Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 6 (6.2.1891)
- Date
- 1891-02-06
- Page
- Seite 111 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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- Homer 1× ep/1025156
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Rr 6 Hesterreichische Wochmschrift Sette NI bescheiden zur Erde zu senken, und daß ein frommer Jude nicht einmal die Kleider ansehen darf, welche eine Frau getragen hat. Die Sängerin erholte sich zuerst von ihrem Schrecken und wiederholte ihre Frage: „Was willst Du, warum antwortest Du nicht?" Als Simon noch immer schwieg, rief sie: „Bist Du stumm?" Endlich fiel es ihr ein, daß der Jude ihre griechischen Fragen nicht verstehe und sie wiederholte sie daher aus aramäisch, das zu jener Zeit die Volkssprache in Palästina war und das die Griechin während ihres Aufenthaltes im Lande erlernt hatte. Wie aus einem Traume erwachend rief endlich Simon: „Bist Du kein Engel, bist Du wirklich nur ein irdisches Weib? Können denn irdische Frauen so himmlisch singen?" „Ich bin keine Göttin und keine Nymphe, nur ein sterbliches griechisches Mädchen, dem Apollo die Gabe des Gesäuges verliehen" antwortete lachend die Griechin, — und damit Du es ganz genau wissen sollst, sage ich Dir, daß ich Irene heiße, Irene, die Tochter des Arztes Eudamos, der früher in Bethlehem wohnte und nun seit zwei Monaten hier weilt, um euch gottlose Juden von eurer Krankheit zu heilen. Und nun sage mir auch wer Du bist und weshalb Du so ungestüm in's Haus eingedrungen bist. Dn siehst ia gar nicht wie ein Kranker aus." Simon hatte während ihrer übermüthigen Rede nach und nach seine Befangenheit verloren, erinnerte sich aber noch immer nicht, daß ihm der alte Jonathan so oft gesagt hatte, es wäre eine Sünde sich mit einer fremden Frau zu unterhalten oder mit ihr allein in einem Zimmer zu weilen. Mit schlichten Warten erzählte er nun der Griechin, wer er sei, was er treibe und wie er von dem Zauber ihres Gesanges ergriffen, geglaubt habe, Engelstimmen zu hören, und daß er sich nicht enthalten konnte, den vermeinten Engel aufzusuchen. Lachend hörte ihm Irene zu, sagte dann halb im Ernst, halb scherzend: „Zur Belohnung Deines guten Geschmackes sollst Du noch ein schönes Lied von mir hören" und griff in die Seiten der Leier. Sanft erklungen die Töne des Instruments, die prächtige Stimme der Griechin begleitend, und ganz in Entzücken versunken horchte der Jude, wie sie da sang von der goldenen Aphrodite. *) „Chariten badeten sie und salbten die prangende Göttin Mit ambrosischem Oel, das die ewigen Götter verherrlicht" und wie sie dann dem Anchises erschien. „Aehnlich an Größe und Gestalt der irdischen Jungfrau, Daß nicht Schreck ihn ergreife, sobald er sie schaue mit Augen, Simon verstand kein Wort von dem Gesänge, und doch schlich sich das süße Gift in sein Herz, und wie der Vogel von der Schlange bezaubert, blickte er athemlos und unbeweglich wie in krampfhafter Erstarrung auf die Sängerin. Als sie geendet hatte, athmete er tief auf und bat sie, ihm noch ein Lied zu singen, aber auch dessen Inhalt zu erklären. Die stolze Griechin, die sich sonst nicht leicht vor dem Ersten Besten hören ließ und die sehr gut wußte, wie das Gewährte umso kostbarer erscheint, je länger man sich darum bitten läßt, hatte merkwürdigerweise vor dem schüchternen jüdischen Jüngling alle ihre kleinen Künste der Koketterie vergessen und ohne sich viel bitten zu lassen, stimmte sie die Hymne auf die Musen und Apollo an. „.Glückseliger! welchem die Musen Huldreich nah'n; es strömt ihm süß vom Munde der Wohllaut" schloß sie, und erklärte dann dem Juden den Inhalt auf aramäisch, soweit es ihre Kenntniß dieser Sprache gestattete. Simon verstand zwar die einzelnen Worte, aber der Zusammen hang ward ihm nicht gleich klar und er hatte noch viel zu fragen, wer denn Apollo und die Musen wären, wer das Lied gedichtet habe und ob die Griechen auch so einen König wie David gehabt hätten, der schönere und erhabenere Lieder als alle anderen Menschenkinder gedichtet hat. Irene erzählte ihm hierauf von den Göttern Griechenlands, von der schaumgeborenen Aphrodite, vom leuchtenden Helios, von Zeus, dem Vater der Götter und Menschen und endlich vom blinden Homer, *) Aus Homers Hymen auf Aphrovite. der von Troja und der schönen Helena gesungen und zu Ehren der Götter herrliche Hymnen gedichtet hatte. Simon hörte ihr aufmerksam zu; er vergaß das vorgeschriebeue Ausfpucken, als er die Namen der Heidengötler nennen hörte *) und getraute sich nicht von seinem einzigen unsichtbaren Gotte zu reden. Alles was man ihn gelehrt hatte — daß die Götzen der Heiden nur Dämonen seien oder Bilder von Holz und Stein, die nicht sehen und nicht hören können — schien er vergessen zu haben, da die Gr-echin ihm weiter von ihrem schönen Heimatlande erzählte, von der Pracht der Tempel mit ihren riesigen Marmorsäulen und prächtigen Götterstatuen, von dem Anbetung gebietenden Bilde des olympischen Zeus ans Gold und Elfenbein mit dem majestätischen Lockenhaupte. Da ertönte von der Straße die Stimme des Ausrufers: „Heiliges Volk Israels! Thue Buße und demüthige Dich vor „Deinem Schöpfer! Drei Fasttage sollst Du halten, auf Beseht der „Häupter der Gemeinde." j Simon sprang erschrocken auf, „Gott verzeih' mir Sünder,"! schrie er, und stürzte fort. i Die Griechin blickte ihm lanae verwundert nach, die Lener entsank ihrer Hand und ein tiefer Seufzer entrang sich ihrer Brust-! Lange saß sie noch da, das Haupt auf die Hand gestützt und dachte an den blonden Simon, der so ganz anders war als alle Juden, die sie bis jetzt gesehen hatte und der sich so sonderbar benommen hatte. In dem Lärm und dem Gedränge, welche das Erscheinen des Ausrufers selbst iu dieser abgelegenen Gaffe verursachte, bemerkte Niemand die Aufregung Simons, und er konnte ohne irgend einem Bekannten Rede stehen zu müffen, das Thor erreichen und nach Hause eilen. 3. Simon war, als er nach Hause kam, den ganzen Tag sehr schweigsam. Anstatt seinem Großvater, wie er sonst gewohnt war, alles was in der Stadt vorgeganaen war, ausführlich zu erzählen, gab er auf dessen Fragen nur kurze ungenügende Antworten und mehrmals mußte der Alte seine Fragen wiederholen, bevor er von dem bald Aufgeregten, bald Traumverlorenen Antwort erhielt. Auch die Nacht, die auf diesen, für Simon so ereignisreichen Tag folgte, brachte ihm keine Ruhe. Schlaflos wälzte er sich auf seinem Lager. Er kam sich als ein fürchterlicher Sünder vor; hatte er sich doch mit einer heidnischen Frau unterhalten und sich von Heidengöttern erzählen laffen. Das waren ihm Sünden, die selbst durch mehrtägiges Fasten kaum gebüßt werden konnten. Und er nahm sich fest vor, Buße zu thun, zu saften und zu beten. Aber, da erschien ihm wieder das Bild Jreneus und verjagte alle seine frommen Gedanken. „Kann es denn eine Sünde sein, mit einem solchen lieblichen Wesen zu reden?" frug er sich. — „Ich will Morgen den Rabbi Mar dachai in Hebron fragen, — doch nein, der wird gewiß sagen, daß es eine Sünde ist und vielleicht noch meinem Großvater davon erzählen." (Fortsetzung folgt.) Weber de« Erfurter Maler ««d K««jtgelehrte« Manaffe Wuger. Bon Dr. Albert Pick. (Schluß.) Wir haben nämlich außer den genannten zwei fachwissenjchastlichen und den vorher erwähnten zwei autobiographischen Büchern noch ein von Unger veröffentlichtes und ein ungedrucktes Drama. Jenes ist betitelt: „Künstler und Fürst, ein dramatisches Gedicht," und ist im Jahre 1857**) in Berlin erschienen. In dieser, ich kann wohl sagen verschollenen und doch classisch-schönen Dichtung führt uns unser Landsmann eine Anzahl italienischer Meister des sechszehnten Jahrhunderts vor, mit deren Lebensläufen und Charakteren er infolge seiner eingehenden Studien auf's genaueste vertraut geworden war. *) Auch die Christen der ersten Jahrhunderte pflegten vor Götterbildern auszuspeien. (Minucius Felix, Octavius 8. Prudentius contra Simmachum 1. 2 und viele Martyrerlegenden.) **) Künstler und Fürst. Ein dramatisches Gedicht vonM. Unger. (Den Bühnen gegenüber Manuskript). Berlin Ferd. Dümmlers Buchhandlung. (W. Grube) Unter den Linden Nr. 53. 1857. Preis -73 Thaler. — Die Dichtung ist dem Geheimen Commissionsrath F. W. Grundmann gewidmet.