Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 5 (30.1.1891)
- Date
- 1891-01-30
- Page
- Seite 92 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3020847-3020853--00100-3024071- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 92 Hesterreichische Kocheuschrift Nr. 5. Regen und die vorgeschricbenen Ermahnungen an das Volk öffentlich hersagen lassen. Möge jeder Einwohner Hebrons dabei erscheinen und sich an diesen Tagen nicht waschen, nicht arbeiten und keine Schuhe tragen: damit sich Gott unser erbarme!" Lls der Ausrufer geendet hatte erhob sich lautes Klagen und Weinen unter den Zuhörern, die Frauen schluchzten, und manche Männer hörte man rufen: „So straft uns Gott für die Sünden der Kinder der Welt, die seine Gebote nicht halten und die Sitten der Heiden nachahmen. Gibt es doch auch in manchen jüdischen Städten Abtrünnige, die mit den Heiden zusammen essen und griechische Bücher lesen. Wehe ihnen, daß sie solches thun und wehe uns, daß wir es ungestraft lassen." Durch den Menschenstrom fortgerissen war Simon in einen Stadttheil gelangt, der von dem nach Siph führenden Thore weit entfernt war. Um nicht denselben Weg durch die Stadt wieder zurückmachen zu müssen beschloß er durch das nächste Thor die Stadt zu verlaßen und dann außerhalb der Stadtmauer ") bis zur Straße, welche nach Siph führte, zu gehen. Es war eine stille und fast mensch.mle Gasse, eredurch die Simon seinen Weg nahm, um zum nächsten Thore zu gelangen, und ohne auf die Außenwelt zu achten schritt er dahin, über das eben Gehörte nachdcnkend. Ta schlugen aus einmal herrliche Töne an sein Ohr und er blieb unwillkürlich stehen, um zu horchen. Emzückt, bezaubert, nahm er die Töne in sich aus. die aus einem nicht weit vom Thore stehenden Häuschen zu kommen schienen. Solche süße in's Herz dringende Laute hatte er noch nie gehört. Was waren dagegen die Gesänge, welche an Feiertagen in der Synagoge gesungen wurden! „Mein Großvater hat mir oft von dem Gesänge der Leviten im Tempel erzählet", sagte er sich - „vielleicht ist es die Stimme eines Tempelsängers, welcher die Zerstörung des heiligen Hauses Gottes überlebt hat. Doch nein — das ist nicht die Stimme eines sterblichen Menschen. Aber der Großvater hat ja auch erzählt, daß, wenn die Leviten im Tempel ihre herrlichen Gesänge erschallen ließen, auch die Engel im Himmel Gott Loblieder anstimmten, mit viel prächtigeren und lieblicheren Stimmen und von noch besseren kunstvolleren Instrumenten begleitet. Das kann nur Engelsgesang sein was ich jetzt höre, und wie von himmlischen Saiten tönt die Begleitung." Ganz unbeweglich, weltvergessen und mit gespanntester Aufmerksamkeit hörte Simon zu, vergebens sich bemühend, die Worte des himmlischen Gesanges zu verstehen. „Ist das die Sprache der Engel?" — fragte er sich. — „Aber die Engel singen ja gewiß in der heiligen Sprache, in der die Bücher Moses und der Propheten geschrieben sind und die müßte ich ja verstehen." Erst das Verstummen des Gesangs entriß ihn seiner Verzückung. „Wie kann ich denn so dumm sein zu glauben," — sagte er sich — „daß die Engel noch Loblieder singen, nachdem die heilige Stadt verwüstet und der Tempel zerstört wurde." Doch er hatte nicht Zeit seine Reflexionen fortzusetzen, denn wieder erklang die herrliche Stimme, noch schöner und wundervoller wie zuvor. Bald klang sie schmetternd wie Morgengesana der Lerche, die sich zum Himmel emporschwingt, bald sanft flötend wie der Nachtigall AbenLlied. Und dazwischen tönten in süßem Accord die Saiten einer Lyra. Simon konnte sich nicht länger zurückhalten. „Ich muß den Mund sehen, aus dem diese Stimme kommt, rief er, sprang rasch über die Straße und stürmte die Stiege des Häuschens hinauf, aus dessen oberem Gemach der Gesang kam. Als er die Thüre öffnete, verstummte plötzlich der Gesang, die Sängerin wendete sich erschrocken um und hielt, als sie den Eindringling erblickte, die Lyra gleichsam zur Abwehr vor sich hin. Aber noch mehr erschrak Simon. Wenn er einen wirklichen Engel erblickt hätte, er wäre viell'icht nicht so bestürzt und sprachlos dageftanden, wie vor dieser zarten Mädchengestalt, die ihn mit ihren dunkeln großen Augen erschrocken anblickte und mühsam die Worte „was willst du?" in griechischer Sprache herausstieß. (Fortsetzung folgt.) *) Im Unabhängigkeitskriege wurde Hebron im Jahre 67 von den Römern unter Cerealis eingenommen und die Stadt eingeäschert. Die Mauern wurden aber, wie es scheint, nicht zerstört und auch die Häuser wurden später wieder hergestellt. (Bergt. Jesephus Jüd. Krieg lV. ö. 9.) Ueber den Erfurter Maler und Kunstgelehrte« Manaste Unger. Von Dr. Albert Pick. (Fortsetzung.) Danach waren seit Kurzem in der Galerie des königlichen Museums zwei Bilder aufgehängt, wovon man das erste, vorstellend eine felsige Landschaft mit einem Wasserfall, als Original des holländischen Meistcrs Jacob Ruisdeal, das andere, das Portrait eines Malers an seiner Staffelei, als von unbekannter Hand herrührend, angekauft hatte. — Der Kritiker kommt durch Vergleichung des ersten Bildes mit zwei unbezwcifelt echten Ruisdael'schen Gemälden zu dem Ergebniß, daß zwar die Manier des Meisters in jenem nachgeahmt sei, daß aber nicht der geringste Zweifel besiehe, daß man es hier nur mit einer mittelmäßigen Copie zu thun habe. Nun ist es von außerordentlichem Interesse, zu erfahren, wie die einsichtsvollen Bestrebungen Ruisdaels, die zu einem echt künstlerischen Resultate führen, von unserem Aesthetiker dargestellt werden. Ruisdael hat danach in der Natur das Gesetz des scheinbar Gesetzlosen gefunden: auch nicht die kleinste Partie der Blättermassen der Landschaft wiederholt sich bei ihm. Uni diese unendliche Mannigfaltigkeit der Natur wiederzugeben, dazu gehört nach Ungers Meinung eine schöpferische Phantasie, die nur der Meister hat. Die wenigsagende Fertigkeit und allgemeine Zerfahrenheit des Copisten zeigten sich schon an dem von ihm bemängelten Bilde bei Anwendung eines schwachen Vergrößerungsglases. — Auf die weitere Darstellung dieser Kritik muß ich hier, als zu zeitraubend, verzichten. Noch einmal kommt er an das angeblich Ruisdael'sche Bild in seinen „Kritischen Forschungen" zu sprechen und zwar bei Gelegenheit eines besonderen Paragraphen (§ 27, S. 285—312) über die damaligen Erwerbungen für die Bildergalerie des Berliner Museums. — So erlangte er den Ruf einer Autorität auf kunstwissenschaftlichem Gebiete und in einer Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses wurde auf ein Gutachten von ihm hoher Werth gelegt. Wenn unser Kunstkenner auf solche Weise — unbekümmert um Freundschaft oder Feindschaft der Menschen — durch rücksichtslose Aufdeckung begangener Fehler der Wissenschaft der Malerei nicht wenig genützt hat, lo liegt doch seine Hauptbedeutung auf dem Gebiete der K u n st p h i l o s o p h i e. Sein wichtigstes hierher gehöriges Werk ist betitelt: „D a s Wesen der Malerei, begründet und erläutert durch die in den Kunstwerken der bedeutendsten Meister enthaltenen Principien. Ein Leitfaden für denkende Künstler und gebildete Kunstfreunde."*) Der Verfasser sandte ein Exemplar des Buches der königlichen Akademie der Künste in Berlin, welcher es zugeeignet war, und erhielt daraufhin ein Dankschreiben vom 8. September genannten Jahres welches die Unterschriften des Vice-Directors Profeffor Herbig und des Secretärs, des Geyeimen Regierungsrathes E. H. Tölken trägt. Die wenigen Zeilen dieses Schreibens lauten: „Die Akademie dank; Ew. Wohlgeboren ganz ergebenst für das mit gefälligem Schreiben vom 26. v. M. ihr übermittelte Werk „Das Wesen der Malerei rc.", dessen Widmung die Akademie erst jetzt nach dessen Erscheinen nach seinem vollen. Werthe würdigen kann, indem dieses Werk Ihrer Kenntniß der Kunst und Ihrer Beurtheilung der Meister derselben zur Ehre gereicht." — In einer 1852 geschriebenen Kritik dieses Werkes sagte Franz Kugler, daß der Verfasser den durch dasselbe erlangten Ruhm mit vielen Nacharbeitern werde theilen müssen. Damit ist aber das Werk als thatsächlich bahnbrechend bezeichnet. Ferner sind in der bekannten Aesthetik von Bischer, bei Besprechung der Malerei, Ungers Ideen über Farbenverhältnisse nicht selten wörtlich citirt. Als Ergänzung zu diesem Buche' ließ Unger 1865 ein Werk erscheinen unter dem Titel: „Kritische Forschungen im Gebiete der Malerei alter und neuer Zeit. Ein Beitrag zur gründlichen Kenntniß der Meister." Das Werk hat der Verfasser dem Meister Peter von Cornelius, „seinem werthen Gönner", gewidmet. Er behandelt darin in drei Abschnitten die venezianischen, die spanischen und niederländischen Meister und endlich einige Künstler der Jetztzeit — nämlich Adolf '*) Dasselbe erschien im Jahre 1851 zu Leipzig, bei Hermann Schultze.