angehörend, hat er sich doch weder politisch noch religiös an den Reformbestrebungen betheiligt. Die „Frankfurter Zeitung" sagt über den Dahingeschiedenen : „Ein großer Gelehrter und ein großer Charakter, war er einer jener seltenen Männer, bei denen es zweifelhaft ist, ob sie mehr zu schätzen sind wegen ihrer hervorragenden Gelehrsamkeit oder der Reinheit ihrer Absichten und Gesinnungen. Er war ein Bierteljahrhundert auf dem Gebiete der Wissenschaft des Judenthums thätig, hat verschiedene Bände der Jahrbücher für die Geschichte des Judenthums redigirt und viele gelehrte Arbeiten in verschiedene Fachzeitschriften geliefert. Sowohl innerhalb wie außerhalb seiner Gemeinde hatte sich der Dahingeschiedene durch seine persönlichen Eigenschaften sowie seine erfolgreiche Thütigkeit als Geistlicher zahlreiche Freunde erworben, die sein Andenken treu bewahren werden. Auch die Armen verlieren in ihm einen Freund, dessen Selbstlosigkeit stets Hilfe wußte, sei es durch Rath, sei es durch eine immer offene Hand." — Heute Vormittag trat der Vorstand der israelitischen Gemeinde unter Zuziehung der Herren Rabbiner Dr. Plaut und Dr. H o r o w i tz und des Herrn Director Dr. B ä r w a l d zu einer Sitzung zusammen. Herr Rabbiner Dr. H o r o w i tz widmete dem verstorbenen Collegen warme Worte des Nachrufs, welche bei allen Anwesenden tiefen Eindruck machten und volle Zustimmung fanden Wreskau. Im jüd. theol. Seminar fand am 27. v. M., wie alljährlich, die Gedächtnißfeier für den Stifter und die feierliche Entlassung der designirten Rabbinercandidaten statt. Die Feier eröffnete ein vom Gasangverein jüd. Theologen vorgetragenes Lied (Ps. 10). Der sich anschließende Bortrag des gegenwärtigen Vorsitzenden, des Seminarrabbiners Herrn Dr. Levy, charakterisirte die ethischen Principien unserer Religion, vor allem die des Talmud, die durchaus nicht das seien, woflir man sie verschrieen habe, sondern, als dem Boden der Religion und des Gottesbewußtseins entwachsen, die edelsten und reinsten. Es folgte die Vorlesung der Urtheile des Lehrercollegiums über die eingegangenen Preisbewerbungsarbeiten. Das Thema hat gelautet: „Darstellung des Standpunktes der einfachen Bibelexegese in den talmudischen Schriften." Von den eingelieferten Arbeiten wurde die des Herrn L. Dobschütz, cand. phil., als der ehrenvollen Erwähnung des Namens ihres Verfassers würdig erachtet. Es schloß sich dann die Entlassung der letztjährigen Candidaten, der Herren Dr. Berger und Dr. Lewinsky an; der letztere, der bereits als Rabbiner in Weilburg thätig ist, hielt die Abschiedsrede. Mit dem Vortrag des Königsgebetes durch den Gesangverein schloß die Feier. Dem gleichzeitig ausgegebenen Jahresberichte entnehmen wir, daß das Seminar gegenwärtig 53 Hörer zählt. Von ehemaligen Hörern desselben sind wiederum eine größere Anzahl zu Rabbinatsämtern berufen worden: die HH. Dr.