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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-01-30 · 5 (30.1.1891) · p. Seite 77

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
5 (30.1.1891)
Date
1891-01-30
Page
Seite 77 (sequence 3)
Language
German
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Hesterreiihlsche Wochenschrift Sette 77 Nr. h Zeit dazu, Sie müssen sich erst rehabilitiren"; serner aus noch früherer Zeit ein Epigramm auf Saphir, welches Grillparzer als Antwort auf einen heftigen und stechen Angriff Saphirs geschrieben. Das Epigramm wurde nicht von Grillparzer, sondern von Frankl, p. 9, auf eine private Mittheilung Rizys veröffentlicht und lautet: „Der Teufel wollte einen Mörder schaffen Und nahm dazu den Stoff von manchem Thier: Wolf, Fuchs und Schakal gaven her das ihre; Nur Ein's vergaß der Ehrenmann: den Muth, Da drückt er ihm die Nase ein voll Wuth Und rief: Lump, werd' ein Jud — und recenffre" Der erste Spruch zeigt wohl eine gewisse Befangenheit des Urtheils, aber keine Feindseligkeit, sondern im Gegentheil ein allgemein menschliches Wohlwollen für die Juden Das Epigrannn aber ist der Ausbruch einer augenblicklichen persönlichen Erregtheit, und das Epigramm war ja auch nicht für die Oeffentlichkeit bestimmt. Ich meine aber, daß abgesehen davon, daß Aeußerungen aus früherer Zeit nicht maßgebend sind für die mehr ausgereiften Ansichten späterer Jahre, solche gelegentliche und nicht für die Oeffentlichkeit bestimmten Aeußerungen bei einem Manne, bei dem der Stimmungswechsel und eine nervöse Reizbarkeit eine krankhafte Erbanlage gewesen, nicht das Zeichen einer tiefwurzelnden Ansicht oder Empfindung sein müssen. Entscheidend für eine Charakteristik Grillparzers nach dieser Seite sind uns dagegen die jüdischen Figuren seiner Dramen, die er mit dem Gepräge seiner künstlerischen Meisterschaft versehen aus der Werkstatt seines Geistes in die Welt gesetzt hat. Hier ist die Richtstatt, auf welcher der Streit über Grillparzers Ansichten ausgetragen werden muß, auf welcher Angriff und Vertheidigung geführt werden sollen. Auf diesem Boden wollen wir uns nun unseren Gegnern gegenüberstellen. Zu diesem Zwecke sind es aber nur die beiden Stücke „Esther" und „Die Jüdin von Toledo", die wir eingehend zu prüfen haben. Mit „Esther", dem älteren Stücke, wollen wir uns zunächst beschäftigen. Dasselbe ist ein Fragment aus zwei Acten. Von diesem Stücke sagte Grillparzer in einer Unterredung mit Frau von Littrow-Bischosf (aus dem persönlichen Verkehr d. l., p. 156), daß die Religion und nicht die Liebe den Inhalt dieses Dramas ausmachen sollte, und daß die letztere den Knoten nur in schöner Weise schürzen sollte. Ein solcher Inhalt entsprach auch der Veranlassung, welche Grillparzer zu dieser Dichtung nach seinen eigenen Worten führte. Diese Veranlassung gab nämlich die Vermählung des aus den napoleonischen Kriegen bekannten österreichischen Feldherrn Erzherzog Karl mit einer protestantischen Prinzessin aus dem Hause Nassau- Weilburg, welche am 17. September 1815 stattfand. Diese Vermählung mit einer Protestantin erregte in der katholischen Bevölkerung Wiens damals großes Aufsehen und bildete einen Gegenstand des Gesprächs in den Familien. Wie einst Lessing das Theater als seine Kanzel bezeichnete, so wollte also auch Grillparzer in diesem Stücke seine Ideen über Toleranz von der Bühne verkünden. Leider ist „Esther" nicht vollendet worden, sondern ein Fragment geblieben; aber wir sind nach den Mittheilungen der Frau von Littrow-Bischosf in der Lage, das Fragment im Geiste des Dichters zu ergänzen. Wir haben uns jedoch nur mit dem von dem Dichter selbst uns gegebenen Fragment hier zu beschäftigen. Die Verabschiedung der Königin W a s ch t i, welche der gegen die Sitte des Landes verstoßenden Aufforderung des Königs nicht gehorchte, liegt hinter der Scene und bildet die Veraussetzung unserer Handlung. Doch hat dieser Vorfall auf das Gemüth des Königs furchtbar gewirkt. Er ist ein ganz anderer geworden. Der sonst gute, weichherzige gnd sanstmüthige Fürst, der früher „die Liebe war des menschlichen Geschlechts, dess' Wort Verzeihung hieß, sein Anschau'n Gnade", ist jetzt verstört und im Innersten verwandelt. Die Rüder des Werkes stocken, und voll Haß und Bitterniß gegen seine Umgebung zieht er sich von seinen Rüthen und von den Geschäften zurück in die Einsamkeit der Gemächer. An eine Wiedervereinigung mit W a s ch t i ist aber trotzdem nicht zu denken bei des Königs „Hartnäckigkeit, die ihm als traurigen Ersatz versagter Festigkeit ein Gott verlieh." Auch eine Vermählung mit der Tochter eines Judenfürsten oder des ägyptischen Königs stößt aus Hindernisse, da der König in seinem Mißtrauen gegen die Höflinge die neue Gattin nur seiner eigenen Wahl verdanken möchte. Nur ein Mädchen, das durch Schönheit, Anmuth und Geist den König fesseln könnte, wäre imstande, dem König wieder die Heiterkeit des Gemüthes zu verschaffen und ihn wieder auf die gewünschte Bahn zurückzusühren. Dieses hat der schlau berechnende Ham an, des Königs Minister, erkannt, und darum hat er auch im Geheimen die Anstalten getroffen, von deren Gelingen er auch eine Befestigung seiner bereits schwankend gewordenen Stellung erwarten könnte. Im Stillen hat er seine Boten ausgesandt, um alle Schönen des Landes aus den nächsten Bezirken des Reiches ohne Rücksicht auf ihren Stand und ihre Abstammung zwangsweise an den Hof des Königs zu bringen. Ein Hauptmann, welchem der ländliche Kreis in der Nähe der Hauptstadt Susa zur Prüfung und Aussonderung der Schönen überwiesen wurde, hat aber vergeblich zu diesem Zwecke seinen Bezirk durchsucht. Er fand nicht Eine, welche der Forderung genügt hätte, als er auf seiner Liste das noch nicht geprüfte Haus M o r d e ch a i's findet, zudem er nun seine Schritte lentt. Inzwischen hatte aber Esther, die Nichte und Pflegetochter Mordechai's, aus ihrem Morgenspaziergange durch die Gegend Kunde von dieser Müdchenjagd erhalten, und so kehrt sie eilends in das Haus ihres Pflegevaters zurück. Diesen findet sie noch über seinen heiligen Büchern grübelnd und sinnend, so wie sie ihn am frühen Morgen verlassen, nachdem er die ganze Nacht in derselben Weise durchwacht hatte. In dem Dialog, der sich hier entspinnt, gewährt uns der Dichter einen Einblick in das innere Seelenleben dieser beiden merkwürdigen Personen, das für unfern Zweck besonders charatteristisch erscheint. Esther ist ein edles, reines, unschuldiges und verständiges Mädchen. Sie liebt und verehrt ihren Oheim, dem sie zu großem Danke verpflichtet ist. Sie wäre bereit ihr eigenes Dasein für ihn zu opfern und nicht Willens, für die Wohlfahrt einer Welt nur ein Atom von seinem Sein zu geben. Rührend ist ihre Sorge um das Wohl des Pflegevaters, dem sie wegen seiner Ueberanstrengung liebevolle Vorwürfe macht. Mordechai aber, welcher zu den nach Babylon exilirten Juden gehört, ist voll Trauer über den Druck seines Volkes und sucht Stärkung für seinen Geist in den heiligen Büchern, die ihn in ferne Zeiten führen. Aus diesen Büchern ersieht er, daß sein Volk bestimmt sei, der Gipfel der Erde und der Mittelpunkt der Völker zu sein. Daraus schöpft er auch die Hoffnung: „Aus unserm Volk erstehen wird ein Held, Dem sich in Ost und Westen beugt die Welt, Der ganzen Menschheit freudiger Gebieter." Auch Mordechai liebt seine Bruderstochter innig, wenn er sie auch wegen ihrer mangelhaften Verehrung der heiligen Bücher tadelt; aber er liebt sie noch besonders, weil sie von mütterlicher Seite aus dem königlichen Hause David stammt. Den Stolz auf diese edle Abstammung sucht Mordechai in Esther zu nähren, denn „Du sollst Dich fühlen schon dadurch bereit Zu jedem Großen, das die Zeit Dir auferlegt." Hier bemerkt Esther schalkhaft, daß die Zeit der Größe vielleicht schon da sei, .indem sie ihm von dem Rufe be-

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