Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 7 (13.2.1891)
- Date
- 1891-02-13
- Page
- Seite 123 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3020847-3020855--00133-3024106- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ttr. 7 Hesterreichijche HSochen^chrrlt >SeNe 12s zugänglich wird. Hier soll nur das Resultat der Forschung; vorgelegt und zum Schluß durch einen wörtlichen Auszug aus den Verhörsprotokollen ein kleiner, aber völlig genügender Einblick in das Zustandekommen der sogenannten „Geständnisse" geboten werden. Nicht ein Jude hat den k l e i n e n S i m o n ermordet, sondern ein C h r i st: nicht der Jude Samuel im Bunde mit der Trientiner Judenschast, sondern der Christ Za n es ns. Dieser, aus der Schweiz stammend und in Trient ansässig, hatte mit seinem Nachbar, dem angesehenen und reichen Samuel, einen Proeeß vor dein Trientiner Syndikus gehabt und, da er ihn verlor, dem Juden Todfeindschaft geschworen. Wiederholt hatte der Schweizer Drohungen gegen die Juden ausgestoßen-, die Hetzpredigt Bernardins wie dessen Voraussage eines Verbrechens der Juden bot ihm nunmehr den erwünschten Anlaß zur Rache. Es war ein Leichtes, einen Lustmord zu begehen, und um vor Entdeckung geschützt zu sein, genügte es, dem Opfer am Oberkörper und an den Schamtheilen einige Verletzungen beiznbringen, die aus eine Peinigung und Marterung schließen ließen. Dann würde es Keinem einfallen, daß das Verbrechen von christlicher Seite ausgegangen sei, denn in dieser Weise konnten nach der verrohten Anschauung jener Zeit nur die Juden einen Knaben gemißhandelt haben. Zudem entsprach ja das Verbrechen völlig der öffentlichen Meinung — der fromme Priester hatte es bereits vorausgesagt — und den geheimen Wünschen aller derer, welche bei einer Consiscirung des Eigenthums der Juden auch die Zurücknahme der in ihren Häusern befindlichen Pfänder erhofften. Am Gründonnerstag den 23. März, verschwand der 38 Monate alte Sohn des Gerbers Andreas zu Trient. Die verzweifelten Eltern suchten, von den Nachbarn unterstützt, den Vermißten in der ganzen Stadt, ohne eine Spur aufzusinden, und setzten am Tage darauf den Bischof Johann Hinderbach von dem Vorfälle in Kenntniß. Sofort wurde in der ganzen Stadt der Verlust des Knaben ansgerufen. Als Niemand über seinen Verbleib etwas aussagcn konnte, war es Bernardinus, der mit geschäftiger Eile den Verdacht auf die Juden lenkte: „das Lämmchen muß nur unter den Ziegen gesucht werden; die Mörder Christi haben nach dem Vorbilde der Passion auch diesen Knaben gekreuzigt."*) Er goß damit Oel in's Feuer und versetzte die Volksmenge in wahnsinnige Aufregung, indem er ihren Glauben nährte, daß die Juden in der Osterzeit christliche Knaben fangen und lödten. Darauf gestützt, verlangte der Vater des Vermißten vom Stadthauptmann Johann de Salis Beamte, um mit deren Hilfe die Häuser der Juden nach dem Kinde zu durchforschen. Dem Ansuchen wurde stattgegeben, die Nachforschung blieb natürlich ohne Resultat. Besonders einj gehend wurde das Haus des Juden Samuel dnrchstöbert, und (ich citire die Aeten) so schmerzlich ihm eine solche Störung des Pesachfestes — am Sederabend erschienen die Häscher — war, er stellte sich sofort der Behörde zur Verfügung und half im Verein mit seiner Frau Brunetta und seinem Sohne Israel das ganze Haus und dann den davor befindlichen Canal durchsuchen. Der Canal wurde abgeleitet, aber ebenso wenig wie im Hause fand sich dort eine Spur der Leiche. Trotz der Erfolglosigkeit dieser Durchsuchung ergriff Schrecken und Angst die Trientiner Judenheil, und mit Bangen sah sie der Zukunft entgegen. Wußte sie ja, daß, war erst der Verdacht auf die Juden gelenkt, die verwilderte Justiz diesem Verdacht Folge geben und wo die Beweisgründe fehlten, Mittel suchen und finden werde, jene künstlich zu schaffen! Für den Schweizer Zanesus hätten sich die Ereignisse gar nicht günstiger gestalten können. Er nahm die bis dahin verborgen gehaltene Leiche und warf sie in den Graben *) Vgl. Wadding l. c. gerade vor Samuels Haus, was er um fo leichter und unauffälliger thun konnte, da er. wie gesagt, Samuels u n m i t t e l b a r e r N a ch b a r war Am Sonnabend bemerkte Samuels Diener Bonaventura etwas Weißes im Wasser schimmern und erkannte die Leiche eines Knaben. Bestürzt eilte er in's Haus und machte seiner Herrin von dem Funde Mittheilung. Samuel befand sich mit dem Arzte Tobias und den anderen Juden in der Synagoge zum Abendgebet, und man kann ihre Aufregung begreifen, als Brunetta felbst ihnen berichtete, daß sich vor Samuels Haus im Graben der Leichnam eines Knaben befände. Alle waren darüber einig, daß sofort, ohne di< Leiche anzurühren, dem Bischof Anzeige zu machen sei. Dies geschah, Tobias wurde zum Boten auserkoren. Unverweilt folgte Johann Hinderbach in Begleitung des Stadthauptmanns, des Präfecten und einer großen Volksmenge dem Tobias zum Hause Samuels. Bei Fackelbeleuchtung wurde die auf dem Wasser schwimmende Leiche herausgeholt, und kaum hatte der Bischof dieselbe erblickt, als er ausrief: „Dieses Verbrechen kann n u r ein Feind des christlichen Glaubens begangen haben. Dich rufe ich zum Zeugen an, der du gekreuzigt und begraben heute auferstanden, daß ich diese Gottlosigkeit nicht uugerächt lassen werbe. Dir aber, Unschuldiger und bereits Seliger, verspreche ich, daß, wer nur immer seine Hände mit deinem Blute befleckte^ die gebührende Strafe für seine Grausamkeit erleiden soll". '-) Jammernd erkannte der Gerber Andreas feinen Sohn und vermehrte durch sein Schreien die allgemeine Erbitterung. Aller Urtheil stimmte dahin überein, und man äußerte es laut vor den anwesenden Juden, daß s i e die Grausamkeit begangen hätten und deshalb mit gleichen Martern gepeinigt werden müßten. Der Bischof befahl sofort eine strenge Untersuchung und übergab die Durchführung derselben dem Stadthauptmann Johann de Salis. Tiefer ließ zunächst die Leiche in das Spital St. Peter bringen, wo sie vorläufig aufbewahrt wurde, und nahm daun die angesehensten Juden in's Verhör. „Da nun" — fo heißt es wörtlich in den Aeten — „als die Juden an den Leichnam herantrateu, die Wunden wieder zu bluten aufiugeu, was, wie die Erfahrung lehrt (experiontin compeitum est). geschieht, wenn der Mörder an sein Opfer herantritt," *) so galt dies als „schlagendster Beweis" lovidontissima indicia), daß die Juden die Schuldigen seien, und auf Grund dieses „schlagendsten Beweises" wurde der Befehl erlheilt, sie in Ketten zu schlagen, in's Gesängniß abzuführeu und in gesonderten Zellen unterzubringeu. Die Gefangenen reprchentirten, wie gesagt, die angesehensten Familienhänpter der Trientiner Judenschast, die Väter der meisten waren aus Deutschland eingewanderr. Die Namen der Unglücklichen lauten: 1) Samuel, Sohn des Bonaventura aus N ü r n b e r g, der Reichste der Trientiner Juden. 2) Tobias, Sohn des Jordan aus M a g d e b u r g, Arzt. 3) Angelus, Sohn des Salomon ans Bonn. I o a f, Sohn des Boiulventura aus A n s b a ch. 5) sJÜi oses aus Bamber g. b) sein Sohn Isaa k. 7) Bonaventura, Sohn des Mohär, dessen Vater Moses aus Franken stammte. 8) Bonaventura, Koch Samuels. Damit war ein Theil der vermeintlichen „Missethäter" festgenommen, die übrigen sollten bald folgen. Des Stadthauptmanns Sorge war, sich ein medieinisches Gutachten über den Leichenbefund zu verschaffen; auf seine Veranlassung traten am Montag den 27. März die Aerzte Archangelus de Balduinis, Johannes Mathias de Tiberinis und Christo- *) Vgl. Acta sanctorum zum 24. März (II. Auflage p. 497). *) Eine unsinnige Anschauung, welche bekanntlich dem ganzen Mittelalter eigenthümlich war.