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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-01-30 · 5 (30.1.1891) · p. Seite 85

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
5 (30.1.1891)
Date
1891-01-30
Page
Seite 85 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 5 Gesterreichische Wochenschrift Seite 85 Lehrer, und nur eine russische Uebersetzung des „Telemach" stand ihm zur Bersügung. Er lernte das Buch auswendig und sagte die einzelnen Seiten einem armen alten russischen Juden vor. Das ist charakteristisch sür den Eifer und Wissensdrang S ch l i e m a n n s. Nachdem er die russische Sprache vollständig beherrschte, ging er nach Rußland, wo er Millionen an Baumwolle und Indigo durch Speculationen verdiente. Dies Geld verwandte er später dazu, seine Ausgrabungen auszndehnen und, wie er selbst sagte, trug seine Frau, eine Griechin, sehr viel zu feinen Erfolgen bei, indem sie ihm bei den Ausgrabungen behilflich war und den Homer studirte. Im Jahre 1880 hatte die antisemitische Bewegung in Deutschland begonnen, und es ist nicht überraschend, daß wir auch darüber sprachen. S ch l i e m a n n sagte, er könne es nicht verstehen, wie gebildete Menschen solch eine verabscheuungswürdige Bewegung dulden könnten. Er für seinen Theil schätze die Juden sehr hoch, und wo immer er ihnen auch begegnet sei, hätte er sie achten gelernt. Unter seinen Freunden in Athen waren viele Juden, und er lobte ihren Fleiß und ihre Kenntnisse sehr warm. Vor einigen Jahren, so erzählte er mir, hatte er mit Bismarck in Karlsbad eine lange Unterhaltung über die Juden, und er (S ch l i e m a n n) hatte sich in derselben Weise Bismarck gegenüber geäußert. Bismarck fragte ihn, ob er nicht bemerkt hätte, daß die Juden gesünder als die Christen und für epidemische Krankheiten weniger empfänglich wären. S ch l i e m a u n stimmte dieser Meinung bei und sagte, daß dies seiner Ansicht nach in dem mäßigen Trinken seinen Grund hätte und in den Speisegesetzen, die in der Wahl der Nahrung Vorsicht bedingen. Surinam. . Der gefeierte Amerikareisende, Herr Dr. Joe st, hielt jüngst im ethnographischen Verein zu Berlin einen Vortrag, in welchem er u. a. sagte, daß Surinam, die holländische Besitzung in Guyana, ein fast ganz jüdischer Staat sei. Die herrschenden Familien des Landes sind fast ausschließlich Nachkommen holländisch-portugiesischer Eltern, welche vor 200 Jahren dahin auswanderten. Außer dem Gouverneur, den das Mutterland dahin entsandt hat, sind fast alle Civil- und Militärbeamten Juden. Nur *»,. oder 17 der weißen Bevölkerung besteht aus Christen. Deshalb heirateten die weißen Einwanderer Negerinnen oder Indianerinnen, was die Juden nicht thaten. Eine jüdische Malerin. Unsere Glaubensgenossen haben Grund, auf die Auszeichnung, welche einem ihrer Mitglieder aus dem schönen Geschlechte durch Zuerkennung eines Preises sür Landschafts¬ und Blumenmalerei zutheil wurde, stolz zu sein. Frl Auerbach ist der Name der jüdischen Künstlerin, die sich des ausgesprochenen Beifalls des Präsidenten der königl. Canadischen Akademie, des Herrn Professor Jacobi, zu erfreuen hatte. Nach dessen maßgebendem Urtheile ist es nicht nur die Naturtreue, welche ihre Blumengruppen so reizend gestaltet, sondern auch der poetische Hauch, der über denselben ausgebreitet, sie so besonders charakterisirt. Im Atelier des Frl. Auerbach kann man stundenlang verweilen, ohne im geringsten zu ermüden. Eine ihrer reizendsten Schöpfungen ist ein großes Oelgemülde, ein Stiefmütterchenbouquet auf einem Lichtschirm darstellend, welches jedem Salon zur Zierde gereichen würde. H. St. Korrespondenzen. Wien. (La6i11usallti86witi6U8mi!itari8.^ Mit Bezug auf die in der letzten Nummer unseres Blattes unter diesem Titel enthaltene Notiz werden wir von berufener Seite ersucht, zu constatiren, daß die Zurückweisung der betreffenden Familie lediglich mit Rücksicht auf die räumlichen Verhältnisse des Balllocales erfolgte. Zum Beweise dessen wurden ans dem gleichen Grunde auch mehrere Familien mit rein arisch klingenden Namen zurückgewiesen. Daß dieses Ballfest nicht, wie angegeben, j u d e n r e i n war. erhellt wohl aus dem Umstande, daß zahlreiche Beamte und Familien israelitischen Glaubensbekenntnisses anwesend waren und dem Tanzvergnügen bis zum frühen Morgen huldigten Es gereicht uns zum besonderen Vergnügen, bei dieser Gelegenheit feststellen zu können, daß der LaeilluZ antisemiticus in der k. und k. Armee im Allgemeinen und in der betreffenden Militürbeamtenbranche insbesondere, dank den militärischen Disciplinen und den von humanstem Geiste beseelten Intentionen der maßgebenden Kreise, eine Verbreitung unbedingt nicht finden kann. Wien, 27. Jänner. (Ein Opfer der Antisemite n.) Wiederholt sind in jüngster Zeit ehemals geachtete Wiener Bürger als Angeklagte vor den Schranken des Gerichtes erschienen, welche ihr Vertrauen auf die Versprechungen der antisemitischen Wortführer mit ihrer Existenz und ihrem ehrlichen Namen bezahlen mußten. Bor Kurzem wurde ein ehemaliger Landstraßer Anstreichermeifter, dem die volksbeglückenden Phrasen der Herren Lueger und Vetter derart zu Kopfe stiegen, daß er sein Geschäft vernachlässigte und schließlich als Gehilfe sein Fortkommen suchen nmßte, wegen Veruntreuung zu schwerem Kerker verurtheilt. Der arme Mann verwünschte im Gerichtssaale den Tag, an dem er mit den Propheten der neuen Heilslehre in Verbindung getreten war. Ein ähnliches Schauspiel bot die gestrige Verhandlung gegen den Gastwirth „zur deutschen Eiche", Herrn Josef Kaiser. Schon vor Jahresfrist ist eine Wiener Restauration, die Ansbacher Bierhalle zugrunde gegangen, weil dieselbe zum Tummelplatz der Antisemiten geworden war. Von den — Schulden, welche diese machen, kann man aber nicht leben, das sollte auch Herr Josef Kaiser erfahren, der nach kurzem Bestände das Gasthaus „zur deutschen Eiche" schließen mußte und gestern wegen Crida verurtheilt wurde. Als Ursache seines Ruins führte Kaiser foldendes an: Als der Häusercomplex in der Beatrixgasse fertig war. da drangen seine Freunde von der antisemitischen Partei, mit der er in lebhaftem Verkehr stand, in ihn, die Stelle eines Geschäftsführers im Gasthause seiner Mutter aufzugeben und die „Deutsche Eiche" auf eigene Kosten zu übernehmen. Man spiegelte ihm vor, daß sich in jenem Neubau eine große Druckerei und die Redaction des „Deutschen Volksblatt" befinde und von dorther ein großer Zuspruch von Gästen zu erwarten sei. Er entschloß sich mit einem Capital von 4000 fl., der Mitgift seiner Frau, auf den Vorschlag einzugehen. Es gelang Kais e r, sich die Einrichtung zu verschaffen, und im August 1889 eröffnete er das Geschäft. Anfänglich ging dasselbe ausgezeichnet, aber bald war das Local durch das Treiben der Antisemiten in Verruf gekommen. „Ich hatte", erzählt Kaiser, „die Mitglieder des „Germanenbundes" bei mir als Gäste. Es kam jedoch bald unter ihnen zu politischen Differenzen, die Scandale im Gefolge hatten. Es fielen Schlägereien vor im oberen und unteren Local, sowie auch auf der Gasse. Es bildeten sich zwei Parteien, und das hat meinem Geschäft sehr geschadet. Gar bald blieben mir auch die anständigen Gäste, die Professoren und Beamten des Thierspitales, aus, sie fürchteten sich, geschlagen und insultirt zu werden; nach diesen schließlich auch die Antisemiten." So mußte denn Kaiser nach kurzer Zeit in Concurs gehen. Er wollte nun die ausstehenden Gelder ein-

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