Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 7 (13.2.1891)
- Date
- 1891-02-13
- Page
- Seite 120 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 120 Hesterrerchifche Wochenschrift Äi. 7 bereits im Vorjahre beschäftigt und das Ergebniß dieser Berathung war, daß auf der letzten Bischofs-Conferenz im Spätherbste beschlossen wurde, daß kein Geistlicher ein Mandat für einen öffentlichen Vertretungskörper ohne Zustimmung seines Diöcesan-Bischofes annehmen solle. Der Fürst-Erzbischof von Wien, Dr. Gruscha, hat zwar in Angelegenheit der antisemitischen Bewegung keinen Erlaß hinausgegeben, aber er hat An laß genommen, dem Klerus seiner Diöcese seinen Wunsch bekanntzugeben, daß sich derselbe von der wilden und zügellosen antisemitischen Agitation fernhalten möge. Thatsache ist, daß sich Dr. Lueger in mehreren Versammluugen über die Haltung des Wiener Erzbischofs beklagte und in jener Versammlung in Hernals, wo die Candidat L i e ch t e n st e i n's zum erstenmale austauchte, hat Dr. Lueger folgende Aeußeruug gethan: „Der Erzbischof von Wien habe ihn tief enttäuscht, e r s e i vollständig liberal. Bei der Abstimmung über den Schöffe l'schen Armenantrag habe er gefehlt. Dr. L u e g e r erklärte dann, daß nicht der Klerikalismus, sondern nur die Achtung der Religion verlangt werde. Die Kirchenväter mußten oft auftreten, um die Bischöfe und Prälaten auf den rechten Weg zu weisen. „Wir bleiben christlich", schloß Lueger, „und kämpfen in unserer Weise fiir das Christenthum, mag auch der eine oder der andere Bischof uns auch nicht unterstützen." Dieses Benehmen des Dr. Lueger gegen den Ober- Hirten Wiens ist selbstverständlich geeignet, Auffehen zu erregen und man mußte sich fragen, warum Dr. Lueger in so ostentativer Weise gegen den Erzbischof von Wien, dem er früher, als Dr. Grüscha noch apostolischer Feldvicar und Vorstand des katholischen Gesellenvereins war, so nahe stand, Stellung nimmt und das „Wiener Tagblatt" gibt dafür folgende Erklärung: Vor Kurzem sollte im Vereinshause des „Katholischen Meistervereins" in der Gumpendorferstraße ein Jubiläum gefeiert werden, welches besonders festlich begangen werden sollte. Die Veranstalter des Festes wandten sich vor allem Anderen an den Erzbischof der Wiener Diöcese, Dr. Grusch a, mit der Bitte, derselbe möchte die Feier mit seiner Anwesenheit beehren. Dr. Gruscha sagte zu, da er, wie er sich äußerte, stets dem Verein das größte Wohlwollen entgegengebracht habe, allein er müsse dabei eine Bedingung stellen:es müsse ihm die Liste der übrigen zu dem Feste Eingeladenen vorgelegt werden. Das geschah auch und die lange Liste wurde dem Wiener Erzbischof überreicht. An der Spitze der Liste der Geladenen befanden sich die Namen Dr. Lueger und Ernst Schneider, aber außer diesen Zweien noch eine größere Anzahl von Personen, welche derselben verhetzenden Richtung angehören, wie die beiden Erstgenannten. Aufmerksam prüfte Dr. Gruscha die Liste, dann nahm er lächelnd die Feder nnd machte einen dicken Strich durch die ersten Zeilen der Liste, mitten durch die Namen S ch n ei d er und Lueger. Dann wandte er sich an die Deputation und sagte entschieden! „Ich komme nicht, wenn diese Zwei kommen!" Vor dem Worte des Erzbischofs gab es keine Gegenvorstellung. Dr. Lueger, Ernst Schneider und noch einige Andere, darunter auch einer der bekanntesten Hetzcapläne, die der Erzbischof namentlich bezeichnete, wurden nicht eingeladen und das Jubiläum wurde ohne die erwähnten Herren in Anwesenheit des Fürsterzbischofs von Wien feierlichst begangen. Oesterrei chi schi sraetiti sche Union. Dieser äußerst rührige Verein hielt Samstag den 7. Februar eine von mehreren hunderten von Mitgliedern besuchte Vereinsversammlung ab, welcher unter Anderen auch die Herren Cultusvorsteher Moriz Karpeles, Dr. Gustav Ko hu und Moriz Leinkauf, sowie Herr Rabbiner Dr. Gelb haus, Präsident des Vereines Aphike Jehuda in Prag, beiwohnten. Von der Versammlung sympathisch begrüßt hielt Herr Hof- und Gerichtsadvocat Dr. Heinrich Jacques einen Vortrag über „die Pflichten eines Abgeordneten." Der Redner erzählt zunächst, daß er über Ansuchen des Vereinsvorstandes dieses Thema gewählt habe, und zwar zu einer Zeit, wo von der Auflösung des Reichsrathes noch nicht die Rede war. Da nun aber letztere seitdem erfolgt und die Neuwahlen bereits ausgeschrieben worden seien, könne die Meinung entstehen, als ob Redner eine Candidatenrede halten wolle. Das entspricht aber seiner Anschauung nicht, weil er mit Rücksicht auf die Gleichberechtigung, die die jüdische Confession gegenwärtig hat und die trotz der antisemitischen Bestrebungen hoffentlich nicht beseitigt werden wird, nur in einer von Staatsbürgern aller Confessionen besuchten Versammlung sich als Candidat vorstellen wolle. Redner will daher nur ein Bildseiner politischen Thätigkeit im Laufe der zwölf Jahre geben und die Frage erörtern, ob die österreichischen deutschliberalen Abgeordneten in der Opposition stehen oder eine Regierungspartei sein mußten. Redner führt dies in einer formvollendeten Rede aus und wendet sich hierauf zur Erörterung der Frage, was denn die Pflichten speciell eines jüdischen Abgeordneten gewesen seien. Letzterer habe eine schwierige Position gehabt; der Gegensatz der Confessionen sei ja für jeden ein so widerwärtiger, daß man ihn gerne ignorire (Widerspruch) und wenn einer der antisemitischen Spectakelmacher sein ganzes Menu von Schimpfwörtern gegen die Juden ausschüttete und sich so in seiner ganzen sittlichen Niedrigkeit zeigte, so sei es am besten gewesen, das nicht zu beachten. (Widerspruch.) Redner ist bereit anzuerkennen, daß, wenn man frühzeitig angefangen hätte, dem Antisemitismus entgegenzutreten, man besser gethan hätte. Uebrigens habe er bei der Debatte über das Judengesetz eine umfassende Rede gegen den Antisemitismus gehalten, und darin Dr. Lueger entschiedenst bekämpft. Redner verspricht auch, wenn er wieder in's Abgeordnetenhaus komme, unb überhaupt an allen Orten dem Antisemitismus entgegen zu treten. (Beifall.) Aber es sei auch zu bedenken, daß man diesen nicht nur durch eine energische Rede, sondern auch durch das, was man ist, bekämpfen kann. Wenn man der großen Sache des Vaterlandes immerfort dient, wenn man nie irgend einen persönlichen Zweck im Auge hat, ja sogar materielle Vortheile opfert, uni nur seine Pflichten gegenüber dem Vaterlande und der Wählerschaft zu erfüllen, dann diene man dem Judenthum, auch wenn kein Wort gegen den Antisemitismus fällt. (Beifall und Widerspruch.) Diese Haltung sei zwar oft unterschätzt worden, sie dürfe aber nicht unterschätzt werden. Wenn im Abgeordnetenhause jüdische Männer sitzen, die so makellos dastehen, daß man ihnen nicht beikommen kann, so haben sie nach der innersten Ueberzeugung des Redners viel mehr als durch kräftige Reden gegen den Antisemitismus dem Judenthum gedient. Ein kräftiges Wort sei zwar ein Mittel, aber nicht das einzige Mittel zur Bekämpfung des Antisemitismus. Redner schließt mit den Worten: Ich hoffe, daß eine Versöhnung zwischen den Nationalitäten Oesterreichs erfolgen werde, nicht durch eiu Schachspiel und Gewährung von