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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-02-06 · 6 (6.2.1891) · p. Seite 102

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
6 (6.2.1891)
Date
1891-02-06
Page
Seite 102 (sequence 8)
Language
German
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Seite 102 Hesterreichische Wochenschrift Nr. 6 müthsverrohung offenbart, als die gräßlich aberwitzige Verleumdung, daß unsere Religion Mordthaten gebiete, um Christenblut für gewisse religiöse Ceremonien besonders cmt Passahfeste zu gewinnen. Bon Kaisern und Königen, von Päpsten und Bischöfen, von Reichstagen und Kirchenversammlungen, von Universitäten und Akademien, von Dichtern nnd Denkern, von den Gebildeten und Redlichdenkenden aller Stände und Confessionen als Lug und Trug gekennzeichnet, erstand das mittelalterliche Gespenst der Blutfabel, durch Bosheit und Aberglauben genährt, im hellsten Lichte der Gegenwart zu neuem Leben — ein hartnäckiger und steter Begleiter Israels auf seinen wechselvollen Gängen durch die Geschichte. Haben wir es ja in unserem „erleuchteten" Jahrhundert nicht nur bei dem Falle von Damaskus, sondern noch später bei der Farce von Tißa-Eßlar blutenden Herzens erleben müssen, wie die alte Rüstkammer des Judenhasses sich öffnete, die verrosteten Waffen, von Neuem geschliffen, unter dem Jubelgeheul der internationalen, verleumdungshungrigen Preßmeute monatelang über dem Leben unschuldiger Angeklagter schwebten und die Judenheit des ganzen Erdenrunds in Augst und Unruhe versetzten. Die Unglücklichen wurden freigesprochen, aber damit war der Hexensabbath nicht vorüber: das Gespenst ging weiter um und spukt noch heute im Hirn der Schwachköpfe, in den Brandreden der Hetzapostel, in den Spalten der antisemitischen Schandpreffe. Mn ordentlicher Professor der Theologie an der Universität Prag erbot sich im Anschluß an jene schmachwürdigen Vorgänge des Proeesses dem Gerichte in Nyiregyhaza zur eidlichen Aussage, daß „das Vergießen von Christenblut den Juden eine außerordentlich heilige Handlung sei." Reichsrathsabgeordneter Dr. Bloch hat das unverwelkliche Verdienst, diesen meineidsfrohen Fälscher und Verleumder entlarvt und an den Schandpranqer der öffentlichen Verachtung gestellt zu haben. Angesichts des den Lesern bekannten Ausgangs des „Processes Rohling-Bloch", angesichts des feigen Rückzuges des Prager Blutlügners und der gutachtlichen Zeugnisse der Professoren N öldecke und Wünsche, glaubte man erwarten zu dürfen, daß die aberwitzige Anklage verstummen, mindestens nicht mehr mit gleicher Dreistigkeit gepredigt werden würde. Diese Erwartung trügte: nach wie vor wurde das tolle Treiben mit satanischer Lust in Wort und Schrift fortgesetzt. Das Sittlichkeits-Vergehen eines notorisch Geisteskranken, das sich auf den ersten Blick als geschlechtliche Verirrung kundgab, wurde mit widerlichen Einzelheiten als untrügliches „Zeugniß für das Blutritual" ausgebeutet, bis das Gutachten der medicinischen Autoritäten das freche Lügnergesindel wieder einmal in die Schandecke scheuchte. Vorher schon war in Paris unter dem Titel „Le mystere du sang chez les Juifs“ (Das Blutmysterium bei den Juden) ein niederträchtiges Lügenbuch erschienen, das die alten Albernheiten wiederkäute und mft neuen zu stützen suchte. Sein Urheber, der Abbe Desportes, schicke dem Conglomerat von Fälschung und Verlogenheit einen warmen „Empfehlungsbrief" des Papstes Leo XIII. voraus, um unter dieser Contremarke. zumal bei der katholischen Welt, desto mehr Eindruck zu machen. Cardinal Manning. der edle katholisch-englische Kirchenfürst, hat diesen päpstlichen „Empfehlungsbrief" als infame Fälschung gebrandmarkt, und damit war das Schandbuch. wenngleich nicht völlig abgethan. so doch bei allen minder Unbefangenen anrüchig geworden. Auch die katholische Hetzpresse wagte es nicht mehr, ihre Anklagen mit dem also gekennzeichneten Desportes'schen Machwerk zu stützen, dagegen begann sie dasselbe Manoeuvre von Neuem, das sich schon früher als wirksam erwiesen: die angeblichen „Zeugnisse der G eschichte" mußten herhalten, alte Blutprocesse wurden aus dem Dunkel der Vergangenheit an's Tageslicht gezerrt, und waren die jüdischen Literaturquellen als makellos befunden worden, so bot doch die „Geschichte" einen weiten Spielraum zur uneingeschränkten Verunglimpfung, Schmähung und Verleumdung. Besaß man ja in dem 1475 gegen die Trientin er Juden geführten Processe ein „kostbares Mittel", das schon ftüher zu Hetzzwecken ausgebeutet worden und, wie die Blutlügner hofften, auch jetzt noch seine Wirkung nicht verfehlen konnte. Hier war einmal die „teuflische Mordlust" der Juden „unwiderleglich" festgestellt worden, hier hatten sie selbst es eingestanden, daß sie „zum Passahbrote das Blut eines Chriftenkindes verwendet" und am Passahabend „Christenblutunter gräulichen Schmähungen gegen Christen und Christenthum zu trinken verpflichtet seien"; hier hatten sie selbst bekannt, daß sie „den kleinen Simon zur Schmähung Christi verstümmelt, gemartert und gekreuzigt" hätten, hier konnten ihnen an dem corpus delicti, an der Leiche des Ermordeten selbst, ihre Schandthaten nachgewiesen werden, für die sie „nach Gebühr" Tob durch Rad und Scheiterhaufen erlitten. Wurde doch noch im vorigen Jahrhundert "in der Peterskirche zu Trient der Leichnam des Knaben als heilig verehrt und frommen Betern und Pilgern an dem zu Ehren des „Heiligen" veranstalteten Feste mit päpstlicher Zustimmung der Ablaß ertheilt. War es ja, um einen Zeitgenossen selbst reden zu lassen, „weltkundig, daß die Juden das Kind erbärmlich gemartert haben, um mit dem von ihm gesammelten Blut ihr Jubelfest zu halten, ihre Osterkuchen zu bereiten nnd dadurch von dem unerträglichen Gestank, mit welchem sie sonst behaftet, sich zu befteien." Zwar hat der keineswegs judenfreundliche Johann Christoph Wagenseil bei seinem Aufenthalte in Trient sich selbst von der Unversehrtheit der dort ausgestellten Leiche überzeugt und, nach Deutschland zurückgekehrt, in seinem 1705 zu Leipzig veröffentlichten Buche „Benachrichtigung wegen einiger die gemeine Jüdischheit betreffenden wichtigen Sachen" auf die Widersprüche der Berichte und auf seinen Sachbefnnd unter der Capitelüberschrift aufmerksam gemacht: „Unwidersprechliche Widerlegung der entsetzlichen Unwahrheit, daß die Juden zu ihrer Bedürsniß Christenblut haben müssen, welche so viel tausend dieser unschuldigen Leute um Hab', Gut, Leib und Leben gebracht." D?nnoch aber konnte im vollen Gegensätze hierzu selbst der fteisinnige Cardinal Ganganelli, der 1759 für die verfolgten Juden Polens gegen die Blutbeschuldigung auftrat, nicht umhin, den „rituellen Mord" der Trientiner Juden auf Grund der „authentischen Beweise" als wahre und wirkliche Thatsache zu bezeichnen. Wir standen dieser Ausschlachtuna des Trientiner Processes bisher machtlos gegenüber. Was nützte selbst das freisprechende Urtheil der ganzen Welt, was der Appell an den gesunden Menschenverstand, so lange der Proceß von Trient und seine bekannten Resultate als „nicht wegzuleugnende Wahrzeichen" der Schmählust Anhalt und Stütze bot? Und vielleicht heftiger als je tobt heute die Orgie des Hasses und der Verleumdung, lärmender als früher lassen einzelne katholische Hetzblätter ihre Fanfaren zur Blutjagd ertönen. Ist in der jüdischen Literatur keine Vorschrift für die „Kinder- Abschlachtung" vorhanden, so muß das in Trient „nachweislich befolgte Blutgesetz" eine „Geheimlehre" sein, die nicht schriftlich fixirt wurde, vielmehr „als Mysterium nur von den Eingeweihten gekannt und besonders gehütet wird." Es ist eine traurige Thatsache, daß selbst unbefangene Forscher und Laien, welche sonst jeden Zweifel in die Reinheit unserer . Lehre weit von sich weisen, angesichts des Trientiner Processes stutzig werden und zu der Ansicht neigen, daß wenigstens in diesem einen Falle von einigen Fanatikern das „rituelle Verbrechen" begangen wurde, für welches aber das Jndenthum und seine Bekenner nicht verantwortlich seien. Und wenn erleuchtete Geister in civilisirten Staaten von diesem Verdachte angekränkelt werden, dann kann es kaum überraschen, das in den Ländern des Ostens, wo ängstlicher Zweifel mit finsterm Aberglauben sich paart, die durch den Trientiner Proceß angeblich gestützte Blutanklage fast alljährlich neue Opfer fordert, und daß unsere Glaubensgenossen jedesmal bangen

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