Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 5 (30.1.1891)
- Date
- 1891-01-30
- Page
- Seite 79 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5. Hesterreichifche Wochmfchrift Seite 79 es vom directen Aussprechen nicht zu unterscheiden ist. Aber ist denn Mordechai diese Lüge leicht geworden? Ist es ihm überhaupt leicht geworden, die Esther dem Könige zu überlassen? Sein ursprüngliches Entsetzen und sein Schreckensrus: „Großer Gott!" sprechen deutlich genug dagegen, und ferner seine Worte: „Gäb' ich sie hin Gäb' ich mein eig'nes Leben zehnmal hin Zur Ehre meines Gottes, meines Volkes." Was ihn veranlaßt, die Erhebung Esthers überhaupt gewähren zu lassen, ist, daß er darin einen Rathschluß Gottes sieht: „Eine unseres Volkes Zu setzen hoch auf Asiens stolzen Thron, Daß sie ein Schutz sei ihrer flüchtigen Brüder, Vielleicht sie heimführt in ihr Vaterland, Und neu erbaut des Bundes alten Tempel." Nicht das Streben nach persönlicher Macht oder persönlichem Gewinn ist also für Mordechai das Motiv seiner Handlung, sondern die Rettung seiner flüchtigen Brüder, die Wiedergewinnung des verlorenen Vaterlandes und die Wiederaufrichtung des nationalen Heiligthums. Wer angesichts solcher Zwecke das täuschende Schweigen M o r d e ch a i's noch ladelnswerth findet, dem fehlt der Maßstab für die Messung der Pflichten bei einem Conflicte desselben, der ist ein Splitterrichter, aber kein Richter vom Standpunkte einer höheren Gerechtigkeit. Wenn man da noch Mordechai wegen Täuschung oder Mangels an Offenheit tadeln wollte, dann müßte man auch den als Patrioten gepriesenen Brutus verurtheilen, nicht weil er seinen edlen Wohlthäter, den großen Cäsar in seinem Wahn gemordet — das hätte einen Sinn — sondern weil er seinem Opfer Liebe gsheuchelt und ihm die schlimme Absicht vorher verschwiegen hat, dann wäre Shakespeares Porzia im Kaufmann von Venedig zu verurtheilen, daß sie sich als Mann verkleidet und ein falsches Attest gebraucht, um so als Anwalt vor Gericht zugelassen zu werden, um Antonie vor dem Messer des S h y l o ck zu retten, dann wäre auch der edle Marquis P o s a in S ch i l l e r's „Don Carlos" zu verurtheilen, weil er, aus Liebe zu dem Vaterlande, den König Philipp getäuscht hat, und dann wäre auch Goethes Iphigenie zu verdammen; weil sie durch einen Zufall verhindert wurde, den zur Rettung des Bruders geplanten Verrath an ihrem Wohlthäter, dem König Theos, auszuftihren. Ebenso wenig wie dieser kann man im Geiste der Dichtung hier dem M o r d e ch a i als Schuld anrechnen, daß er E st h e r s Abkunft verschwieg oder diese zu einem täuschenden Schweigen veranlaßte, wo es sich um einen großen und edlen Zweck handelte, um den Schutz seiner flüchtigen Brüder und die Befreiung seines unglücklichen Volkes, wofür Mordechai sein Leben zehnmal hingegeben hätte. So scheiden wir nun mit der uneingeschränkten Empfindung des Dankes und der Verehrung gegen den unsterblichen Dichter von dem herrlichen Fragment Esthers, um uns seinem anderen Drama „Die Jüdin von Toledo" zuzuwenden. Das Stück, dessen Stoff Grillparzer dem spanischen Dichter Lopez de Vega entlehnte, führt uns in das zwölfte Jahrhundert und an den Hof A l f o n s des Edlen, Königs von Castilien, dieser Fürst führte diesen Beinamen nicht ohne Grund; denn er war von Natur wirklich edel. Ihn dauert die bittere Noth des Landmannes in der Nothwendigkeit des Krieges gegen die Mauren; aber er hat auch ein Wort edlen Zornes, als man ihm berichtet, daß der Eifer des Volkes Sich gegen jene Andersgläub'gen wendet, Die Handel und Gewinn im Land zerstreut; Schon ward ein Jude hier und da mißhandelt, darauf bemerkt der König: „Und ihr, ihr duldet's? Nun, beim großen Gott! Wer sich mir anvertraut, den will ich schützen, Ihr Glaube kümmert sie, mich, was sie thun." Seine edle Denkart bekundet der König ferner in seinem Urtheil über die Juden: „Ich selber lieb' es nicht, dies Volk, doch weiß ich. Was sie verunziert, es ist unser Werk; Wier lähmen sie und grollen, wenn sie hinken. Zudem ist etwas großes Garceran, In diesem Stamm von unstät flücht'gen Hirten: Wir andern sind von heut, sie aber reichen Bis an der Schöpfung Wiege, wo die Gottheit Noch Menschen gleich in Paradiesen ging. Wo Cherubim zu Gast bei Patriarchen, Und Richter war und Recht der ein'ge Gott." „So Christ als Muselmann führt seinen Stammbaum Hinauf zu diesem Volk als ältestem, erstem. So daß sie uns bezweifeln, wir nicht sie. Und hat es, Esau gleich, sein Recht verscherzt. Wir kreuz'gen täglich zehnmal den Herrn Durch unsere Sünden, unsere Mifsethaten, Und jene Habens einmal nur gethan." Doch dieser von Natur so edle König war früh verwaist, als Kind von seinem Oheim bedroht und hatte so von seinem zartesten Alter an, wo er die Krone empfing, mit Feinden und Ungemach zu kämpfen. So blieb ihm kein Blick für des Lebens Güter, und was andere reizt nnd lockt, blieb ihm fern und fremd. Daß es Weiber gibt, hat er nach seinen eigenen Worten erst erfahren, als man ihm die englische Königstochter in der Kirche angetraut hatte. Diesem begegnet nun in dem königlichen Garten zu Toledo, wo der Hof eben seinen Einzug gehalten hatte, zufällig eine überaus schöne Jüdin, welche das Herz des Königs sofort gefangen nimmt. Rachel, die Tochter des reichen Isaaks von Toledo, ist schön, aber sie ist auch verzogen, gefallsüchtig, eigenwillig übermüthig und kindisch albern, und sie hört weder auf ihren Vater Isaak, noch auf ihre brave und besonnene ältere Schwester Esther. Gegen seine Warnung betritt das unbändige Mädchen den königlichen Garten, dessen Betretung während der Anwesenheit des Hofes den Juden verboten war. Von den Gärtnern darob verfolgt, flüchtet das erschrockene Mädchen um Schutz flehend zu dem dort weilenden König. Vergebens sucht der König die in ihm sofort enffachte Leidenschaft zu dem schönen Judenmädchen zu bemeistern. Er wird vielmehr von ihren Reizen und ihren coquetteu Spielereien immer mehr bestrickt, bis er schließlich mit Rachel sich auf sein Landschloß Retiro zurückzieht, um mit derselben ein unwürdiges Schäferleben zu führen. Die Zeit aber, von welcher unser Drama handelt, war sonst gegen solche Liebesabenteuer in hohem Maße tolerant. Das zeigt sich in den Gesprächen, welche die hohen Herren miteinander führen, und davon zeugt auch das Schloß Retiro selbst, in welchem schon vorher ein Sohn des Königs Don S a m ch o in gleicher Weise die Liebe zu einer Maria verborgen gesättigt hat. Aber Alfons that dies zu auffallend öffentlich, und darum beschloß die beleidigte Königin den Tod des Mädchens. Nachdem der Graf von Lara diesen Beschluß vor dem Rathe auch vom Standpuntte des Staatswohles, das die Lösung dieses Verhältnisses fordert, gerechtfertigt hat, wird derselbe in Abwesenheit des Königs schleunigst ausgesührt. Der Tod der Geliebten läßt aber dem Könige ihr Bild noch holdseliger erscheinen und gräbt ihm dasselbe noch ttefer in die Brust, so, daß er die blutige Thal an den Thätern zu rächen beschließt, und für diese Rache sich durch den nochmaligen Anblick der entseelten Geliebten stärken will. Die gute und edle E st h e r, welche vorher ihre Schwester Rachel mit eigener Lebensgefahr