Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 7 (13.2.1891)
- Date
- 1891-02-13
- Page
- Seite 117 (sequence 3)
- Language
- German
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Str. 7. Hesterreichische Wochenschrift Teile 117 sie werden es nicht unterlassen, es auszusprechen, daß sie ihre Leute kennen, und daß sie Talmi-Liberalismus nicht für Liberalismus kaufen. Darum sollen die Deutschliberalen ihrerseits es unterlassen, ihn dafür zu verkaufen. Ein Liberalismus aber, unter dessen Fittigen die Juden den Prügelknaben der Antisemiten im Parlamente, in der Bierkneipe, in Volksversammlungen, in Zeitungen und Pamphleten bilden, ein Liberalismus, der in Oesterreich einen Ausnahm sz u st a n d für die Juden bestehen läßt, ohne mit aller Macht und sittlichen Entrüstung stets und ständig dagegen zu opponiren — das ist ein Talmi-Liberalismus, der den Ruhm der deutschliberalen Partei, zu deren Gründern ein Müh lf e l d, ein K u r an d a und dergl. gehörten, nicht erhöhen wird. Mögen die Deutschliberalen das Deutschthum mit allem Nachdruck betonen, sie werden in diesem Bestreben die deutschen Juden in Oesterreich an ihrer Seite finden, aber möge' sie die Gloriole ihres Deutschthums nicht durch die Einbuße an Liberalismus zu vergrößern trachten. Durch nichts aber könnte die Partei Beides, ihr Deutschthum und ihren Liberalismus besser, aufrichtiger und erfolgreicher bekunden, als wenn sie dem deutschen Beispiel mit der Gründung eines christlichen Vereins zur Abwehr des Antisemitismus folgen würde. Was den Liberalen in Deutschland recht ist, kann keine unbillige Forderung an bie Deutschliberalen in Oesterreich sein. Es ist für sie die höchste Zeit, Farbe zu bekennen und dem Antisemitismus energisch zu Leibe zu gehen, damit es hierin nicht durch ihr Verschulden heiße: Austria Erit In Orbe Ultima. Dr. Ferdinand Kronawetter. Je seltener in diesen Tagen der politischen Charakterlosigkeit und der sittlichen Verrohung Muth und Ueberzeugungstreue, unerschütterliches Rechtsgefühl und mannhafte Offenheit zu finden sind, umso höher muß der Mann geschätzt werden, dessen Name an der Spitze dieser Zeilen steht. Dr. Ferdinand K r o n a w e t t e r ist der Führer der demokratischen Partei in Wien. Aber er vertritt nicht blos die Doctrinen einer Partei, er ist der unermüdliche, glühende Verfechter der Menschheitsidee, welche, ohne Rücksicht auf nationale Unterschiede und ständische Vorurtheile, das gleiche Recht jedes vom Weibe Geborenen statuirt. Die Grundsätze der Demokratie, wie sie Kronawetter verttitt, sind gleichbedeutend mit den Grundlehren und den Endzielen des Judenthums, welche auf die Vereinigung aller Nationen des Erdballes im Dienste der menschlichen Gesittung und der friedlichen Geistesarbeit gerichtet sind. Aus dieser inneren Uebereinstimmung erklärt es sich, daß die Antisemiten im österreichischen Parlament keinen furchtbareren Gegner und die Juden keinen beredteren und treueren Anwalt hatten, als den bisherigen Abgeordneten Kronawetter. Der Antisemitismus verbrämt sich mit Vorliebe mit socialpolitischen Schlagworten Dr. Kronawetter war die lebendige Widerlegung dieser heuchlerischen Phrasen. Er ist ein überzeugter Socialist, der von der Nothwendigkeit einer radicalen Umgestaltung unserer heutigen Wirthschaftsordnung tief durchdrungen ist. Auch er verwirft die kapitalistische Produktionsweise, aber er täuscht die Bevölkerung nicht mit der billigen und ungefährlichen Hetze gegen das angeblich jüdische Capital. Wenn man das Capital überhaupt anfeindet, dann muß man. so erklärt Kronawetter, bei den ungeheuren Reichthümern des Feudeladels und der „todten Hand" angefangen, dann muß man zu allernächst die Fideicommisfe aufheben und die Bildung von Gütercomplexen verhindern, deren Umfang dem eines Königreiches gleichkommt. Dr. Kronawetter hat es zu wiederholten Malen im Parlamente ausgesprochen, daß die Judenbetze von den hochfeudalen Herren aus keinem anderen Grunde begünstigt wird, als um die sociale Gefahr von den Schlössern der Fürsten und Herren auf die Häuser der Juden abzulenken. In Bethätigung dieser Anschauungen hat sich Dr. Ferdinand Kronawetter im Parlamente bei jeder Gelegenheit der geschmähten und verfolgten Juden ebenso angenommen wie aller Schwachen und Unterdrückten. Wenn die jüdischen Mitglieder der liberalen Partei die ärgsten Beschimpfungen und Verleumdungen gegen die Juden und das Judenthum in unerklärlicher Mattherzigkeit geschehen ließen, ohne ein Wort zu erwidern, dann war es Ferdinand K r o n a w e t t e r, der mit der stammenden Röthe des Zornes auf der Stirne und mit der edelsten Begeisterung im Herzen, mit dem ganzen Feuer seiner eigenarttgen, volksthümlichen, zu den Massen sprechenden Beredtsamkeit die Ehre der Juden vertheidigte. Wir geben dem Wunsche und der Hoffnung zahlreicher Kreise der Wählerschaft des neunten Bezirkes Ausdruck, daß es dem loyalen Zusammenwirken der einsichtigen Führer beider fortschrittlichen Parteien gelingen werde, eine Rivalität zweier freisinniger Candidaten in diesem Bezirke zu vermeiden und so zu verhindern, daß ein Zwiespalt in die Bevölkerung getragen werde, der im Interesse der liberalen Sache tief zu beklagen wäre, und durch welchen nur den Antisemiten in die Hände gearbeitet würde. Bei ruhiger, gerechter und einsichtsvoller Erwägung kann es gewiß nicht schwer halten, auch im Bezirke Alsergrund dieselbe Einigung herbeizuführen, wie in den Bezirken Mariahilf und Neubau, und wir glauben, daß in Wien für beide freisinnige Männer, für Wrabetz wie für Dr. Kronawetter Platz ist, ohne daß dieselben einander bekämpfen müssen Man darf erwarten, daß die deulschliberale Partei selbst es als eine Verstärkung ihrer eigenen Position betrachtet, wenn ein Mann wie Dr. Kronawetter im österreichischen Parlamente wieder Sitz und Stimme erlangt. Er soll und darf in unserem künftigen Parlamente nicht fehlen. Die Mahttrervegrurg. Seit unserem vorwöchentlichen Wahlbericht hat sich in Wien ein bedeutsames Ereigniß vollzogen: Der Prinz Alois Liechtenstein hat seine Candidatur für den XIX. Bezirk von Groß-Wien, nämlich für Hernals, Währing, Ottakring aufgestellt. Diese Thatsache drückt der Wahlbewegung in Wien ein scharfes Gepräge auf. Sie deutet die Ziele an, welchen die gesammte antisemitische und „christlich-sociale" Action zusteuert; sie macht es selbst für diejenigen, die noch daran gezweifelt haben mögen, offenbar, in wessen Diensten die bisherigen Führer der „christlich-socialen" Partei, die Herren Lueger, Schneider, Metzler, Geßmann rc. in Wahrheit stehen. Der Prinz Alois Liechten-st ein bewirbt sich um ein Wiener Mandat — das ist sein Recht und niemand wird es ihm veMmmern. Wäre der hochgeborene Prinz nichts anderes, als ein ftommer, glaubenstreuer Katholik, so ließe sich gegen diese Candidatur nichts einwenden, denn die wahrhafte Religiosität muß geachtet und hochgehalten werden, wann und wo sie immer zutage tritt. Aber Prinz Alois Liechtenstein tritt nicht als ftommer Glaubensstreiter mit ttes innerer Begeisterung, er tritt nicht als ein Held mit offenem Bisir und blankem Schild vor die Wähler hin. Er tritt als I esuit und Antisemit auf, und der Jesuitismus und der Antisemitismus verfolgen nicht kirchliche, sondern sociale und politische Zwecke, die iuüDnteresse des Cultursortschritts und der geistigen Entwicklung der Menschheit auf das schärfste ^bekämpft werden müssen. Nicht die Candidatur des Prinzen Liechtenstein an sich, sondern die Art, wie er sie aus-