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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-01-30 · 5 (30.1.1891) · p. Seite 82

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
5 (30.1.1891)
Date
1891-01-30
Page
Seite 82 (sequence 8)
Language
German
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BBaggwi Seite 82 Hesterreichische Wochenschrift Nr. 5 wiffen die Dunkelheit, die über längstvergangene Vorfälle gebreitet ist, sehr wohl zu schätzen. „Ich bin ein ehrlicher Mann," das ist gewöhnlich das Um und Auf ihrer Selbstbekenntnisse und in der That! ein ehrlicher Mann sein, das heißt sehr viel in trüben Zeitläufen; und unter Umständen bedeutet es aber auch zu wenig, besonders dann, wenn die Ehrlichkeit nur auf den guten Glauben der Mitbürger angewiesen bleibt und das Beweismaterial einer Gerichtsverhandlung zu scheuen hat. Für unsere bewegte Zeit ist die Erscheinung des Ehrlichkeitsprotzen höchst charakteristisch und mich dünkt deren Beziehung zu dem bekannten Sprichworte „Ehrlich währt am längsten" — weil es am wenigsten gebraucht wird — nicht allzuferne liegend. Die erprobte Ehrlichkeit ist heutzutage ein Adelsbrief; Grund genug für die Strauchritter, sich desselben mit allen Mitteln zu bemächtigen. Meiner Auffassung nach wurde Polonski in Halbasien geboren und aufgezogen; das Product einer Raffenmischung, der — eine Folge der Verbindung von speculativer Lüderlichkeit und brutaler Leidenschaft— alle schlechten Eigenschaften heterogener Raffenelemente vererbt worden, gewöhnte er sich daran, die Welt als eine Beute zu betrachten. Seine meisten Handlungen sind durch Willkür, Habsucht und Rohheit gekennzeichnet, er tyrannisirt seine schwächeren Altersgenoffen und gewinnt durch Verschlagenheit auch die Herrschaft über die Stärkeren. Pochend auf seinen kräftigen Körper, brüstet er sich mit seinen Erfolgen als Wüstling. Jede Unmäßigkeit gröbster Sorte ist ihm eine Spielerei, und seine Ausdauer gibt ihm mit der Ueberzeugung, daß er ein ungewöhnlicher Mensch sei, ein Gefühl der Ueberlegenheit. Zum großen, aber auch berchtigten Manne fehlt ihm nichts als — der Geist. Sein Kopf beherbergt nur eire Dosis halbasiatischer Schlauheit und sein Herz ist leer wie eine Sandsteppe. Er spielt, trinkt und verführt Weiber; er ftagt niemals nach seinem Einkommen, er findet jedoch immer Mittel, die Ausgaben zu ermöglichen. Er ler.lt nichts; aber er versteht es. sich Vorcheile anzueignen, und vor allem die vortheilhafte Lebensregel, das Gewissen nur als überflüssigen Ballast zu betrachten. Ueber moralische Bedenken und derlei Sonderlichkeiten einfältiger Narren ist er mit steigender Fähigkeit hinweggeglitten. Er verstand es meisterhaft, sich schmiegsam bestehenden Verhältnissen anzuschließen und dann in denselben nach Belieben zu schalten. So findet er als Beamter in Halbasien Gelegenheit, über die Wiederherstellung Polens zu declamiren und sich einen entzückten Kreis begeisterter Verehrer zu schaffen. Eine Speculation treibt ihn nach einer fernen, von Heimat weitab gelegenen Gegend — augenblicks wirft er seine frühere, so scharf betonte Nationalität ab und accommodirt sich der neuen Umgebung. Seine Herrschsucht und seine Geschmeidigkeit lassen ihn auch hier Mittel und Wege finden, aus der Allgemeinheit emporzutauchen. Er heiratet, weil es seinen Zwecken entspricht und gewinnt durch Rücksichtslosigkeit und die bereits angedeutete Weite seines Gewissens ein Besitzthum. Jetzt endlich hält er einen Theil der Beute, die unermeßlich vor ihm liegt, in Händen; nun fühlt er auch die praktische Bedeutung der Ehrlichkeit. Entschloffen provocirt er die Achtung und das Vertrauen seiner Mitbürger und der verblüffte Mob hebt ihn auf den Schild. Noch ein Schritt, eine günstige Conjunctur und der „Bolksfteund" hält seinen Einzug in die Mauern der Reichshauptstadt — -Weißt Du, lieber Freund, was eine Zeitung ist? eine täglich erscheinende, politische Zeitung? Dir gewährt es eine besondere Befriedigung, wenn der Welt ein Lob Deiner Bilder in Druckerschwärze vor Augen gerückt wird, ich empfinde eine helle Freude über die ehrenvolle Erwähnung meiner Bücher durch die Kritik, und wir beide sind so naiv zu glauben, daß die Bedeutung unserer Werke die allmächtige Presse zu dieser Aufmerksamkeit zwingt. Wir vermögen es nicht, uns dem Zauber des gedruckten Wortes zu entziehen, obgleich wir gewohnt sind, uns zu den ganz gescheidten Leuten zu zählen. Warum wundern wir uns also über die urtheilslose Menge, die in sklavischer Furcht und Anbetung vor der „öffentlichen Meinung" auf dem Bauche liegt und in feiger Hilflosigkeit alle Ausbrüche der Preßtyrannei über sich ergehen läßt?! Die heurige Preffe ist eine Großmacht, die sich auf die Dummheit und Medrigkeit ihrer Unterthanen stützt, eine Macht, die alle Welt besteuere und ihre Steuerträger in erbärmlicher Botmäßigkeit hält; sie ist die Gewalt ohne Verantwortung, die Willkür ohne Straffälligkeit, ein schamloses Plagiat der fteien, unabhängigen Ueberzeugung, eine freche Fälschung der öffentlicken Meinung, die von ihr betrogen, ausgebeutet und brutalisirt wird. Sollten wir es unbegreiflich finden, daß diese Presse allen maßgebenden, einflußreichen und gewinnziehenden Factoren im modernen Staate Schergen- und Maklerdienste leistet? Kann es uns überraschen, wenn Streber und Spekulanten sich der Presse versichern und deren Unterstützung mit Gold aufwiegen? Dürfen wir erstaunen, wenn der moderne Volksbeglücker darnach trachtet, über ein Werkzeug zu verfügen, das ihm gestattet, im Namen des Volkes dieses über das Ohr zu hauen? Und dann: die heutige Preffe ist vor allem ein Geschäft, unter Umständen ein glänzendes Geschäft — ist es da nicht selbstverständlich, daß sich unser Volksfreund beeilt, das Geschäft für seine eigene Rechnung zu machen? Oh, in dem Gorillaschädel unseres Polonski reift ein feiner Plan; dieser protzige Ehrenmann ist nicht so dumm wie er aussieht. Er hat nichts und will alles haben er ist nichts und will alles sein — woher nehmen und nicht stehlen?! Er muß das Geld anderer Leute in seine Taschen bringen, und als berufener „Volksfreund" findet er bald die sicherste Einbruchsmethode, er macht sich zum Bankier des Volksvertrauens. Die Sache ist ja ungeheur einfach! Man braucht sich nur geschickt und unverfroren ver allgemeinen Stimmung zu bemächtigen. Die bestehende Presse ist korrupt — man donnert gegen die Corruption, die bestehende Presse ist verlogen, unehrlich, habgierig — man verspricht Wahrheit, Ehrlichkeit und Uneigennützigkeit. Man verspricht das, wohlgemerkt, aber man hält das Versprechen natürlich nicht. Höchst einfach und schlau! Die bestehenden Geschäfte müffen discreditirt und bekämpft werden, um jede Concurrenz für das eigene Geschäft zu unterdrücken. Die Corruption ist todt, es lebe die Corruption! Auf großen Placaten an den Straßenecken und Ankündigungs tafeln, in zahllosen Parteiversammlungen und allen Privatkreisen, wo es nur möglich, wird zur Gründung eines „unabhängigen" Blattes aufgefordert, das einzig und allein den Interessen des Volkes dienen soll, wahrhaft, ehrlich und uneigennützig! Und Polonski gründet die „Volkspresse". Der Mann, der nebst vielen anderen hervorragenden Eigenschaften auch die besitzt, nicht orthographisch schreiben zu können, wird Eigenthümer, Herausgeber und — Chefredacteur eines anticorruptionistischen Tagblattes. Warum auch nicht? Polonski ist ungebildet, roh, gewissenlos, habgierig, stiernackig, unverfroren, bestechlich und feig — er verfügt demnach über eine geradezu glänzende Befähigung zur Leitung eines anticorruptionistischen Organes mit der Devise: „Alles für das Volk, alles durch das Volk!" — — — — — — — — Ich lasse mir es angelegen sein, die Redactions^ führung der „Volkspresse" nach der Natur zu zeichnen. Polonski befindet sich auf dem Gipfel der Anrüchigkeit, er fühlt sich etwas unbehaglich auf dieser schwindelhaften Höhe, aber seine Unverschämtheit wächst nur mit dem Gefühle der Unsicherheit, und er ist nach seinem eigenen Ausspruche entschlossen, seine Gegner wie Würmer zu zertreten. Es gelingt ihm, die ehrenhaften Elemente seiner Redaktion, die er anfänglich in kluger Berechnung herangezogen, auszumerzen; er duldet nur mehr treue Diener um sich, d. h. eine Schaar von Bedientenseelen, die sich um einen Hungerlohn eifrigst bemühen, ihren Herrn und Gebieter an Charakterlosigkeit und Unfähigkeit womöglich zu übertreffen. Diesem erlesenen Stab von Mitarbeitern ist die Bekämpfung der Corruption und die Wahrung der Volksintereffen anvertraut. Der Erfolg übertrifft alle Erwartungen. Es wird mit einer Entschiedenheit gelogen, verdächtigt und verleumdet, daß selbst die notorisch corrumpirten Blätter über die Concurrenzfähigkeit des neuen Unternehmens erstaunt sind. Beschimpfungen, Entstellungen, Verdrehungen und — Berichtigungen füllen die Spalten der „Volkspresse"; der übrige Inhalt aber glänzt durch die Abwesenheit jeglichen Geistes. Wissenschaft, Kunst und Literatur existiren für diese Leute nur, um fabelhaft stramm ignorirt zu werden, und die Politik des sauberen Blattes gipfelt in dem wackeren Grundsatz: munclus vult äecipi, ergo cteeipiatur!- -Ueber das Ende meines biederen Volksfreundes bin ich noch immer nicht völlig im Klaren. An den Galgen, den er unzweifelhaft verdient, ist ec nicht so leicht zu bringen, denn es ist ziemlich unwahrscheinlich, daß der geriebene Hallunke mit dem Strafgesetze soweit in Conflict komm en sollte, um eine schmähliche Hinrichtung

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