Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 7 (13.2.1891)
- Date
- 1891-02-13
- Page
- Seite 121 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7 Hesterreichische Wochenschrift Sette 121 Concessionen, sondern dadurch, daß Allen mehr und mehr die Ueberzeugung wachgerufen werde, es gäbe noch etwas Höheres, als einen bloßen Cultus der Nationalitäten, und daß gerade dieser Staat dazu berufen sei. das geschichtliche Beispiel §u geben, daß in Bildung, Freiheit und Cultur auch verschiedene Nationalitäten sich zu einem harmonischen Ganzen vereinigen können. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Herr Dr. Landesberger bedauert es. daß der Vortragende der Ansicht huldige, der Jude möge sich im politischen Leben nicht als Jude, sondern nur als Oesterreicher n:anifestiren. Gerade der jüdische Abgeordnete müsse sich stets als Jude bekennen, damit die jüdische Bevölkerung in dem Bewußtsein, daß für sie gekämpft wird, ihre Beruhigung finde. Nun ergriff der ehemalige Gemeinderath Herr Sigmund Mayer das Wort und sagte: „Vor allem, um kein Mißverständniß aufkommen zu lassen, erkläre ich es für eine ganz unzweifelhafte Pflicht jedes jüdischen Wählers der Innern Stadt, für die Wiederwahl des Dr. I a q u e s mit allen Kräften einzustehen. Er ist vom Comit6 aufgestellt, und es wäre ein grober Fehler, nicht die möglichst größte Majorität für diesen einzigen jüdischen Abgeordneten aus Wien anzustreben. Nichtsdestoweniger, und weil ich die Rede des Herrn Dr. I a q u e s als ein Plaidoyer nicht blos für seine Haltung sondern auch für die der anderen jüdischen Reichsräthe betrachte, dürfte es mir selbst der hochgeehrte Herr Abgeordnete nicht übel nehmen, wenn auch einer vielleicht etwas abweichenden Meinung bescheidener Ausdruck gegeben wird. Gestatten Sie mir in medias res zu gelangen. Ich habe es immer als das merkwürdigste am Antisemitismus betrachtet, daß in demselben Maße, als er an Kraft und Verbreitung gewonnen hat, sich auch die Bedeutung, der Einfluß der Juden selber gesteigert hat, gleichsam wie Mephisto in Faust von sich sagt: om! ein Tb eil von jener Kraft. die stets das Böse will, nnd stets das Gute schafft. Und wenn ich für diese meine Behauptung einen Beweis anführen soll, so wüßte ich wohl keinen besseren, als diese unsere Versammlung und die Thatsache. daß der Herr Abgeordnete vor uns hier, mit diesem seinem Vortrag uns erfreut hat. Wende ich mich nun zu dem Inhalte desselben, so kann ich — wenn ich auch kein Fanatiker bin — doch hiebei keinen anderen Standpunkt als den des Juden einnehmen. Und warum? Sehen Sie, als ich von Vetter geklagt, vor dem Richter gestanden bin und mich derselbe um die Motive meines Angriffes auf diesen Mann ftagte, wußte ich ihm keine andere Antwort zu geben, als: „Herr Richter, ich bin in meinem Bezirke Bezirksausschuß, Ortsschulrath, Gemeinderath, ich bin alt geworden unter meinen Mitbürgern im Bezirke, und das alles ohne irgend erinnert zu werden, daß ich ein Jude bin. erst Herr Vetter hat mich auf diese Entdeckung gebracht". Und wenn ich nun auf diesem Standpunkte stehe, so muß ich nun in aller gebotenen Zurückhaltung sagen, daß ich das Verhalten der Juden im Abgeordnetenhause nicht verstehe. Ich verstehe eine passive Opposition wie die der Czechen. Ich war selbst der Ansicht beim Beginn der antisemitischen Bewegung — sie hat ihren ersten Ausdruck, gleichsam ihre Vorfurcht, in der Gewerbenovelle gefunden — daß es vielleicht besser ist. eine solche Flamme „sich ausbrennen" zu lassen; daß es vielleicht besser ist, wenn wir Juden uns alle om! aus dem Gemeinderathe, Reichsräthe, der Handelskammer u. s. w. zurückziehen. Man war in unseren Kreisen dieser Meinung nickt, und ich habe mich natürlich gefügt. Aber das habe ich nicht verstanden: „bleiben um zu hören", gleichsam stille Assistenz bei dem Scandal leisten. Sie erinnern sich vielleicht, daß ich danrm, allerdings nur mit meiner Feder, den Kampf gegen die^Gewerbenovelle ausgenommen und, so lange irgend eine Aussicht war, beführt habe, und ich kann nur bedauern, daß ich mit meinen bescheidenen Kräften auf diesem Gebiete fast ganz allein gestanden bin. Diese durch volle sechs Jahre geübte passive Assistenz unserer jüdischen Abgeordneten habe ich also nicht verstanden und verstehe sie auch heute noch nicht. Die Herren sind alle persönlich Ehrenmänner, persönlich würde sich gewiß keiner von Ihnen beschimpfen lassen — aber wenn man auf die Juden, auf alle Juden geschimpft hat — hat vielleicht der eine oder andere von den Herren gemeint: „ja, das sind die Juden, das geht ja uns nicht an?" Ich muß nur darauf Hinweisen: wo soll denn der Respect bei den Genossen im Reichsräthe Herkommen, was sollen sich denn diese Herren von den Juden im Allgemeinen denken, wenn die „Auslese der Juden" eine so sonderbare Rolle spielt. Und wenn Herr Dr. J agnes sich nicht entfernt hätte, so würde ich ihn auf mehr als einen Moment im Abgeordnetenhause hingewiesen haben, wo gerade für ihn. den Juristen di prima qualitä, offenbar Gelegenheit und Pflicht gewesen wäre zum Reden, nicht zum Schweigen — zum Reden nicht blos bei uns, sondern auch im Abgeordnetenhause Es mag unangenehm sein, als „Jude" zu reden — zugestanden — aber zu schämen braucht man sich des „Juden" gewiß nicht. Meine Herren! Man wirft den Juden ..Fehler" vor. Das discutire ich bei diesem Thema, bei dem Thema des Antisemitismus gar nicht. Denn es ist ja jedem Einsichtigen klar: nichtdieFehlerderJudenhabenden Antisemitismus gemacht, sondern umgekehrtseineBorzüge. In Galizien existirt kein Antisemitismus — aber von Schlesien, wo die anständigsten Juden sind, wo sie ftüher Schulen gehabt als die Christen, von dort kommen die Türken, om! Ich ziehe aus all dem Gesagten keine andere Conclusion als folgende: Herr Dr. Jagnes war, mit Ausnahme des Herrn Dr. Bloch, der Einzige welcher, wenn auch nur einmal, wenn auch spät, ein Wort der Entgegnung gefunden; aber es ist im hohen Grade zu bedarern, daß er der Einzige gewesen, und lassen Sie mich die Hoffnung aussprechen, es wird sich von nun an auch bei den anderen jüdischen Abgeordneten Gewissen und ehrliche Galle regen — denn ich sage es offen: Alle antisemitischen Abgeordneten zusammen haben mit ihren Reden uns lange nichtsoviel geschadet, wie diese jüdischen AbgeordnetenmitihremSchwei gen." Der nächste Redner, Herr Siegftied Fl eisck er, findet es bedauerlich, daß die liberale Partei die Bestrebungen Fischhofs und Walterskirchens unterdrückte und erst heute dazu gelangt sei. die demokratischen Grundsätze von damals in ihr Programm aufzunehmen. Wäre dies früher geschehen, so würde der Abfall Tausender von Wählern in's antisemitische Lager verhindert worden sein. In längerer Ausführung würdigte nun der Redner das Wirken des ehemaligen Abgeordneten Dr. I. S. B l o ch, welcher mit staunenswerther Unerschrockenheit den antisemitischen Wortführern bei jeder ihm dargebotenen Gelegenheit in Wort und Schrift entgegentrat, und beantragte die Annahme folgender Resolution: „In Würdigung der außerordentlichen Verdienste, welche sich der bisherige Abgeordnete Dr. Bloch um die Interessen des Judenthums erworben hat; in Anerkennung des seltenen Muthes, mit welchem derselbe im Parlamente allen gegen das Judenthum geschleuderten Lügen und Verleumdungen entgegentrat, gibt der Verein „Oesterreichische Israelitische Union" der Hoffnung Ausdruck, daß es Herrn Dr. Bloch auch fernerhin gegönnt sein wird, von der parlamentarischen Tribüne herab die Ehre des Judenthums gegen alle gehässigen Angriffe zu vertheidigen." Diese Resolution führte eine spontane Ovation für den ehemaligen Abgeordneten Dr. Bloch herbei; dieselbe