Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-02-13 · 7 (13.2.1891) · p. Seite 116

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
7 (13.2.1891)
Date
1891-02-13
Page
Seite 116 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3020847-3020855--00126-3024099
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Gelle 1161 Hesterreichische Wochmschrifl srci. 1 Rabbi Bloch für die Evangelischen eintreten sollte, falls diese seiner bedürften, so wird man daran die Wirkung abmessen, welche in einem katholischen Staate die Schutzrede des prote st an tischen Superintendenten erzielen konnte. Diesen Schauchristen werden die Juden der deutschliberalen Partei nicht gutschreiben, so dankbar sie seine persönlichen Absichten anerkennen. Wo war die Partei, ftagen wir, während voller fünf Jahre, während die schändlichsten Verleumdungen und Beschimpfungen auf die Juden und das Judenthum niederprasselten? Und wo ist sie jetzt? Bor uns liegt der Wahlauftuf des liberalen Landes wahlcomites für Oberö st erreich. Darin heißt es: „In.. der Wiederbelebung veralteter und verlebter Einrichtungen vermag unsere Partei eben so wenig eine Bürgschaft für das Gedeihen des Staates zu finden, als in der künstlichen, aller Humanität widerstreitenden, in chren Ausbrüchen unberechenbaren Gegnerschaft gegen andere Volksstämme oder Religionsgenossenschafte n." Man merke auf die Mehrzahl: Religionsgenossenschaf t e it! Vergebens werden sich die Juden ihre Köpfe zerbrechen und nachforschen, wer denn ihre Leidensgenossen seien. Bisher weiß man in Oesterreich, und also wohl auch in Oberösterreich, nur von einer Religionsgenossenschast, gegen welche die „aller Humanität widerstreitende, in ihren Ausbrüchen unberechenbare Gegnerschaft" sich geltend macht. Mer man scheut sich, direct von der jüdischen Religionsgenossenschaft zu sprechen. Das wäre l i b e r ä l, aber nicht deutsch. Also hilft man sich mit dem Gebrauch der Mehrzähl, wie Seume's Lehrer, der diesen zu dutzen sich nicht getraute und deshalb, wenn er ihn tadeln wollte, die Wendung gebrauchte: „Wir sind ein Esel", worauf Seume zu erwidern pflegte, daß er seinerseits protestire. Dagegen streift die deutsch-liberale Partei in ihrem Aufruf an die Wähler von Wien undNiederö st e r r e i ch den Anttsemitismus nicht mit einem Worte. Er muß also nur in Oberö st erreich zuhause sein. Das haben die Wiener Juden bisher gar nicht gewußt. Während die Deutschnationalen in ihrem Wahlaufnlf offen und ausdrücklich den Antisemiten die Arme entgegenbreiten, schweigt der Aufruf an die Wähler von Wien und Niederösterreich einfach vom Antisemitismus, und der Aufruf der Vereinigten Linken umgeht das Wort, und begnügt sich mit der Mißbilligung der „Kampfesart der persönlichen Verdächtigung und des Hasses gegen einzelne Classen". Beredter kann man schon nicht mehr sein. Frei herausgesagt: die deutschliberale Partei erinnert durch ihre bisherige Haltung gegenüber dem Antisemitismus an Defregger's „Salontiroler". Der geschniegelte junge Mann zeigt zwar die entblößten Kniee, er trägt den Lodenrock und die Bundschuhe wie ein Tiroler, aber die verstohlen kichernden Mädchen an seiner Seite scheinen ihm sagen zu wollen: „Ein e ch t e r Tiroler bist du doch nicht, du taugst für das Parquet eines Salons, aber nicht für die Strapazen einer Bergfahrt." Die Vertreter des Liberalismus im österreichischen Parlamente haben auch nicht den Eindruck echter Tiroler gemacht, ihr Liberalismus hat sich der Dreschflegel-Beredtsamkeit der Antisemiten, der man nur magna voce et bonis lateribus, mit dem Brustton und der Energie der Ueberzeugtheit begegnen kann, nicht gewachsen gezeigt. Pectus est, quod disertum facit. Wenn man überzeugt ist, kann man nicht schweigen, auch gegen Dreschflegel nicht. Was ist aber die eigentliche Ueberzeugung der liberalen Partei vom Antisemitismus? Man erzählt sich, daß ein hervorragender Parteimann im vorigen Jahre einem angesehenen Mitglied der jüdischen Gemeinde rundweg erklärt habe: „Uns geht jader Antisemitismus eigentlich gar nichts a n." Der deutsche Kaiser Friedrich hat den Antisemitismus eine „Schmach des Jahrhunderts" genannt, und der soeben in Deutschland begründete Verein zur Abwehr des Antisemitismus bezeichnet in seinem Aufrufe es „vor allem als eine Ehrensache für das deutsche Volk und v o r n e h m l i ch f ü r uns C h r i st e n, demselben baldigst ein Ende zu machen". Aber die österreichischen Liberalen „geht der Antisemitismus eigentlich gar nicht an." Wir wollen indessen gerne glauben, daß die Aeußerung nicht so ganz wörtlich gemeint war, und daß die Deutschliberalen die Existenz des Antisemitismus bedauern und ihn hinweg wünschen. Aber so recht voll davon muß doch ihr Herz nicht sein, sonst wäre ihnen der Mund längst davon übergegangen. „Du hast kein Christenthum", entgegnet Gretchen auf Faustts philosophische Ausflüchte, mit welchen er der Frage: „Glaubst Du an Gott?" zu entrinnen sucht. Wir meinen ebenso, daß die deutschliberale Partei bisher mit Ausflüchten über ' den Antisemitismus sich hinweggeholfen hat. Lange hat es gedauert, bis der ausgezeichnete Vertreter eines von Juden bevölkerten Wiener Bezirkes ausdrücklich von und gegen „A nt is emiten" gesprochen hat. Jahrelang gab es in seinen Wahl- und Clubreden nur „Un f r i e d e n st i f t e r." Die Parteimitglieder sind empfindlich gegen die Bezeichnung „Judenknechte", womit sie von den Antisemiten bedacht werden, als ob der Titel für sie nicht ein Ehrentitel wäre, da es eine Ehre ist, der Verfolgten sich anzunehmen und der Papst sich selbst den „Knecht der Knechte Gottes" nennt. Unter diesen Umständen darf man sich nicht darüber wundern, daß die Parteiführer in dem verflossenen Parlamente die Dreschflegel der Antisemiten nur mit dem Taschentuch abwehrten, daß sie die dunstschwangere Atmosphäre, welche die Reden der Antisemiten oft herbeiführten, mit dem Rosenwasser einer gelegentlichen Gegenbemerkung zu reinigen suchten, oder daß sie endlich Vorgaben, den Anttsemitismus zu — verachten. Das aber werden die Juden schon selber besorgen, und die jüdischen Abgeordneten haben ihre deutschliberalen Parteigenossen in der stillen Verachtung des Antisemitismus sogar überboten. Stiller als sie gewesen sind, kann man schon nicht sein. Man hat diese Stille in der gesammten österreichischen Judenheit vernommen. Aber ist denn der Anttsemitismus zu verachten? Wem will man denn das weiß machen? Man erinnere sich des Eindrucks, den die Rede des Abgeordneten P a t t a i hervorrief, als er dem österreichischen Adel vorwarf, daß er in den Banden der Judenherrschaft liege und ihn aufforderte, die dadurch befleckten Wappenschilde von ihren Palästen herunterzureißen. Damals lag eine Schwüle auf dem Hause, als ob die mwerschleierte Wahrheit in demselben erschienen wäre und alle vor ihrem Sonnenglanze die Augen Niederschlagen müßten. Und doch war es die unverschämteste Unwahrheit, die jemals als ihr Gegentheil sich drapirte und die das Wagniß dieser Maskerade in einem Parlamente nur vollbringen konnte, weil sie wußte, daß sie unter Mattherzigen, Halbschlächtigen auftrete, die sich nicht getrauen würden, ihr die heuchlerische Larve vom Gesicht zu reißen. Nein, der Anttsemitismus läßt sich mit Verachtung und Rosenwasser nicht aus der Welt schaffen. Er ist ein S ch r e ck e n, der selbst die Macht in Schach hält. Wie wäre es sonst möglich, daß man tüchtige Universitätsprofessoren deshalb ins Ausland ziehen läßt, weil sie Juden sind, daß jüdische Juristen keine Auskultanten werden, daß den Juden auf allen Gebieten Schwierigkeiten sich entgegenstellen, von denen Recht und Gesetz in Oesterreich nichts wissen. Es ist die Furcht vor dem Vorwurf der Verjudung, welche alle bändigt. Der Antisemitismus ist für die Juden ein Unglück, siir die liberale Partei ist er eine Schande. Nun denn, die Neuwahlen sind vor der Thür. Die Juden werde trotzdem und trotz alledem nicht vergessen, was sie dem Liberalismus verdanken, und sie werden wie bisher treu zu seinen Principien und deren Vertretern steheU. Aber

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.