Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 6 (6.2.1891)
- Date
- 1891-02-06
- Page
- Seite 101 (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 6 Hesterreichifche Wochenschrift Seite 10! noch niemals zu Gesichte bekommen habe und dessen SchriftleiteroderHerausgeber auchein st in Schloß Rosenau seineAufwartung ge m acht und gar stolz ein Bismarck- A n h ä n g s e l und andere Dinge demonstrativ an der Uhrkette getragen haben soll, gedruckt, und das „Bolksblatt" empfiehlt diese saubere Kost mit gesperrten Lettern seinem P. T. antisemitischen Publicum! Nie hat ein Politiker so unvermittelt durch jähen Uebertritt zu mehreren entgegengesetzten Parteien sichBortheile zu erringen gesucht, wiedies ebenhier geschehen! Nie ha * einPolitikerin einem Athem so verschiedenartige, sich schnür st racks widerspreche ndeDinge gleichzeitig versprochen und zu vertreten sich bereit erklärt! Mau gewinnt mit einem unsäglich peinlichen und traurigen Gefühle hievon den Eindruck eines politischen Gauklerthums. Ueber die geschäftlichen Praktiken Bergan i's sagen die „Unverfälschten Deutschen Worte" in einer Briefkasten- Notiz : Herrn M. St. Es ist Thatsache, daß alle Schriftleiter und Beamten des „Deutschen Bolksblatt" am 15. November die dreimonatliche Kündigung erhielten und daß die übliche Neujahrsentlohnung entfallen ist. An dieser Thatsache kann das im Abendblatte des „Volks blatt" vom 20. Jänner 1891 enthaltene Gewäsch unter dem Titel: „Gegen die Schädiger des „Deutschen Bolksblatt" durchaus nichts ändern. Da nun aber das „Bolksblatt" in der hier erwähnten Notiz darauf hinweist, daß das Eigenthumsverhältniß durck den Austritt der Herren H a u ck und L e h r n e r ein anderes geworden ist, so gibt uns dies Anlaß, die Frage zu stellen, warum „Ehren- Bergani" die Vorlage der von den genannten zwei Herren verlangten Bilanz des Unternehmens unter allerlei Borwänden wochenlang verzögerte, ja möglicherweise bis heute diese Bilanz den früheren Miteigenthümern noch nicht ordnungsmäßig vorgelegt hat. Die Zahl der Abnehmer des „Bolksblatt" in den Provinzen ist bedeutend zurückgegangen." Für all' diese Angriffe rächt sich nun Ehren-Bergani in seinem „Deutschen Volksblatt", indem er, obgleich mit den „Christlich-Socialen" verbündet, gegen Schönerer zur Bildung einer „deutschen Volkspartei" aufruft, welche „das weitgehendste Maß von Freiheit und volle Gleichberechtigung aller arischen Slaatsbürger" also auch der Czechen, Polen, Slovenen rc., anstreben soll. Herrschaft des deutschen Stammes in Oesterreich, dabei aber auch Gleichberechtigung aller Nichtdeutschen und Entrechtung der Junten — das ist das „deutsch - national - antisemitisch - christlich-social-österreichischschwarzgelbe" Programm Verganis. Ueber den Ringkampf zwischen Schönerer und Vergani gibt noch folgende Depesche des „D. V." aus Krems Aufschluß: „Krems, 31. Jänner. (Eigenbericht.) Abgeordneter Vergani hatte heute mit den Gewerbetreibenden von Krems eine Versammlung bezüglich Wahlbesprechung. Im Laufe der Versammlung wurde ein Telegramm von Schönerer überbracht, worin derselbe die Gewerbetreibenden auffordert, mit allen Mitteln gegen die Candidatur des Abgeordneten Vergani z u w i r k e n. Ueber Antrag des betreffenden Abgeordneten beschlossen nun die Gewerbetreibenden von Krems und Stein, am 15. Februar eine Versammlung des politischen Gewerbevereines einzuberufen, in der sämmtliche Candidaten angehört werden sollen. An Schönerer wird das Verlangen gestellt, all' die Verbrechen, welche erVerganivorzuwerfenhabe, anzugeben, über die der letztere sodann Rechenschaftzu legen hätte, da sich die deutschen Männer selb st ver stündlich einem unbegründeten Ukas nichtzu fügen gesonnen sind. IV. Steirische Separatisten. Während Schönerer an der Spitze der deutsch-nationalen Antisemiten die Parole ansgegeben hat, daß die Schule wohl eine christliche sein, aber im Uebrigen keine Schädigung erfahren dürfe, haben die Deutsch-Nationalen in Steiermark ein Programm aufgestellt, in welchem eine „religiös-sittliche Erziehung" und die Herabsetzung der achtjährigen Schulpflicht gefordert wird. Der Führer der Grazer Deutschnationalen, Dr Kummer, macht aber wieder selbstständige Politik und hat die Unterfertigung des obigen Programmes verweigert, weil ein von ihm beantragter Passus, betreffend die Forderung eines sacultativen Antisemitismus an Stelle des obligatorischen nicht ausgenommen wurde. Also „Fakultative Antisemiten" — das ist eine ganz neue Spielart! Y. Schönerer und Steinwender. Herr Steinwender läßt sich gerne den „ersten Antisemiten" nennen, obgleich er sich noch immer scheute, sich ausdrücklich zu den Grundsätzen des Antisemitismus zu bekennen. Er bat am Sonntag den Aufruf zur Bildung einer von Schönerer unabhängigen „deutschen Nationalpartei" veröffentlicht, in welchem er und seine Freunde versprechen, an den Grundzngen der bürgerlichen Freiheit, an der freien Schule und an der Erweiterung der staatsbüraerlichen Rechte festznbalten und den Parteien des klerikalen und feudalen Rückschrittes Widerstand zu leisten. Zum Schluffe aber erklärt er. daß seine Partei es auch den antisemitischen Den tschnat io nalen ermöglichen müsse, in derselben Raum fiir gemeinsame Arbeit zu finden. Diese Haltung, die freilich einer trockenen Pelzwäsche sehr ähnlich sieht, ist nicht nach dem Geschmacke des Herrn Schönerer. Er greift in seinem Organe Herrn Steinwender tüchtig an und wirft ihm vor, daß er sein „Fractionsinteresse" höher stelle als die nationale Sache. „Möge es", heißt es da, „der geehrte Herr Abgeordnete Steinwender nur offen eingestehen, daß er selbst ganz und voll von der Nothwendigkeit und Möglichkeit der sofortigen Lösung der Judensrage überzeugt sei, daß er aber aus Fractionsopvortunität nicht für angezeigt halte, dies Geständniß abzulegen, denn, wo käme dann der Unterschied zwischen ihm und der Sckwnerer-Partei her, was wäre das Schicksal der Fraction, die außerdem noch ganz offene Judenfreunde zu ihren Mitgliedern zählt?" * * * Das Bild, das wir hier vor der antisemitischen Wahlbewegung entrollt, zeigt uns eine grenzenlose Zerfahrenheit und Uneinigkeit im Lager unserer Gegner. Das Auftreten Schönerers hat die Luegerpartei geradezu consternirt, und ihre Anhänger erklären, daß durch die Stellungnahme Schönerers die Situation der Antisemiten in Wien eine höchst prekäre geworden sei. Es empfiehlt sich aber, auf diesen heillosen Zwiespalt nicht allzusehr zu bauen. Noch trennen uns vier Wochen von der Wahlschlacht und es ist ja eine alte Erfahrung. daß die verschiedenen antisemitischen Fractionen zwar getrennt marschiren. aber vereint — wählen. Die jüdische Wählerschaft muß mit aller Kraft und Entschiedenheit in den Wahlkampf eintreten, um sich ihrer Gegner zu erwehren und die Voraussage Pattais zu Schanden zu machen, daß die Antisemiten zwanzig Mann stark in den neuen Reichsrath eintreten werden. „Schachmatt de« MnNLgurr»." Bon Dr. Moritz Stern in Berlin. Aus der von Dr. H. Hildesheimer herausgegebenen „Jüd. Presse." Von allen Anklagen gegen Juden und Judenthum, welche, aus der Vergangenheit überkommen, bis in die jüngste Gegenwart hinein fortwirken,hat keine soviel Unheil angestiftet, so viel Familienglück zerrüttet, so zahlreiche Gemeinden vom Erdboden hinweggetilgt und unschuldige Menschen dem Flammentode überliefert, hat keine eine solche strotzende Fülle von! Gemeinheit und Niedertracht, von Geistesverirrnng und Ge-