Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 5 (30.1.1891)
- Date
- 1891-01-30
- Page
- Seite 81 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5 Hesterreichifche Wochenschrift Seite 81 das Volk, alles durch das Volk" in einer classischen Form, in photographischer Treue gezeichnet wird. Wer wohl diese hervorragende „Persönlichkeit" aus der anticorruptionistischen Partei, welche zu diesem mit großer Feinheit und einem umbarmherzigen Realismus gezeichnetem Bilde Modell gesessen sein mag? Vielleicht wäre Herr E r n st V e r g a n i in der Lage es zu wissen, wer der „Gezeichnete" ist. Das erwähnte Feuilleton hat folgenden Wortlaut: Der UolKsfrerrnd (Aus Briefen eines jungen Romanschreibers.) - — — — Endlich Hab' ich die Canaille! Kennst Du, lieber Freund, die wilde Freude des Jägers, der unermüdlich und rastlos die Spur eines gefährlichen Raubthieres verfolgt und endlich die Bestie schußgerecht vor sich sieht? Diese triumphirende Jagdlust hat mich erfaßt. Ich habe den Helden meines Romanes aufgespürt, das lebende Original! Ein Prachtexemplar jener Gattung Menschen, die in der Zeitgeschichte zuweilen eine auffallende traurige Rolle spielen und deren Charakter und Handlungsweise die Auswüchse der Epoche wiederspiegelt. Du niußt ihn sehen, diesen unvergleichlichen Kerl, um meinen entzückten Ausruf zu begreifen: Ich habe die Canaille! Ach, ich sage Dir, ein Lumpenhund, der mich geradezu begeistert! Stelle Dir vor: Ein Filzllumpen, an dem zwei verdrehte Elephantenbeine stecken, und auf dieses plumpe, ungeschlachte, rohe Postament, das an die Leiber asiatischer Götzenbilder erinnert, ist ein zottiges Haupt gepreßt, dessen Antlitz die Brutalität eines Gorilla und die Gier eines Wehrwolfes ausdrückt. In den Augen lauert die feige Lust, auf den Lippen sitzt schmatzende Genußsucht und in den Falten der niederen Stirne hängt störrisches Mißtrauen. Welch' ein unvergleichliches Modell für Deinen Carricaturenstift! Dein tödtlicher Griffel wird den dunklen Ehrenmann schonungslos auf's Papier strecken und das Porträt wird die Zierde meines Buches. Ich will mir Mühe geben, Deiner Treffsicherheit nachzukommen, und dann soll man sagen: Hier hat die Kunst Gerechtigkeit geübt! -Im Herzen der Republik gährt eine mächtige Bewegung, das Volk grollt. Jahrhunderte lang durch ein wirthschastliches Schwindelsystem drangsalirt und ausgebeutet, empfindet es endlich die Schmach seines unerträglichen Zustandes. Die Wohlfahrt des Landes ist untergraben, die höchsten Güter des Lebens sind nur mehr für Reichthum und Humbug zugänglich, die Masse erscheint verdammt zu ewiger Sclaverei. Das Speculantenthum reißt in schamloser Frechheit alle Macht an sich. Aemter und Würden ruhen meist in gedankenarmer, liebedienerische Schlafmützen gesinnungsloser Creaturen, und eine seile, entsittlichte Presse leistet den Bedrückern Handlanger- und Kupplerdienste. Eine nette Gegend, nicht wahr, Verehrtester? Nun, in dieser Gegend spielt meine Geschichte. Es ist eine schöne Sache, um die Volksbeglückungsmaschinerie, so man modernen Staat heißt: bedauerlicherweise ist nur das Volk nicht immer einverstanden. Es muß sich fügen, sagen die weisen Herren, die am Steuerruder stehen und in's Blaue hineinsegeln. Und wenn es sich nicht fügen will? „Das Volk steht auf, der Sturm bricht los," declamirt der begeisterte Sänger; aber die Herren am Steuer lächeln überlegen. Sie wisieu das bester, sie haben eine Armee zu ihrer Verfügung; hunderttausende Bajonnette gehorchen auf einen Wink. Das ist auch ein Theil der Bolksbeglückungsmaschinerie, der die wohlklingende Bezeichnung „Bolksheer" führt und vortrefflich functionirt. Und warum sollte das Volk nicht durch sein eigenes Heer zur Vernunft gebracht werden? . . . Man nennt das Constitutionalismus und die sogenannten Volksvertreter wissen ganz genau, was das ist. Eine sehr merkwürdige Zeit, lieber Freund! Immer ist vvm Volke die Rede, aber die'es Volk hat nichts zu reden. Nur hat es zufällig einmal auch nichts mehr zu essen, dann — ja — dann murrt es, eh' . ß ., und dann werden Maßregeln getroffen. Aber in unserer Gegend, ich meine in der Gegend unseres Romanes, da ist das Murren bedenklich angewachsen und die Maßregelung nützt nicht viel, im Gegentheil: das Volk reißt den Mund auf, es redet noch immer nichts, aber es hört. Das hungrige Volk schnappt gierig nach jedem Bissen, der ihm vorgehalten wird, es schnappt wie der Karpfen nach der Lockspeise, oder es kommen Lente, die ihm etwas — versprechen. Das sind die Delicassenhändler, die Volksfreunde. Sie halten Reden. Sie erzählen von üppigen Tafelfreuden, von köstlichen Leckerbissen; das Volk jubelt ihnen zu und die Händl-r machen glänzende Geschäfte Das Volk sättigt sich an den bezaubernden Schilderungen von Genüssen, die es niemals kennen lernt, und seine Freunde behalten die angepriesenen Delicatessen für sich: das Volk frißt Wuth, trinkt Erbitterung, und seine Freunde genießen das Vertrauen und stopfen sich mit fetten Pfründen; das Volk erhält ein Versprechen, der Händler ein Mandat Ah, die Gelegenheit, ist günstig. Eine Schurkenbande hat das Volk bestohlen, beraubt, und da kommen andere Schurken, welche der ersten Banditengesellschaft den Raub abjagen wollen. Und wenn es ihnen gelingt, dann erhält das Volk sein Eigenthum zurück — Mahlzeit! Die Schufte tkieilen ehrlich — untereinnder, und das Volk kann sich das Maul abwischen. Und dann wirft es sich hoffnungsvoll einem neuen Consortium in die Arme. Das ist der Lauf der Welt, mein Lieber, daran ist nicht viel zu ändern; aber wir erlauben uns, Leben und Thaten der ehrenwerthen Räuberhäuptlinge höflichst festzunageln. — — — -Halloh, da ist er schon, unser „Bolksfreund"! es ist sehr interessant, den würdigen Monn, der so redlich, wahrhaft redlich, bestrebt ist, das Wohl des Volkes zu seinem eigenen zu machen, in einer Volksversammlung „bei der Arbeit" zu sehen. Die Menge steht dicht gedrängt, erwartungsvoll nach dem Eingänge des Saales spähend. Flüsternd geht es von Mund zu Mund: Polonski kommt, unser Polonski! Da ist er. Betäubendes Geschrei schallt ihm entgegen. „Hoch Polonski! Hoch der Volksfreund!" Seine fette, patzige Gestalt schiebt sich zur Tribüne; seine Blicke flackern unruhig durch den Saal, aber die Muskeln seines Gesichtes bleiben bewegungslos. Nur das dicke Haupt neigt sich gnädig nach den Grüßenden und hie und da fassen seine klobigen Finger polypenartig eine entgegengestreckte Hand. Er besteigt die Rednerbühne. Die Elephantenbeine wurzeln maffiv in dem Boden, über sie hinaus ragt der schlemmige Bauch, den naiven Gemiithern eine Versicherung der Treuherzigkeit und Ehrlichkeit, und weiter die schnaubende Brust, an welcher die ungeschlachten Arme hängen. Der Gorillaschädel krönt die herrliche Figur, die da aufgepflavzt steht, jeder Zoll ein Hausknecht der Firma Lump & Comp. Er spricht. Seine Stimme ist ein schmetterndes Brüllen, unermüdlich und ohne jede Modulation. Die eingelernten Phrasen stürzen breit und mastig zwischen den schwülstigen Lippen hervor und schlagen dröhnend an das begierige Ohr der Masse. Er sagt nichts Neues und nichts Wahres, aber er sagt das, was die Leute hören wollen, und jubelnder Beifall lohnt seine Mühe. Und er hat sich ein paffendes Schlagwort zurecht gemacht, das immer und überall elektrisirt, und das, am Schluffe einer Rede gesprochen, den sicheren Knalleffect verbürgt. „Alles für das Volk und Alles durch das Volk!" Dabei läßt sich denken und thun nach Belieben. Für das Volk — Sand in die Augen; durch das Volk — Geld in den Kasten! —- — — — Du willst wissen, wie ich „das köstliche Monstrum" aufgefunden? Durch Zufall allerdings, und es war ein glücklicher Zufall, denn ich entdeckte meinen Helden bei seiner ureigensten und beliebtesten Thätigkeit: beim Fräße. Schade, daß Dir dieser Anblick versagt blieb! Da saß er und leerte in rasendem Eifer Schüffel aus Schüssel. Seine ganze Seele, d. h. was man bei dem Menschen so nennen kann, concentrirte sich im Kauen. Die Kiefer arbeiteten wie Mühlsteine und die Augen gingen ihm über in schmausender Wollust. O, wie habe ich sie bewundert, diese schrankenlose Hingabe an eine Schüssel Austern, die ihn vermuthlich an die Bedürfnisse seines Volkes erinnerte; wie bewegt staunte ich diese spartanische Selbstverleugnung an, die ihn im Hinblicke auf den Jammer des Handwerker- und Gewerbestandes ihn noch eine zweite Auflage der famosen Seethierchen verzehren ließ! Und dazu trank der Heldenvater „seines geknechteten Volkes" nur Chablis ganz wie ein gewöhnlicher Feinschmecker. Ich war hingerissen und beneidete das glückliche Volk, dem es vergönnt ist, einen solchen Anwalt zu besitzen, einen Scbirmer und Nothhelfer, der „unentwegt", ohne Rücksicht auf die Kosten, bestrebt ist, sich den Armen und Bedrückten wohlgenährt zu erhalten Jedt erst begriff ich die ganze Größe und den erhabenen Edelmuth dieses Charakters- — — — — — Natürlicherweise fesselt die Herkunft des Romanhelden meine Aufmerksamkeit in hohem Grade. Gentlemen dieser Art pflegen ihre Abstammung gerne sorgfältig zu verwischen odereinen geheimnißvollen romantischen Schleier um dieselbe zu ziehen, denn sie