Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 5 (30.1.1891)
- Date
- 1891-01-30
- Page
- Seite 78 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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S«re 76 Hejkerreichtsche Wochmschrtst Nr. 5 richtet, der durch das Land geht und der alle schönen Mädchen zwangsweise nach dem Hofe des Königs fordert, „zu stellen sich der fürstlich hohen Wahl". Den darob erschrockenen M o r d e ch a i tröstet Esther mit den Worten: „Sei ruhig, uns beschützt schon unsere Abkunft, Denn Israel, so hoch in eigener Schätzung, Sicht tief im Werth bei allem Nachbarvolk; Man reicht nicht gern der Jüdin Hand und Ring." Doch bald kommen Mordechai andere Gedanken. Melleicht, daß es der Rathschluß Gottes wäre „Eine unseres Volkes Zu scheu hoch auf Asiens stolzen Thron, Daß sie ein Schutz sei ihrer flüchtigen Brüder, Vielleicht sie heimführt in ihr Vaterland, Und neu erbaut des Bundes alten Tempel. — Bleib' Esther, bleib! — Geb' ich sie hin, Gäb' ich mein eigenes Leben zehnmal hin Zur Ehre meines Gottes, meines Volkes. Laß uns erwarten Tochter, was da kommt; Was immer auch, es kommt, bedenk', von Oben." So erwarten sie den gerade herankommenden Hauptmann, der in Esther sofort diejenige erkennt, welche der Forderung vollkommen genügt. Die sich sträubende Esther wird nun von Mordechai ermuthigt und zum Schweigen über ihre Abstammung veranlaßt. So kommt Esther an den Hof des Königs. Hier hat sich die Lage inzwischen noch verschlimmert. Der König ist über die gemeine Art der Vorführung der Mädchen entrüstet, und die Räthe besprechen schon schadenfroh den Sturz des Ministers Ham an. Auch Esther, welche dem König vorgeführt wird, heißt dieser gehen. Aber die Freude, mtt der Esther dies aufnimmt, und die Schnelligkeit, mtt der sie Weggehen will, fällt dem König auf, und so hält er sie noch mit einigen Worten zurück. Das schöne und verständige Mädchen gefällt ihm, und ihre edelmüthige Offenheit, mtt der sie für die verstoßene Waschü alsdann eintritt, nimmt ihn völlig für sie ein und besonders der zarte Familiensinn in ihren Worten: Ruf sie zurück, mtt ihr rufst du dein Glück Es ist das Weib vom Selbst des Mannes ein Theil, Und wer hat seinen Arm sich abgehauen, Well er ihm nicht gefiel, den Fuß verkürzt Well er zu lang, das Auge ausgebohrt. Well braun es war, nicht blau? Ertrag' das leickt, Damit dir Jemand tragen Hilst, was schwer. Und findest du die Beste des Geschlechts, Kannst du ihr geben die Erinnerungen, Die Jene mitträgt aus dem Lenz der Tage, Wo noch das Leben grün, die Wünsche biegsam, Von einem Schnitt der bittersüßen Neigung Sich Pfropfreis fügt und Stämmchen hold in Eins, Zu eines Daseins ungetheilten Früchten? Das Alter, Herr,, ich seh' es an meinem Ohm, Ist weis' und klug; die Jugend aber heilig; Erhall' sie in der Jugordfreundin dir. Das Ende dieser kostbaren Scene ist, daß der König von Esthers Anmuth und Geist bezwungen, sie zu seiner Königin erwählt. Damtt endet aber zugleich das Fragment. Mtt der von Grillparzer gedachten Ausführung, welche wir nur einer gelegentlichen Unterredung des Dichters mit Frau von Littrow-Bischoff verdanken, haben wir uns hier nicht zu beschäftigen. Jeder unbefangene Leser dieses wunderbaren Fragments muß den Eindruck haben, daß der Dichter die jüdischen Träger seiner Handlung mit seinem besonderen Wohlwollen ausgezeichnet hat. Denn unter den einigenden hervorragenden Personen des Dramas sind — neben der einzigen Aares, der Gattin Ham ans, welche ihre Hauptrolle erst in der geplanten Fortsetzung spielen sollte, und welche als Gattin wohl nicht als ein Muster bezeichnet werden kann, die aber wenigstens in der Treue gegen die verstoßene Königin Waschtt fest und standhaft bleibt — nur M o rd e ch a i und Esther als bedeutende Charaktere des Stückes anzusehen. Gegenüber dem launenhaften und schwachherzigen König, dem niedrig und gemein denkenden und handelnden Ham an und den wetterwendischen Rathen erscheinen Mordechai und Esther geradezu groß und edel, weil sie allein auf dem starken Boden eines sittlichen Wollens und Empfindens stehen, Mordechai in seiner selbstlosen Aufopferung für sein Volk und Esther in ihrer reinen, unschuldsvollen und hingebenden Weiblichkeit. Thatsächlich verlangte auch schon die Tendenz des Stückes, welche dem Dichter nach seiner eigenen Angabe beim Angriff desselben vorschwebte: die Toleranz eine wohlwollende Behandlung derjenigen, durch welche diese Idee der Toleranz zum Siege gebracht werden und denen auch dieser Sieg in erfter Linie zugute kommen sollte. Man sollte es kaum für möglich halten, auch in diesem Stücke Belege für eine judenfeindliche Gesinnung des Dichters finden zu können. Der Befangenheit aus Haß und Uebelwollen erscheinen aber die Dinge nicht in ihrer natürlichen Gestalt. Wohl vernimmt man aus den Worten Esthers: „Denn Israel, so hoch in eigener Schätzung, Steht tief im Werth bei allem Nachbarvoll" des Dichters leisen Tadel einer nattonalen Selbstüberschätzung Israels; aber welches Volk hat das Bewußtsein eines nationalen Vorzuges bei einem andern Volke nicht als eine Selbstüberschätzung gescholten! In dem vielsprachigen Oesterreich, wo das Unverhältnißmäßige der Hochschätzung der eigenen Nationalität mit der Werthschätzung, welche dieselbe bei anderen findet, überall so oft zu Tage tritt, dürfte man darin etwas mehr Natürliches als Tadelnswerthes finden. Aber in dem Sehnen und in den Träumen M o rdechai's, in welchem der Dichter das Urbild eines Juden gegeben haben soll, will man das Streben der Juden nach Weltherrschaft erkennen. Es ist die Stelle, in welcher Mordechai spricht: „Ja, unser Voll, es ward von Gott bestimmt, Zu sein der Gipfel dieser weilen Erde, Der Mittelpunkt der Böller nah und fern. Und wie der Sonne Pracht, wie Mond und Sterne, Ob herrlich gleich ihr Reigen sich geberde. Geschaffen doch zum Dienst nur dieser Erde: So aller Böller Glanz und Herrlichkeit, In ihrem Siege, ihrer Macht Vereine, Für unser Voll, so dunkel es auch scheine." Wir meinen aber, daß solche harmlose Zukunststtäume und Hoffnungen mit denen ein gedrückter Mann oder ein gedrücktes Volk im Sinne des Dichters sich tröstet und aufrichtet, von einem gewinnsüchtigen oder ehrgeizigen Streber doch auch himmelweit entfernt sind. Solche und ähnliche nationale Hoffnungen, und Träume gedrückter Völker haben der Welt noch keinen Schaden gebracht und jedenfalls weniger geschadet, als die wirklichen Bestrebungen ehrgeiziger, selbstsüchtiger und mächttger Männer, welche gleich Ha man alle andern vernichten möchten, die ihrer Macht oder ihrer Eitelkeit hinderlich oder verletzend sind. Doch der schwerste Vorwurf, welcher Mordechai gemacht wird, ist, daß er Esther ihre Abstammung verschweigen läßt, weil diese Erkenntniß vielleicht ihrer Wahl zur Königin hinderlich gewesen wäre. Somit hätte Mordechai gelogen und getäuscht, um zum Ziele der Macht und Größe zu gelangen, was eine specifisch jüdische Art sein soll. Wir wollen hier durchaus nicht als eine Verteidigung gelten lassen, daß ein von Andern falsch gedeutetes Schweigen noch keine directe Lüge sei. Manches Schweigen ist so beredt, daß