Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 5 (30.1.1891)
- Date
- 1891-01-30
- Page
- Seite 80 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 80 Hesterretchifche Wochenschrift Nr. 5. vor dem Tode zu retten suchte, will den König von diesem Entschlüsse zurückhalten: „So sehr der Schmerz verlornen Werth verdoppelt, Sag' ich auch doch, Ihr schlagt zu hoch sie an. Thu' es nicht, o Herr! Da es nun geschehen, Laß es geschehen sein. Laß uns den Jammer, Du trenne nicht dich, Herr, von deinem Volk." Aber der König dringt vor und das Unerwartete geschieht. Bei dem Anblick des Leichnams und der verzerrten Züge Rachels wird derselbe von seiner Leidenschaft geheilt. Er geht in sich und als Buße verzichtet er auf die Regentschaft zu Gunsten seines Sohnes und der Königin, während er selbst nun als Feldherr fortan das Königsheer anführen will. Versöhnt und heiter zieht der König, die Königin und der ganze Hofstaat von dannen, während man das Opfer ruhig dem Vater und der Schwester überläßt. Mit ernsten und würdevollen Worten Esthers schließt hierauf das Drama. Wenn wir nun das Stück genau betrachten, so müssen wir bekennen, es ist ein wenig anmuthendes Bild einerjüdischen Familie, das uns der Dichter entrollt Rachel ist ein eigensinniges, prunksüchtiges und gefallsüchtiges Mädchen ohne jeden sittlichen Fond. Sie hat außer ihrer Schönheit und einer gewissen kindischen Offenheit nichts für sich. Sie folgt nur ihrer Neigung, und zwar ohne Rücksicht auf Vater und Schwester, und ohne Rücksicht auf Moral. Isaak aber ist wie seine Tochter Esther sagt, in der Zeit der zweiten Kindheit des ergrauten Alters. Er ist ein kindischer Greis. Das ist seine einzige Entschuldigung. Sonst ist er nur eine Carricatur eines Juden, ein Schwächling, feig, habsüchtig, stumpfsinnig, ohne tiefere Empfindung für seine Familie und in allen bedenklichen Lagen nur auf die Rettung seiner Person und seines Geldes bedacht. Ohne Autorität in seinem Hause und ohne einem festen Willen überhaupt steht er stumpffinnig und ohne ein bitteres Wort sittlicher oder religiöser Entrüstung bei den Verirrungen und dem moralischen Untergang seiner Tochter, die unsittliche Verbindung Rachels mit dem Könige scheint sogar seiner Eitelkeit und seinem Eigennutz zu schmeicheln. Und während diese gemordet wird, sucht er sein Hell in.einem Versteck, und flüchtet sich sodann ängstlich hinter seine muthige Tochter E st h e r, als er noch fremde Schritte nahen hörte. Die beiden verschiedenen Schwestern stammen von zwei Müttern, von denen die Mutter Esthers, die erste Frau Isaak s, als arm, aber gut und anspruchslos, und die Mutter Rachels, die zweite Frau Isaaks, reich, verschwenderisch und genußsüchtig gewesen. So unterscheiden sich die beiden Mädchen von Natur durch die verschiedenen Anlagen, welche sie als Erbschaft von ihren Müttern empfangen haben. Beide sind aber dabei ohne eine mütterliche Erziehung herangewachsen, da sie beide ihre Mütter nach einander frühzeitig vorloren haben. E st h e r, die ältere Schwester, war frühzeitig berufen, die Leitung des Hauses und die Erziehung ihrer jüngeren Schwester zu übernehmen. Bei ihrer tief angelegten Natur hat sie sich unter dem Ernst der Pflichten zu einem schönen und festen Charakter entwickelt. Aber der beste Wille Esthers konnte die Autorität und das unaus sprechlich Hohe und Wirksame einer mütterlichen Erziehung bei der .üngeren Schwester nicht ersetzen. So ist es nun das Zusammenwirken besonderer Umstände, was Rachel so aus der Art schlagen läßt, daß sie so wenig von dem Geiste der jüdischen Familie und von der Keuschheit und Reinheit ihrer Sitten in sich hat Soweit war der scharfblickende Dichter von der Kennttriß des Lebens nicht fern, daß er in dieser Verkommenheit etwas specisisch Jüdisches hätte zeichnen wollen. Wenn er aber diese Geliebte des Königs überhaupt als Jüdin einführt, so geschieht dies nur deshalb, weil er der Verachtung, unter welcher die Juden damals lebten, als einer psychologischen Erklärung bedurfte für die Leichtigkeit,^mit der die ganze Gesellschaft über die nicht genügend 'gerechtfertigte Ermordung des Mädchens sich hinwegsetzt. Einen Beweis dafür, daß ihm jede feindliche Tendenz gegen die Juden fern war, gibt uns der Dichter in Esther, indem er die vom Standpunkte der Moral edelste und bedeutendste Figur des Stückes als Jüdin zeichnet. Der König ist wohl edel und gut von Natur angelegt; doch fehlt ihm die Consequenz eines großen und starken Charakters. Er ist ein tapferer Feldherr auf dem Schlachtfelde, aber kein Held in der Selbstbeherrschung, in den sittlichen Kämpfen des Lebens. Die Königin ist unweiblich hart und grausam, und auch die Höflinge und Räthe stehen nicht auf der Höhe eines festen sittlichen Wollens; von Rachel und Isaak ist überhaupt nichts gutes zu sagen. Der einzige selbstlose unschuldige, reine und sittliche Charakter voll Liebe, Aufopferung und Gerechtigkeit ist E st h e r, so daß wir ihren Worten voll und ganz zustimmen, wenn sie gegen Schluß des Dramas zu dem königlichen Gefolge, das auf ihre freundliche Warnung von der Rache des Königs nur die stolz abweisende Antwort hat: „Weib, wir sind Christen," wenn Esther hierauf sagt: „Nun, Ihr habt's gezeigt; Ich lobe mir die Jüdin, weiser Gott." In ihrer vollen Seelengröße zeigt sich nns Esther am Schlüsse, als der heiter und vergnügt abgehende Hofstaat sie mit dem eingeschlichenen Greis und dem Leichnam der Schwester in ihrem Jammer theilnahmslos zurückläßt. Die Tiefgekrünkte ruft den. Abgehenden strafende Worte eines gerechten Zornes nach Doch als der wiedererwachte Vater in diesem Unglück zunächst an sein Geld denkt, da ändert und sänstigt sich auch ihre Stimmung. Denkt Ihr noch dess, Im Angesicht des Jammers und der Roth? Dann seid Ihr schuldig auch und ich und sie. Wir stehen gleich Jenen in der Sünderreihe, Dann nehme ich 'rück den Fluch, den ich gespochen. Verzeih'n wir denn, damit man uns verzeihe. Wenn also der Dichter von der Idee seines Kunstwerkes gezwungen war, auf Rachel und Isaak einen tiefen Schatten zu werfen, so hat er aus poetischer und menschlicher Gerechtigkeit in Esther ein so schönes und Helles Licht gegenüber gestellt, daß Licht und Schatten einander aufwiegen und ausgleichen Wer ihn wegen Rachel und Isaak für einen Feind der Juden erkennen wollte, müßte ihn wegen Esther als einen Schwärmer für die Juden bezeichnen. Grillparzer war aber beides nicht. Er war einfach trotz der Unberechenbarkeit seiner augenblicklichen Stimmung im Grunde seines Wesens ein edler, gerechter und toleranter Mensch und Charakter. Mit der Rohheit und der Dummheit ist der große Dichter keineswegs gegangen. Wenn wir aber von dem Dichter für uns noch eine Lehre uns einprägen sollten, so wären es die letzten Worte Esthers, mit denen die Jüdin von Toledo ausklingt, daß nämlich bei der Unvollkommenheit der menschlichen Natur keine Menschenclasse und keine menschliche Gesammtheit frei von Sünden und Fehlern sei. „Verzeih'n wir denn, damit man uns verzeihe." Dieselbe Lehre möchten wir aber auch unseren Gegnern und Feinden empfehlen. Fürwahr, das wäre eine schöne und würdige Feier des unsterblichen Dichters, wenn wir anstatt um Grillparzer zu streiten, uns in Grillparzer vereinigen würden zur Liebe, Duldung und Gerechtigkeit. Mer ist der „Gezeichnete". Die „Ostdeutsche Rundschau", ein deutschnationales Blatt der Partei Schönerer, brachte kürzlich ein Feuilleton, in welchem ein „Volksfreund", ein anticorruptionistischer Abgeordneter, Eigenthümer und Herausgeber eines antit corrnptionistischen Tagblattes, mit der Devise: „Alles für