Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 6 (6.2.1891)
- Date
- 1891-02-06
- Page
- Seite 100 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 100 .Hesterreichifche Wochmfchrist Nr. 6 r 1:; w. I* I'.' * : i: I 1; Schritt, und so war er denn im vorigen Jahre nach Linz gezogen und hatte dort sein klerikales Herz entdeckt. Nun war, so schien es, zwischen dem Prinzen Alois Liechtenstein und Herrn Dr. Karl Lueger nicht der geringste Unterschied mehr. Der wackere „Anwalt des kleinen Mannes", dessen Sollicitator am Weihnachtsabend Christusbilder pfändete, hatte die Aufgabe übernommen, die antisemiüsche Bewegung in Wien den Bestrebungen der Klerikalen dienstbar zu machen. Man durfte daher füglich erwarten, daß er bei seiner neuerlichen Candidatur die volle und rückhaltlose Unterstützung seiner neuen Freunde und insbesondere des Fürsten Liechtenstein finden werde. Thatsächlich war auch bei einer Versammlung in Ottakring, welche den Prinzen Liechtenstein zum Candidaten dieses Wahlbezirkes nominirte, Dr. Lueger anwesend und empfahl die Wahl des klerikalen Führers. Nichts destoweniger brachte das Leiborgan des Prinzen Alois L i e ch t e n st e i n, das „Grazer Volksblatt", am Donnerstag den 29. Jänner einen Wahlartikel, welcher folgenden vehementen Angriff gegen Lueger enthielt: „Lueger stört den confessionellen Frieden, treibt die Leute in den Racenhaß hinein und bringt dadurch neues Unglück über Oesterreich. Das ist in Ewigkeit kein Mann, den man unter die Regierungstreuen aufnehmen könnte. Fatal ist es freilich, daß seinePartei inWiensogroßenAnhang hat... Sie wird der Hecht im Karpfenteiche sein." Während somit das Organ des Fürsten Liechtenstein in Graz gegen Lueger donnert und ihn ein „Unglück für Oesterreich" nennt, läßt er sich-in Wien von demselben Lueger aufftellen und vertheilt mit ihm die Mandate der Reichshauptstadt. Das ist „christlich-sociale" Ehrlichkeit und Geradheit. II. Better und Lueger. Herr Cornelius Vetter hat seinem Freunde und Waffenbruder Lueger bei den jüngsten Landtagswahlen große Dienste geleistet. Die Candidatur des Pater Schnabl war damals in Folge der Gegnerschaft der Schönerianer und Vetterianer arg gefährdet. In letzter Stunde schwenkte jedoch Herr Vetter mit seinem Anhang zu Dr. Lueger hinüber, in der Hoffnung, daß dieser bei den Reichsrathswahlen seine (Vetters) Candidatur unterstützen werde. Herr Vetter aber ist nunmehr der „Geleimte". Sonntag abends fand auf der Landstraße eine Vertrauensmännerversammlung der dorttgen Antisemiten statt, bei welcher Vetter seine Candidatur anmeldete. Herr Lueger zog sich mit den Seinen zur Berathung zurück und die Herren debattirten unter Ausschluß Vetters über dessen Candidatur. Schließlich wurde die Candidatur Vetters abgelehnt. Es bestätigt sich somit, was Cornelius Vetter an Herrn Salo Cohn schrieb, daß keiner seiner antisemitischen Freunde sich seiner so warm anuimmt, als es einst ein Jude gethan. III. Schönerer und Bergani. Seit geraumer Zeit schon hat Schönerer mit der Obmannschaft des „Deutschen Volksvereines" wieder das Commando der Wiener deutsch-nationalen Antisemiten übernommen, in der ausgesprochenen Absicht, den Ehrenmann Bergani zu Fall zu bringen. Diese Absicht soll nun mit Anstrengung aller Kräfte durchgeführt werden. Sowohl die „Unverfälschte Deutsche Worte", als auch die „Ostdeutsche Rmrdschau" veröffentlichen Wahlartikel, in welchen entschieden gegen Bergani und Fiegl als „Verräther" Stellung genommen wird. „Die Partei," heißt es in den „Unverfälschte Deutsche Worte", „wird die Wiederwahl des verdienten Abgeordneten Karl T ü r t auf das kräftigste unterstützen, dagegen die Wiederwahl F i e g l s und V e r g a n i s entschieden bekämpfen." Und die „Ostdeutsche Rundschau" schreibt: „Die Partei wird, weil Abfall und Verrath den Grundsätzen der Makellosigkeit und Reinheit zuwiderlaufen, auch die weitere Pflicht erfüllen müssen, all denjenigen Mandatswerbern auf's entschiedenste entgegenzutreten und ihre Wahl zu verhindern, welche sich der genannten Verbrechen schuldig gemacht haben. Die Candidatur eines Fiegl und V e rg a n i wird daher mit allen Kräften bekämpft werden." Der brave Bergani hat indessen durch seine Theilnahme in einer in der Restauration Markus stattgefundenen Versammlung der Christlich-Socialen thatsächlich seinen Uebertritt zur Luegerpartei vollzogen, obgleich seine Leitartikel noch immer von deutschnationalen Phrasen überfließen, und die Schönererpartei tritt ihm auch schon in Krems und Langenlois entgegen. Von den Gesinnungen der Schönererpartei gegen Bergani und die „Christlich-Socialen" geben folgende Aeußerungen T ü r k s bei der Wanderversammlung des ..Deutschen Volksvereines" in Troppau, Zeugniß. Herr Türk sagte: „Es wird jetzt vielfach gegen unser nationales Programm und Vorgehen zur Geltung zu bringen gesucht, daß in letzter Zeit d i e vonunsentschiedenstbekämpfteRichtung, die durch Lueger, den Muß- oder NothantisemitenjüngstenDatums, mit seinem „Christlich-socialen Bereit und durch Bergani, mit seinen beiden Reclamemitteln, dem „Deutschen Bolksblatte" und dem „B o l s w i r t h s ch a f t l i ch e n B e r e i n", dann noch durch diekatholisch-politischen Vereine und das „Vaterland", repräsentirt und von vielen Politikern mit einem etwas derben, aber nicht unzutreffenden Worte gewöhnlich als die „W u r st k e s s e l p a r t e i" bezeichnet wird — bei den Gemeinde-, Bezirksausschuß- und Schulrathe-, sowie auch bei den Landtagswahlen wichtige Erfolge gegen die judenliberale Partei errungen hat. Ja, allerdings hat dieser „Partei-Mischmasch", der sich bald als „Bereinigte Christen", als „Slnttliberalt', dann wieder als „Christlich-Sociale" bezeichnet und innerhalb dessen Bergani mit dem „Volksblatte" an ungeraden Tagen auch noch seinen ..Deutschnationalismus" bombastisch auszuposaunen den sonderbaren Muth besitzt, bei den besagten Wahlen manche „Liberale" zum Falle gebracht, und theils durch Geistliche, theils durch andere Candidaten ersetzt allein in welcher Weise wurde diese Parteifusion zustande gebracht, wie wurden diese Erfolge errungen und worauf laufen dieselben hinaus? Die Fusion kam zustande durch das Fallenlassen und Preisgeben der deutschnationalen Sache und Grundsätze seitens desHerrn Berga n i u n d seines „Volksblatt" zurZeit dieser Wahlen. Er, der so oft das Linzer Programm auszelegt und erklärt hatte, daß er demselben auf ewig zugeschworen, stellte plötzlich das sogenannte Loyalitätsprogramm auf mit unentwegtem Einstehen für Thron und Altar, in dritter Linie sodann erst für das Vaterland und in letzter für die Nation, wobei nicht einmal gesagt ist, welcher Nation, sodaß sich derCzeche, Pole oder Italiener ebenso gut die seine darunter denken kan n,^ als derDeutsche. Mit allem Eifer kämpfte auch das „Deutsche Volksblatt" für die Wahl des Pater Schnabl, obwohl das Linzer Programm, das Bergani auch jetzt noch, allerdings nur an ungeraden Tagen zu bekennen vorgibt, die Wahl von Geistlichen in die Vertretungskörper ausschließt. Wie oft hörte ich selbst Herrn Bergani feierlich st und nachdrücklich st betheuern, daß Schönerer keinen treueren Anhänger als ihn besitze, und nun wird Schönerer im „Deutschen Bolksblatt" in niedrig st er Weise beschimpft und herabgesetzt, und was dem „Bolksblatte" noch zu gemein ist, das wird in einem anderen illustrirten Wische, den ich allerdings