Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 6 (6.2.1891)
- Date
- 1891-02-06
- Page
- Seite 105 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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VK. 6. Gejierreichrjche Zöochenjchrui ^eüe 105 Korrespondenzen. Wien, 4. Februar. Wiederholt ist bereits in der Oeffentlichkeit auf frühere intime Beziehungen des derzeitigen Antisemitenhäuptlings Cornelius Vetter zu dem Cultusvorsteher Salo Cohn hingewiesen worden. Tiefe Beziehungen beruhten auf der Pflicht der Dankbarkeit für eine Reihe außerordentlicher Wohlthaten, welche Herr Salo Cohn dem jetzigen Antisemitenführer zu einer Zeit erwiesen hat, da dieser noch ein armer Teufel war, und sich nur mit Hilfe jüdischen Geldes eine Existenz schaffen konnte. Es ist eine Anzahl von Briefen Vetters an Herrn Salo C o h n vorhanden, in denen Elfterer diese Wohlthat in überschwänglichen Worten anerkennt. Einer dieser Briefe wurde in der Gemeinderathssitzung vom 30. v. M. erwähnt und Herr Vetter erklärte darauf mit dem ihm eigenen Pathos eines schlechten Komödianten: „Ich erkläre, daß ich niemals und an gar niemanden einen Brief geschrieben habe, dessen ich mich zu schämen hätte. Der Brief vom Jahre 1879 oder 1880 ist ein Geschäftsbrief, aus einer Zeit, in der ich nicht im politischen kleben stand. Darin steht nichts anderes als von 5000 fl., die ich in der Bank Salo Cohns zu 5Vi Procent liegen hatte. In dem Briefe sieht gar nichts Persönliches, und wer mit diesem Briese droht, ist ein Erpresser. Der Brief des Herrn Vetter, in welchem von nichts anderem als den 5000 st. die Rede sein soll, die dieser in der Bank des Herrn Salo Cohn deponirt hatte, lautet wie folgt: Cornelius Vetter (vorm. A. Branvler) Buchhandlung, Antiquariat und Leihbibliothek, 1H., Hauptstraße 23. Wien, am 24, XII 1882. H o ch g e e h r t e r H e r r v. Cohn! Bezüglich der Hoffmann'schen Encyklopädie habe ich noch nichts erfahren. In zwei bis drei Tagen werde ich jedoch in der Lage sein, Ihnen bestimmte Mittheilungen machen zu können. Ter bei Herrn Springer und Cassel lagernde Compaß schwebt noch in der Frage und ich glaube kaum, daß derselbe behalten werden dürfte. Ich sage Ihnen, geehrter Herr von Cohn, nochmals meinen verbindlichsten Dank für Ihre freundliche Mühewaltung. N icht einer meiner Freunde würde sich in dieser Angelegenheit so warm angenommen haben. Ihnen, der lieben Frau Gemalin und Familie die besten Feiertage wünschend, verbleibe ich Ihr ergebener Cornelius Vetter. Künfhaus. (Feier des 70. Geburtstages des Rabbiners D r. S ch m i e d l.) In gewohnter bescheidener Abneigung gegen jede Ostentation hatte der ehrwürdige Seelsorger unseres Bezirkes allem Drängen gegenüber es entschiedenst verweigert, das Datum seines Geburtstages bekannt zu geben. Er beabsichtigte, diesen ernsten Tag nur in der Stille seines häuslichen Kreises zu verleben. Der Vorstand der Gemeinde jedoch wußte sich die Kenntniß dieses Datums anderweitig zu verschaffen und ging schaffenssreudig daran, diesen Tag zu einem großen Fest- und Freudentag der Gemeinde zu erheben. Die Damen der Gemeinde, an ihrer Spitze die Präsidentin des Frauenvereins, Frau Laura T a u s s i g und Frau Josefine Abele s, hatten schon Tags vorher die Amtswohnung des Jubilars auf das splendideste ganz neu ausgestattet und in einen farbenprächtigen Blumengarten umgewandelt. An dem unvergeßlichen Tage selbst begannen vom frühen Morgen an Depudationen von sämmtlichen in der Gemeinde bestehenden Vereinen und ebenso von heimischen und fremden Honoratioren theils durch künstlerisch ausgestattete Adressen und theils durch sinnige und werthvolle Angebinde den Gefühlen ihrer Verehrung Ausdruck zu geben. Halb 12 Uhr Mittags erschien der Gesammtvorstand der Gemeinde, eine prachtvolle Adresse und überaus prachtvolle Geschenke überbringend und warmherzige Ansprachen an den hier allseitig verehrten Jubilar richtend. Bald darauf wurde derselbe auch durch den persönlichen Besuch des gefeierten Predigers Herr Tr. Jelli nek erfreut. Inzwischen hatten Post und Telegraph Zuschriften und Sendungen in ungezählter Menge aus Rah und Fern gebracht. Endlich nahte die anberaumte Stunde des Festgottesdienstes. Sechs Uhr Abends begann das solenne Tempelfest. Seit seinem Bestände hat unser herrliches, weithin geräumiges Gotteshaus eine derartig dichtgedrängte festliche Menge in seinem Innern nicht gesehen. >1opf an Kopf gedrängt stand die unübersehbare Versammlung, in ihrer Mitte die Spitzen der politischen Verwaltung des Bezirkes, der Polizeibehörden, der Gemeinderäthe und der Lehrkörper aus den Mittelschulen. Der Wiener Cultusvorstand war vertreten durch seinen Präses Herrn Wilhelm Ritter von Gutmann und den Bicepräses Herrn Gemeinderath Simon, die dem Jubilar eine Adresse namens der Wiener Gemeinde übergaben. Ter Tempelverein zu Mariahilf erschien vertreten durch seinen Vorsteher Herrn Eisenberger und Herrn W. Fessler. Der Präsident des Vereines, Herr Architekt Fleischer, war leider durch Krankheit aws Bett gefesselt und richtete in gewohnter Sprachmächtigkeit eine geistvolle Zuschrift an den Jubilar. Auch der dortige Humanitätsverein halte seinen Vorsteher, Herrn Michael Winkler, und Herrn Pollitzer entsendet. Ebenso waren alle Bethänser der Vvrvrtegenieinden durch ihre Herren Vorsteher vertreten und auch von der Journalistik waren hervorragende Vertreter erschienen, darunter der verehrte Redacteur der „O österreichischen Wochenschrift". Nach den programmmäßig vorgetragenen Gesängen richtete eine talentvolle Schülerin der Bürgerschule und ein ebenso begabter Gymnasialschüler herzliche Ansprachen an den Gefeierten, worauf Herr Rabbiner Dr. Güdemann die Kanzel betrat und in formvollendeter, höchst geistvoller Rede die Bedeutung des Festes besprach, an deren Schluffe er eine gedankenvolle Stelle aus dem Buche Sansinnim vorlas, an die er seinen Herzenswunsch anknüpfte, den er dem Jubilar in scharfsinniger Weise aussprach. Die Spannung der dichtversammelten Menge erreichte ihren Gipfelpunkt, als endlich der Jubilar selbst auf die Kanzel trat. Anfänglich von der tiefen Rührung fast bewältigt, gewann die Modulation der Stimme doch bald wieder ihre gewohnte Frische und die hinreißende Wärme. Und als der Redner in markanten Zügen einen Rückblick auf die 22jährige hier zurückgelegte Laufbahn warf, die steilen Hügel, die erklommen werden mußten, aber auch die freundlichen Auen, die durchwandert wurden, lebendig zeichnete, und tute die Gemeinde aus bescheidenen Anfängen oft unter harten Kämpfen nunmehr zu einer lebenskräftigen Entfaltung und Blüthe sich emporarbeitete, da fand jedes Wort des Redners ein tausendfältiges Echo in den Herzen, und auch in den Thrünen der Hörer und Hörerinnen spiegelte sich die mächtige Wirkung sichtbar ab. Als zuletzt die großen Thürflügel der heiligen Lade, die reichgeschmücktea Thorarollen sichtbar werden lassend, sich aufthaten und der Jubilar noch immer auf der Kanzel stand in tiefergreifenden Worten sein Gebet an den Allvater richtete, das am Schluffe in innigen Wünschen für Kaiser und Vaterland austönte, da erbrauste in mächtigen Klängen und Tönen die Volkshymne, in die die ganze Versammlung mit einstimmte. Besondere Erwähnung verdient hier auch noch die Auszeichnung, durch die der Herr Jubilar im k. k. Staatsgymnasium zu Unter-Meidling überrascht wurde. Als er nämlich am 26. v. M. — einen Tag vor seinem Geburtsseste — in den Conferenzsaal des genannten Gymnasiums