Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 6 (6.2.1891)
- Date
- 1891-02-06
- Page
- Seite 108 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 108 Hesterreichtfche Mochenschrist Nr. 6 den großen Schöpfer des Alls und den Lenker unseres Lebensgeschickes — zu lieben, mit unserem ganzen Herzen, allen unseren Gefühlen und Regungen, allen Hoffnungen und allem Streben Ihn anzubeten, in Demuth und Ehrfurcht uns unter Seine leitende Vorsehung zu beugen in Leid und Freud, in Jubel und Kummer, in Ueberfluß oder Noth, und besonders unsere Leidenschaften zu bändigen. Wir sollen den Herrn mit unserer ganzen „Seele" lieben, d. h. mit dem geistigen, unsterblichen Theil unserer Natur. Wir sollen uns bemühen. die Lehren unserer heiligen Religion zu lernen, zu verstehen und geistig zu ersoffen, so daß, wenn die wissenschaftlichen Resultute unserer religiösen Ueberzeugungen zu widersprechen scheinen, wir denselben nicht erlauben sollen, unser Gemüth zu beunruhigen. Vielmehr sollen wir bedenken, daß unser Glaube auf Vernunft basirt ist und daß im Judenthum Religion und Wissenschaft keine antagonistischen Begriffe sind. Das Wort ^^23 bedeutet auch „Leben", wie unsere Lehrer erklären: D>f Wir sollen unseren Gott mit unserem ganzen „Leben", mit unserer ganzen Existenz lieben, so daß wir unsere Religion als höher betrachten müssen, als unser Leben und. wie unsere Väter und Mütter der Vorzeit, eher unser Leben aufgeben, als unsere Religion vergeffen. Und wir sollen Gott lieben mit unserem ganzen Vermögen. Wir sind verpflichtet, die Wärmunseres Herzens und die Kraft unserer Ueberzeugung durch fleißige Befolgung der Gesetze unserer Gottes zu bethätigen. Die Hauptqnelle, der wahre Prüfstein des Werthes unserer Liebe zu Gott besteht in der vollen Erfüllung der Verpflichtungen, die wir Ihm, unseren Mitmenschen und uns selbst schulden, mit aller Energie, allem Eifer und aller Wärme, unbeachtet der Schwieriokeiten, Unannehmlichkeiten und Opfer, welche diese Pflichten manchmal nach sich ziehen. Deshalb lautet das Gebot: DrPtttyl (Levi<- XIX. 37). „Ihr sollt sie hüten (Meine Gebote) und sie ausüben" . . . Diese Gesetze sind zunächst in der Tora, den fünf Büchern Moses, des größten aller Propheten, durch den das Gesetz uns enthüllt ward, niedergelegt; sie sind auch in den den Propheten, enthalten, welche von Gott iuspirirt und verpflichtet wurden, Seinen Willen zu verkünden; schließlich auch in den Q^rO den Schriften heiliger Männer, welche gleichfalls von Gott inspirirt, aber nicht verpflichtet waren, ihre Inspirationen ihren Mitmenschen zu erklären. Diese 24 Bücher bilden unsere heiliac Bibel. Wir müssen dieselbe als unser werthvollstes Buch betrachten, nicht nur weil sie uns als Führer durch's Leben dient, sondern weil sie Israel seinen Ursprung, seine Geschichte und seine Mission, die Menschheit zur Erkenntniß des Einzigen Gottes zu führen, lehrt, ebenso weil sie Israel seinen höchsten Beruf lehrt, die Zeit des Messias herbeizuführen, da jedes Knie sich beugen und jede Zunge Treue schwören wird unterem Gott, da Er Einzig sein wird und Sein Name Einzig . . . Deshalb, meine Geliebten, veranlaßt Eure Kinder, jeden Morgen nach den Gebeten, oder zu einer sonst passenden Zeit, wenigstens ein Capitel aus der Bibel zu lesen, so daß es sich deren Gedächtniß einprägen möge. Die Gesetze sind erläutert und durch unsere Weisen illustrirt in dem mündlichen Gesetz. Letzteres lehrt uns, in welcher Art die geschriebenen Gesetze praktisch ausgeübt werden sollen. Es heißt auch „die Traditton", weil es eine Erklärung unserer Ges-tze ist, die von Generation zu Generation überliefert wurde, von der Zeit ab, in welcher sie ursprünglich verkündet worden war. Die Nothwendigkeit für cine solche Erklärung ist augenscheinlich. So befiehlt z. B. die Tora (veut. VI. 8): „Du sollst sie (diese Worte) binden als ein Zeichen an Deine Hand und sie sollen sein als Stirnbeleg zwischen Deinen Augen, und Du sollst sie schreiben auf die Thürpsosten Deines Hauses." Ohne das mündliche Gesetz würden wir nicht wissen, wie „die Worte" an unsere Hände, oder als Stirnbeleg zwischen unsere Augen gelegt oder wie dieselben an die Thürpfosten unseres Hauses geschrieben werden sollten. Alle Festtage sind bestimmt, an gewiffen Tagen des Monats gehalten zu werden Ohne das mündliche Gesetz würden wir nicht willen, welcher Monat gemeint ist und in welche Periode des Jahres dieselben fallen. Wir würden nicht wissen, wie wir den verschiedenen Vorschriften in Bezug auf Festtage und zahlreiche Anordnungen der Bibel ausführen sollten. Deshalb, meine Geliebten, leset jeden Sabbath den Wochenabschnitt in Hebräisch mit dem Targum oder einem leichten Commentar, oder wenn Ihr nicht genügend mit dem Hebräischen vertraut seid, leset ihn in Englisch und machet Euch — wenigstens am Sabbath — mit einigen Theilen unserer rabbinischen Literatur bekannt. . . . Den Mittelpunkt des göttlichen Gesetzes bildet das jüdische Haus. In ihrem Hause müssen Gatte und Gattin in Frieden und vollkommener Eintracht leben, unter allen Wechselfällen des Lebens, bei Sonnenschein und umwölktem Himmel. Hier müssen Vater uud Mutter ihre Kinder mit Elternliebe und Sorgfalt erziehen, für die sie wieder kindliche Liebe und Zuneigung erlangen. Hier müssen die Eltern auch ihre Kinder in die Satzungen unserer heiligen Religion einführen, sie mehr durch das Beispiel, als durch Worte und Lehren erziehend. Ich brauche Euch die Wichtigkeit der Erfüllung Eurer Pflichten, die Woche über, was auch immer Euer Beruf sein möge, durch Euren Fleiß, Eure unwandelbare Thätigkeit bei Eurer Arbeit, ob es ein Geschäft oder Handwerk sei, nicht an's Herz zu legen. Dieser Fleiß muß von stricter Unbescholtenheit, nicht nur in wichtigen, sondern auch in den -kleinsten Angelegenheiten gegenüber Glaubensgenossen sowohl, als gegen Nichtjuden begleitet sein. Diese Unbescholtei heit wird Euch einen guten Namen und die Glückseligkeit eines ruhigen Gewissens sichern, aber was noch von größerem Werth ist, sie wird beitragen zur Heiligung Gottes und zur Ehre Eures Glaubens. Was auch Euer Beruf sein möge, fahret fort, meine Lieben, wie ich weiß, daß Ihr es jetzt thut, jede Art von Unredlichkeiten zu verabscheuen, denn Unredlichkeit ist ein böser Krebsschaden, der an der Lebensfähigkeit des Hauses Israel zehren muß. . Sowie es Eure Pflicht ist, fleißig zu sein während der Werktage, so ist es Euch geboten, auszuruhen und Euch jeder Art Werkthätigkeit zu enthalten am Sabbath. Der Sabbath lehrt die großen Wahrheiten des Judenthums, der Sabbath war die Ursache uni' der Hauptqnell der Erhaltung Israels während der Jahrhunderte seiner Verfolgungen. Lasset ihn als solchen ein Tag der Freude und Befreiung von Sorge bleiben. Weihet ihn durch Eure Gedanken, durch eine höhere Ruhe, eine Ruhe, welche den Namen Gottes heiligt, durch treue Theilnahme an öffentlichem Gottesdienst, durch ein eifrigeres Studium der Tora, durch das Verhören Eurer Kinder und durch die Feststellung, welche Fortschritte dieselben in ihrer Kenntniß des Hebräischen und der Religion haben. Wenn Ihr ein frommes Leben führen werdet, so werdet Ihr den Strafen, vor welchen Gott die Sünder gewarnt hat, entgehen, und Ihr werdet Theil haben an den Segnungen, welche der Herr dem Individuum und der Nation versprochen hat Ihr werdet in dieser Welt das freudige Bewußtsein genießen, daß Ihr den höchsten Vorschriften Eures Gottes gefolgt seid, und später, wenn Eure Herzen, aufhören werden zu schlagen und Euer Fleisch nicht mehr sein wird, dann wird bestehen für immer die Seele, welche Geist von Gottes Geist ist — Euer ewiger Antheil, der beständig leben, der gesätttgt sein wird mit der Fülle der Freude und Glückseligkeit auf immerdar in Gottes Gegenwart. Ich bitte meine Söhne und Töchter, Schwiegersöhne und Schwiegertöchter, Enkel und Urenkelkinder, gute Juden und Jüdinnen zu sein und zu bleiben, ein Leben starker Moralität und treuer Beobachtung unserer Gebote in ihren Haushaltungen und in der Erziehung ihrer Kinder zu führen, so daß sie durch ihre frommen, tugendhaften und wohlthätigen Handlungen Anderen als Muster dienen mögen. Seid versichert, Gottes bester Segen wird Euch begleiten. Wirßland. Aus Warschau wird der „Köln. Ztg." unterm 25. Jänner geschrieben: Vor einem halben Jahre überzeugte sich die hiesige Polizei davon, daß Schüler der Handelsschule und einige Gymnasiasten vom Auslände Werke bezogen, die in Rußland verboten sind; der Inhalt war s o c i a l i st i s ch. Die Untersuchung ergab die Schuld 16 junger Leute im Alter von 15 bis 19 Jahren. Der Generalgouverneur G u r k o bestrafte die Uebelthäter mit 2 bis 3 Monaten Arrest. Die Ellern wandten sich mit einem eingehenden Gnadengesuch an den Zaren. Dieser schrieb eigenhändig auf die Bittschrift: für die Katholiken (Polen) ist die Strafe zu verfünffachen, für die Juden dreißigmal so hoch zu bemessen. Nur der eine orthodoxe Schüler erhielt keine Straferhöhung Dazu bemerkt die „Köln. Ztg.": „Diese Barbarei erscheint kaum glaubhaft." Warum? Jeder Tag bringt neue Beweise dafür,